diagnose:funk: Was war der Anlass, dass ihr im Stuttgarter Westen eine Mobilfunk- Bürgerinitiative gegründet habt?
PETER HENSINGER: Am 6. Juni 2006, während der WM, wurde in der Bismarckstraße 59 auf einem Haus der evangelischen Kirche innerhalb eines Tages ein Mobilfunkmast installiert. Der Mast war auf Augenhöhe vieler Wohnungen, z.T. nur 20 Meter entfernt. Nachbarn besprachen sich, wir erstellten ein Protestplakat und 2 Wochen später gