Symposium 1999: „Einflüsse elektromagnetischer Felder auf Bäume müssen untersucht werden!“ ... 27 Jahre später: Das Bundesamt für Strahlenschutz hat keine einzige Studie veranlasst.

Interview mit Dr. Cornelia Waldmann-Selsam
Werden Bäume durch die Strahlung von Mobilfunksendeanlagen geschädigt? Dr. Cornelia Waldmann-Selsam untersucht dies seit 20 Jahren, legte Bericht um Bericht vor, die Schädigungen belegen, zuletzt eine große Dokumentation. Über ihre Untersuchungen informierte sie kontinuierlich das Bundesamt für Strahlenschutz, Ministerien, Universitätseinrichtungen und Forstämter mit dem Ziel, dass sie überprüft werden. Im zweiten Teil dieser Artikelserie fragen wir Cornelia Waldmann-Selsam, warum diese Überprüfungen bisher nicht erfolgen und wie ihre Beobachtungsstudien wissenschaftlich zu bewerten sind. Cornelia ist ehrenamtliche Mitarbeiterin im Team von diagnose:funk.
diagnose:funk

Die Bilddokumentationen der letzten 20 Jahre machen die Auswirkungen auf Bäume an Orten in ganz Deutschland anschaulich. Eine englische Version gibt es auf https://esc-info.eu/tree-damage-caused-by-radiofrequency-radiation/

 

Dr. Cornelia Waldmann-SelsamFoto: privat

DIAGNOSE:FUNK: Du hast eine umfangreiche Dokumentation über fast 20-jährige Beobachtungen von Baumschäden im Umfeld von Mobilfunksendeanlagen vorgelegt. Wie begann Deine Arbeit dazu?

CORNELIA WALDMANN-SELSAM: Mir fiel dieser Zusammenhang 2005 erstmals auf – anlässlich von Hausbesuchen bei erkrankten Anwohnern von Mobilfunksendern. In zeitlichem Zusammenhang mit Inbetriebnahmen von Mobilfunksendeanlagen waren an zahlreichen Orten Baumschäden auch bei günstigen Standortbedingungen und ausreichender Wasserversorgung aufgetreten. Die beobachteten Schadbilder, insbesondere einseitig beginnende Kronenschäden, konnten mir aber von Baumfachleuten mit den bisher berücksichtigten Einflussfaktoren nicht erklärt werden. Das ließ mich nicht los. Waren dies Einzelfälle?

Ich trug alle 52 Mobilfunksendeanlagen von Bamberg mit den Hauptstrahlrichtungen der Sektorantennen in den Stadtplan ein und führte dann Baumbegutachtungen an sämtlichen Standorten durch. An jedem Standort fielen Baumschäden auf. Alle Baumarten außer Kirschlorbeer waren betroffen. Im Funkschatten von Gebäuden waren die Bäume unauffällig und die Messwerte lagen unter 10 µW/m². In zahlreichen weiteren Städten und Gemeinden ging ich gleichermaßen vor. Insgesamt habe ich inzwischen Bäume an über 1.500 Mobilfunkstandorten aufgesucht. In Bergwäldern fiel die Entstehung neuer Lücken auf. Die Lücken traten häufig in den Bereichen auf, wo die Hauptstrahlen von Sektorantennen auf Hanglagen trafen. In Luftbildern war dies sichtbar.

DIAGNOSE:FUNK: Du führst also seit vielen Jahren systematische Beobachtungsstudien zu Baumschäden im Umfeld von Mobilfunksendeanlagen durch. Das sind Korrelationen, aber sind diese Beobachtungen wissenschaftlich fundiert?

CORNELIA WALDMANN-SELSAM: Die einseitig beginnenden Kronenschäden, jeweils auf der Seite, die einer Sendeanlage zugewandt war, eigneten sich für eine wissenschaftliche Untersuchung. Dazu suchte ich Kollegen, die über weitere Expertise verfügten. Der bekannte Biologe Alfonso Balmori entwarf das Studiendesign mit drei Gruppen: Gruppe von einseitig geschädigten Bäumen (n=60), Zufallsgruppe (n=30), Kontrollgruppe an funkarmen Standorten (n=30). Dipl.-Forstwirt Helmut Breunig begutachtete die Bäume. Alfonso Puente machte die statistische Analyse. Ich führte die Messungen mithilfe einer Teleskopstange auf jeweils zwei Seiten der Bäume durch.

Tabelle 1: In der Tabelle sind die Mittelwerte der Messergebnisse zusammengefasst. Die Tabelle zeigt die drei untersuchten Gruppen und widerlegt die Behauptung des BfS, es hätte keine Zufallsgruppe gegeben.

 

Das Ergebnis unserer Studie, die peer-reviewed publiziert wurde, belegt einen hochsignifikanten, direkt proportionalen Zusammenhang zwischen der Hochfrequenzbelastung und den einseitigen Kronenschäden. Die Schäden traten weit unter den geltenden Grenzwerten für Mobilfunkstrahlung auf. Die Studie wurde inzwischen 80-mal zitiert. Um Überprüfung des Verdachtes durch weitere wissenschaftliche Studien unter den realen Freilandbedingungen wurden Behörden gebeten. Unsere Bitte um weitere Studien zur Überprüfung des Ergebnisses wurde nur von Forstwissenschaftlern aus der Türkei erfüllt (Ozel et al. 2021).

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Die Studien

Waldmann-Selsam C, Puente A, Breunig H, Balmori A (2016). Radiofrequency radiation injures trees around mobile phone base stations. Science of the Total Environment, 572, 554–569. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2016.08.045
https://www.researchgate.net/publication/306435017_Radiofrequency_radiation_injures_trees_around_mobile_phone_base_stations 

Ozel HB, Cetin M, Sevik H, Varol T, Isik B, Yaman B (2021). The effects of base station as an electromagnetic radiation source on flower and cone yield and germination percentage in Pinus brutia Ten. Biologia Futura, 72, 359–365. https://doi.org/10.1007/s42977-021-00085-1,  emfdata.org/de/studien/detail&id=635 (Kurzfassung)

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DIAGNOSE:FUNK: Welche wissenschaftlichen Befunde zu Pflanzen und Hochfrequenzstrahlung gab es vor deinen Arbeiten und welche aktuellen gibt es?

CORNELIA WALDMANN-SELSAM: Unsere Beobachtungen und Schlussfolgerungen waren keineswegs neu. Wir konnten uns auf Studien, die seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts durchgeführt wurden, stützen.[1] Sie untersuchten die Einflüsse von elektromagnetischen Feldern auf Pflanzen. Ich habe Beispiele 2010 in dem Forschungsbericht „Wirkungen elektromagnetischer Felder auf Pflanzen“ zusammengestellt.[2]

Ab 1980 beobachteten und dokumentierten Elektrotechniker, Physiker, Forstwirte und Ingenieure in verschiedenen Regionen Deutschlands Baumschäden im Einflussbereich von Radar-, Richtfunk-, Rundfunk- und Fernsehsendern. Ingenieur K. Ermer und Diplom-Forstwirt C. Schulte-Uebbing zäunten im Fichtelgebirge bzw. am Wendelstein geschädigte Fichten mit engmaschigem Maschendraht ein, nach sechs bis acht Wochen ergrünte ein Großteil der eingezäunten Bäume wieder. [3] Dipl.-Ing. Franz Mayerhofer zeichnete die Richtfunkstrecken in Karten und dokumentierte die geschädigten Schneisen. Dipl.-Ing. H. Hommel führte Feldstärkenmessungen und Leitfähigkeitsmessungen an Tannennadeln durch und veröffentlichte gemeinsam mit Prof. G. Käs. 1985 stellte er seine Ergebnisse auf dem UBA-Symposium „Neue Ursachen-Hypothesen“ vor und forderte Messungen der Feldstärkeverteilung, Untersuchungen des Jahresgangs der Leitfähigkeit und Forschung zu Hochfrequenz-Immissionen auf den Pflanzenstoffwechsel.

Dr.-Ing. W. Volkrodt dokumentierte 1988/89 Waldschäden in ganz Deutschland – jedes Schadgebiet lag im Hochfrequenzfeld von Radar-, Richtfunk-, Rundfunk- oder Fernsehsendern. Er vermutete, dass der Empfang hochfrequenter Felder durch die Antennenfunktion von Bäumen und die Weiterleitung zu den Wurzeln Auswirkungen auf Feinwurzeln und den Ladungszustand der Ionen im Boden hat.

Auch Aloys Bernatzky, ein renommierter deutscher Gartenarchitekt, Fachmann für Baum- und Naturschutz sowie ein bedeutender Pionier der Stadtökologie, beobachtete geschädigte exponierte und gesunde abgeschirmte Bäume sowie abgestorbene Wipfel oberhalb des Dachfirstes und veröffentlichte 1994 entsprechende Berichte und eine Zeichnung.
 

Abbildung: Zeichnung aus dem Lehrbuch „Baumkunde und Baumpflege“, Bernhard Thalacker Verlag, 1994, 5. erweiterte Auflage

 

Ab 2004 untersuchten verschiedene Forschergruppen in Laborexperimenten Auswirkungen von HF-EMF auf Pflanzen. Die Wissenschaftler fanden Auswirkungen auf Keimung, Entwicklung, Wachstum von Wurzel und Spross, Morphologie, Zellmembranen und Zellstoffwechsel. Kurzfassungen von über 30 Pflanzenstudien gibt es auf dieser Datenbank: emfdata.org/de/studien/detail&id=835.

Im Jahr 2024 veröffentlichten Sharma et al. eine Feldstudie. Zwiebelknollen wurden 7 Tage lang an fünf Standorten in der Nähe von Mobilfunksendeanlagen  (800, 1800 und 2300 MHz) mit unterschiedlichen Leistungsflussdichten (10.500 µW/m² bis 129.000 µW/m²) exponiert.   Am Standort der Kontrolle betrug die Leistungsflussdichte 0 µW/m². Wurzellänge, Frischgewicht, Trockengewicht, relativer Wassergehalt für morphologische Merkmale, Konzentration von antioxidativen Enzymen und von Proteinen sowie Chromosomen in den Wurzelspitzenzellen wurden untersucht. Es wurden signifikante Veränderungen der Morphologie sowie der Konzentration antioxidativer Enzyme und von Proteinen gefunden. Im Jahr 2026 berichteten Keller und Geier über verminderte Photosyntheseleistung und vorzeitige Blattseneszenz bei jungen Linden nach Exposition mit DECT und WLAN.                                                   

DIAGNOSE:FUNK: Die derzeitigen Hitzewellen und der Regenmangel setzen den Bäumen massiv zu. Sie kommen unter Trockenstress, werfen Blätter ab oder sterben sogar. Zahlreiche Bäume sind anlässlich der Unwetter umgestürzt. Ist dies nicht eine viel größere Gefährdung als die Strahlung?

CORNELIA WALDMANN-SELSAM: Man kann nicht eine Gefährdung gegen die andere aufrechnen. Sowohl der Klimawandel als auch die Strahlung schädigen die Bäume. Bei etwa 75.000 Mobilfunksendeanlagen in Deutschland steht eine große Zahl von Bäumen unter Hochfrequenzexposition. Und ganz wichtig: Eine vorliegende Hochfrequenzbelastung verstärkt die Auswirkung von Hitze und Trockenheit auf Bäume, weil die Schutzmechanismen der Bäume vor Trockenstress beeinträchtigt werden. Die Funktion der Schließöffnungen und notwendige Reaktionen im Stoffwechsel werden gestört. An funkarmen Standorten tritt diese Verstärkung nicht ein und man kann dort zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich vitale Bäume antreffen. Die Tatsache, dass selbst klimatolerante Baumarten auf günstigen, jedoch hochfrequenzbelasteten Standorten Schäden entwickeln, belegt den Einfluss der Strahlung. Speziell die Fichtenwälder werden durch Trockenstress erheblich geschwächt und Borkenkäfer können sich dann großflächig verbreiten.

Da Bäume Empfangsantennen für hochfrequente elektromagnetische Felder darstellen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass dies Auswirkungen auf Wurzel, Bodenleben (Wurzelsymbionten) und Bodenchemie hat. Die große Zahl umgestürzter Bäume, auch an Gewässern, ist äußerst beunruhigend. Manche Bäume hatten fast keine Wurzel. Am Möhnesee wurde ein Mann tödlich verletzt.

 

Tagungsband 1999

DIAGNOSE:FUNK: Wie reagierte das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)?

CORNELIA WALDMANN-SELSAM: Trotz der vorliegenden Studien und Beobachtungen wurde ab 1992 das Mobilfunknetz aufgebaut - ohne begleitende Forschung. Im Jahr 1999 erkennen Einzelne die Gefahr. Auf der Tagung 1999  “Effects of Electromagnetic Fields on the Living Environment” von WHO, ICNIRP und Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) wurde eindringlich aufgefordert:

 

 

„Zu den spezifischen Themen, die behandelt werden müssen, gehören

  • EMF-Exposition von Tieren, Pflanzen und Meeresorganismen
  • Orientierungs- und Migrationswirkungen auf Vögel und Meeresorganismen,
  • Verhaltensänderungen bei Insekten“ (Tagungsband, S. 8).

Der Auftrag war klar: „Einflüsse elektromagnetischer Felder auf Bäume müssen untersucht werden!“ (Zitat aus Tagungsband, im Original auf Englisch).[4] Um das zu bekräftigen, zeigte Dr.-Ing. Dipl.-Phys. Volker Schorpp auf einem Fachgespräch des BfS im Jahr 2006 Indizien für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Baum- bzw. Waldschäden und chronischen Hochfrequenzbelastungen. Bei diesem Gespräch war ich dabei. Trotz der Präsentation mit dutzenden Hinweisen erklärte Dr. A. Dehos vom BfS 2007: „Zu möglichen Auswirkungen hochfrequenter Felder auf Pflanzen gibt es von wissenschaftlicher Seite bisher keine klaren Hinweise. Daher messe ich dieser Frage ebenfalls keine Priorität bei.“ Beide Aussagen waren falsch, denn einerseits lagen schon 1950 durch Untersuchungen an der Uni Freiburg klare Hinweise vor, und andererseits war auf der WHO/ICNIRP/BfS‑Tagung 1999 die Dringlichkeit entsprechender Untersuchungen betont worden. Das BfS wollte Hinweisen nicht nachgehen. Das BfS hat bis heute keine einzige Studie zu Auswirkungen von Mobilfunk auf Bäume veranlasst.

DIAGNOSE:FUNK: Wie rechtfertigt das Bundesamt seine Praxis, Hinweisen einfach nicht nachzugehen?

CORNELIA WALDMANN-SELSAM: Im Jahr 2008 gab es eine BfS‑Stellungnahme.[5] In ihr fehlten zentrale Arbeiten, darunter die Freiburger Studien. Die damalige Schlussfolgerung des BfS, „Unter den gegebenen Bedingungen stellen elektromagnetische Felder kein offensichtliches Schädigungsrisiko für Waldbäume dar“, fußte auf dem Ausschluss entscheidender Studien aus der Risikobewertung. Und das setzte sich fort.

Als 2017 unsere Studie „Radiofrequency radiation injures trees around mobile phone base stations“ publiziert wurde, stellte das BfS sie verfälscht dar. Seine Behauptung, „Das spricht für einen Zufallseffekt“, war unzutreffend. Denn Schäden, die wir beschrieben, traten ausschließlich an exponierten Seiten auf, und wir hatten andere Einflussfaktoren ausdrücklich ausgeschlossen. Erst nach unserer Aufforderung wurden vom BfS einzelne Falschaussagen korrigiert. Auch nach dem internationalen Workshop 2019 im BfS, auf dem ich Beispiele aus zahlreichen Städten sowie Waldlücken im Hochfrequenzfeld vorstellte, blieb das BfS untätig.

In der Neufassung der Stellungnahme vom 19.02.26 wurden sämtliche Literaturangaben von Joos et al.(1988) bis Waldmann-Selsam et al. (2016) gestrichen. Zu den Bäumen heißt es jetzt: „Baumschäden in der Umgebung von Mobilfunksendeanlagen wurden vereinzelt berichtet und durch Fotos dokumentiert. Wegen fehlender Zufallsauswahl und Berücksichtigung von bekannten anderen Einflussfaktoren sind solche Beobachtungen jedoch ungeeignet, um einen ursächlichen Zusammenhang zu untersuchen. Die bereits beschriebenen, unter kontrollierten Laborbedingungen beobachteten Effekte schwacher hochfrequenter elektromagnetischer Felder sind deutlich weniger ausgeprägt und es ist unklar, ob sie unter natürlichen Bedingungen überhaupt relevant wären und zu nennenswerten Veränderungen des Wachstums von Pflanzen führen könnten.“

Die Aussagen zu den beobachteten Baumschäden sind unzutreffend. Baumschäden wurden nicht vereinzelt, sondern systematisch an über 1.500 Mobilfunksendeanlagen dokumentiert. Dokumentationen über Baumschäden in zahlreichen Städten und der Bildband vom Oktober 2025 belegen dies. In der Studie 2016 gab es eine Zufallsgruppe und bekannte andere Einflussfaktoren wurden berücksichtigt. Neuere Experimente fanden heraus, dass EMF-Effekte unter natürlichen Bedingungen aufgrund von Wechselwirkungen mit Pflanzen-Stressantworten sogar stärker ausfallen als im Labor.  Diese Effekte sind physiologisch hochrelevant, z.B. verminderte Photosynthese-Effizienz, vorgezogene Blütenbildung, beschleunigte Seneszenz und verminderte Lichtstressresistenz (Tran et al. 2023, Keller et al. 2025 & 2026).
 

Fotos: Waldmann–SelsamCollage: d:f

links: Düsseldorf, Juli 2022: Ahorn mit geschädigter Krone
rechts: Würzburg, Juni 2024: Eiche mit geschädigter Krone 



DIAGNOSE:FUNK: Nun gibt es ja ein Gesetz in der Wissenschaft: der Umschlag von Quantität in Qualität. Deine tausenden quantitativen Beobachtungen haben doch das Zeug, dass es nicht nur Korrelationen, sondern kausale Zusammenhänge sind. Was forderst du, was untersucht werden soll, wie die Überprüfung und Anerkennung Deiner Beobachtungen erfolgen kann?

CORNELIA WALDMANN-SELSAM: Das könnte man sofort tun:

  • Unsere Studie über einseitige Kronenschäden in Bamberg/Hallstadt, 2016, sollte in einer anderen Stadt repliziert werden.
  • An neu in Betrieb genommenen Mobilfunksendeanlagen – etwa in Uffing/Staffelsee, Lenggries‑Hohenwiesen, Herrenwies im Nationalpark Schwarzwald oder Syke – sollte der Zustand der umliegenden Bäume von Beginn an und im weiteren Verlauf systematisch dokumentiert werden.     
  • Da junge Bäume an zahlreichen hochfrequenzexponierten Orten seit Jahren deutliche Entwicklungsstörungen zeigen, wäre ein Freilandexperiment mit jungen Bäumen unter der real vorhandenen Hochfrequenzbelastung einer Mobilfunksendeanlage notwendig; die unbelastete Kontrollgruppe könnte im Funkschatten von Gebäuden oder Strohballen stehen.
  • Ein gutes Studienobjekt sind die 7.000 documenta-Bäume von Beuys in Kassel, gepflanzt zwischen 1982 und 1987. Hier sollte untersucht werden, ob die geschädigten Alleenabschnitte hochfrequenzbelastet sind.                                                  
  • Die Auswertung von ab 1990 vorliegenden Luft- und Satellitenaufnahmen, ergänzt um die Standorte von sämtlichen Hochfrequenzsendern, sollte den Verdacht überprüfen, ob hochfrequente elektromagnetische Felder – zusätzlich zu den bisher berücksichtigten Einflussfaktoren – Auswirkungen auf Wälder haben.
  • Das forstliche Umweltmonitoring sollte um die Erfassung von Hochfrequenz-Immissionen erweitert werden.                                                                                                 
  • Auch in Städten kann sofort die Verteilung und die Entwicklung von Baumschäden unter Berücksichtigung der vorhandenen Mobilfunksendeanlagen anhand von Luftbildern analysiert werden.                                                                                                      
  • Zudem muss geprüft werden, welche Auswirkungen es hat, dass Bäume als Empfangsantennen für hochfrequente elektromagnetische Felder wirken – insbesondere auf die Wurzeln. Diese Fragestellung erfordert die Zusammenarbeit verschiedener wissenschaftlicher Fachrichtungen.

Angesichts von 75.000 Mobilfunksendeanlagen ist das Unterlassen von Baumstudien von Seiten des Bundesamtes für Strahlenschutz äußerst unvernünftig und unverantwortlich.

  • Das Unterlassen von Baumstudien lässt sich nur durch die Furcht vor den Ergebnissen erklären.

Aus meiner Sicht ist es unzulässig, bestehende Sender zu erweitern oder zusätzliche Sender zu errichten, solange der begründete Verdacht einer Schädigung von Bäumen und Wäldern durch Hochfrequenzsender nicht ausgeräumt ist. Da charakteristische Baumschäden im Umkreis jeder Mobilfunkanlage sichtbar sind, werden sie sich nicht mehr lange leugnen lassen.

DIAGNOSE:FUNK: Liebe Cornelia, danke für das Interview und v.a. aber für dein Durchhaltevermögen trotz der Politik des Nichtgehörtwerdens. »Erst stirbt der Wald, dann du!«, das prägte in den 80er-Jahren die politische Diskussion zum Waldsterben und ist aktueller denn je. Wir werden dich weiter unterstützen.

Das Interview führten Michaela Thiele und Peter Hensinger

 

Quellen

[1]  Wichtige Studien Chronologisch:

Ludwig, F., von Ries, J. (1934): Wachstumsvorgänge und Hochfrequenz (Versuche an Pflanzen und Tieren), Zeitschrift fur Krebsforschung 1934, Band 40, S. 117-121

Kiepenheuer, K.O., Brauer I., Harte C. (1949): Über die Wirkung von Meterwellen auf das Teilungswachstum der Pflanzen, Naturwiss. 36:27

Brauer, I. (1950): Experimentelle Untersuchungen über die Wirkung von Meterwellen verschiedener Feldstärke auf das Teilungswachstum der Pflanzen, Chromosoma 3 (1): 483-509

Harte, C. (1950): Mutationsauslösung durch Ultrakurzwellen, Chromosoma 3:140-147

Bortels, H., Institut für Bakteriologie und Serologie der biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, Braunschweig-Gliesmarode (1951): Beziehungen zwischen Witterungsablauf, physikalisch-chemischen Reaktionen, biologischem Geschehen und Sonnenaktivität - Unter besonderer Berücksichtigung eigener mikrobiologischer Versuchsergebnisse, Die Naturwissenschaften, Heft 8, 1951, 165-176

Harte, C. (1972): Auslösung von Chromosomenmutationen durch Meterwellen in Pollenmutterzellen von Oenothera, Chromosoma 36(4): 329-337

Grundler, W., Keilmann, F., Fröhlich, H. (1977): Resonant growth rate response of yeast celles irradiated by weak microwaves, Physics letters, 62 A, 6

Schulte-Uebbing, C. (1985): Pathophysiologische Arbeitshypothesen zum Waldsterben: Stress- und Resistenzmangelsyndrom durch technische Mikrowellen?? http://www.puls-schlag.org/download/SchulteUebbing1985-low.pdf

Hommel, H., Kas, G. (1985): Elektromagnetische Verträglichkeit des Biosystems Pflanze, Allgemeine Forst- und Jagdzeitung 156 (8):172-174

Hommel, H. (1985): Elektromagnetischer Smog – Schadfaktor und Stress? Frequenzganganalyse am Koniferen-Nadelkollektiv, Forstarchiv, 56, 227-233

Hommel, H. (1987): Electromagnetic smog – a damage and stress factor?, Bioelectrochemistry and Bioenergetics, 17, 441-456

Volkrodt, W. (1988): Electromagnetic pollution of the environment. In Robert Krieps (Ed.): Environment and health: a holistic approach, Luxembourg Ministries of Environment and Health, the Commission of the European Communities and the World Health Organization

Volkrodt, W. (1989): Bestandsaufnahme: Wo sind die schlimmsten Waldschäden? Bilder und Erläuterungen zu Waldschadenexkursionen 1988-89

Volkrodt, W. (1991): Droht den Mikrowellen ein ähnliches Fiasko wie der Atomenergie? Wetter- Boden- Mensch, 4/1991

Grundler, W., Kaiser, F., Keilmann, F. et al. (1992): Mechanisms of electromagnetic interaction with cellular systems. Naturwissenschaften 79, 551–559 (1992). https://doi.org/10.1007/BF01131411

Bernatzky, A. (1994): Baumkunde und Baumpflege. 5. erweiterte Auflage, Thalacker Verlag, Braunschweig, ISBN 978-3878150565.

Balodis V, Brumelis G, Kalviskis K, Nikodemus O, Tjarve D, Znotina V (1996): Does the Skrunda Radio Location Station diminish the radial growth of pine trees? The Science of the Total Environment. 180(1): 57 – 64

Selga, T., Selga, M. (1996): Response of pinus sylvestris L. needles to electromagnetic fields. Cytological and ultrastructural aspects, The Science of the Total Environment 180 (1996) 65-73

Kalnins, T., Krizbergs, R., Romancuks, A. (1996): Measurement of the intensity of electromagnetic radiation from the Skrunda radio location station, Latvia, The Science of the Total Environment 180 (1996) 51-56

Haggerty, K. (2010): Adverse Influence of Radio Frequency Background on Trembling Aspen Seedlings: Preliminary Observations, Int. Journal of Forestry Research, Vol. 2010, Article ID 836278, 7 pages                                            

Cucurachi, Stefano & Tamis, Wil & Vijver, Martina & Peijnenburg, Willie & Bolte, John & Snoo, Geert R. (2013): A review of the ecological effects of radiofrequency electromagnetic fields (RF-EMF). Environment international. 51C. 116-140.

Waldmann-Selsam C, Puente A, Breunig H, Balmori A (2016). Radiofrequency radiation injures trees around mobile phone base stations. Science of the Total Environment, 572, 554–569.
https://www.researchgate.net/publication/306435017_Radiofrequency_radiation_injures_trees_around_mobile_phone_base_stations
Download: https://www.diagnose-funk.org/download.php?field=filename&id=1336&class=NewsDownload 

Breunig, H. (2017): Beobachtungsleitfaden “Baumschäden durch Mobilfunkstrahlung”           diagnose-funk.org/forschung/wirkungen-auf-tiere-pflanzen/pflanzen/wirkungen-auf-baeume/beobachtungsleitfaden   

Levitt BB, Lai HC, Manville AM (2021). Effects of non-ionizing electromagnetic fields on flora and fauna, Part 2 impacts: how species interact with natural and man-made EMF. Rev Environ Health. 2021 Jul 8. doi: 10.1515/reveh-2021-0050                                 

Ozel, H.B., Cetin, M., Sevik, H. et al. (2021): The effects of base station as an electromagnetic radiation source on flower and cone yield and germination percentage in Pinus brutia Ten. BIOLOGIA FUTURA 72, 359–365 (2021). https://doi.org/10.1007/s42977-021-00085-1

Tran NT, Jokic L, Keller J, Geier JU, Kaldenhoff R (2023). Impacts of radio-frequency electromagnetic field (RF-EMF) on lettuce (Lactuca sativa) – evidence for RF-EMF interference with plant stress responses. Plants, 12(5), 1082. https://doi.org/10.3390/plants12051082

Sharma, A., Sharma, S., Bahel, S. et al. (2024): A study on effects of cell phone tower–emitted non-ionizing radiations in an Allium cepa test system. Environ Monit Assess 196, 261 (2024). https://doi.org/10.1007/s10661-024-12435-2

Keller J, Geier U, Tran NT. (2025):  In-Depth Analysis of Chlorophyll  Fluorescence Rise Kinetics Reveals Interference Effects of a  Radiofrequency Electromagnetic Field (RF-EMF) on Plant Hormetic  Responses to Drought Stress. Int J Mol Sci. 2025 Jul 22;26(15):7038.  doi: 10.3390/ijms26157038. PMID: 40806176; PMCID: PMC12345933.

Keller, J., & Geier, U. (2026): Reduced Photosynthetic Efficiency of Tilia (Tilia tomentosa) Exposed to Radio Frequency Electromagnetic Field (RF-EMF) – JIP-Test Analysis. Plants, 15(12), 1824. https://doi.org/10.3390/plants15121824

[2] Cornelia Wadmann-Selsam (2010): „Wirkungen elektromagnetischer Felder auf Pflanzen“, Hrsg. Kompetenzinitiative

[3] Schulte-Uebbing, C. (1982): Radaranlagen – Mögliche Ursachen des Waldsterbens? http://www.puls-schlag.org/download/SchulteUebb1982.pdf

[4] Im Jahr 1999 wurde auf der Tagung “Effects of Electromagnetic Fields on the Living Environment” von WHO, ICNIRP und Bundesamt für Strahlenschutz eindringlich zu Untersuchungen von Pflanzen in der Landwirtschaft und von Bäumen aufgerufen: „Einflüsse dieser Felder auf Pflanzen, Tiere, Vögel und andere lebende Organismen sind nicht gründlich untersucht worden. Da ungünstige Auswirkungen auf die Umwelt das menschliche Leben letzten Endes in Mitleidenschaft ziehen, ist es schwer zu verstehen, warum nicht mehr Arbeit gemacht wurde. Es gibt viele Fragen, die gestellt werden müssen. (…) Es scheint, dass sich die Forschung auf die Langzeitwirkung niedriger EMF-Exposition, für die fast keine Information verfügbar ist, konzentrieren sollte. (…) Zu den spezifischen Themen, mit denen man sich befassen muss, gehören: (...) EMF- Einflüsse auf Pflanzen in der Landwirtschaft und auf Bäume.“         

Tagungsband:
Matthes R, Bernhardt JH, Repacholi MH (2000, October 4-5). Effects of electromagnetic fields on the living environment. Proceedings of the International Seminar on Effects of Electromagnetic Fields on the Living Environment, Munich, Germany, International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection (ICNIRP)

[5] Stellungnahme zur Frage möglicher Wirkungen hochfrequenter und niederfrequenter elektromagnetischer Felder auf Tiere und Pflanzen, 18.10.08

 

Publikation zum Thema

Coverbild (Ausschnitt)C. Waldmann-Selsam
2. erweiterte AuflageFormat: A4 QuerSeitenanzahl: 286 Veröffentlicht am: 10.11.2025 Bestellnr.: 555ISBN-10: Preis: 15, 90 zzgl. VersandkostenSprache: deutschHerausgeber: Weiße Zone Rhön

Baumschäden durch Mobilfunkstrahlung

Beispielhafte Beobachtungen aus dem Zeitraum 2005 bis 2025
Autor:
Cornelia Waldmann-Selsam
Inhalt:
Seit 2005 dokumentiert die Ärztin Dr. Cornelia Waldmann-Selsam akribisch den Einfluss von Mobilfunk-Sendeanlagen auf Bäume. Und Sie hat dazu auch die Studienlage aufgearbeitet. Dieser professionell gestaltete Bildband zeigt Beispiele aus vielen Ortschaften und Städten in Deutschland, wie Bäume oder Teile von Bäumen durch die Strahlungseinwirkung geschädigt werden. Der Bildband schärft auch den eigenen Blick, beim Spaziergang durch die Stadt selbst Beobachtungen durchzuführen.
Artikel veröffentlicht:
10.08.2026
Autor:
diagnose:funk
Ja, ich möchte etwas spenden!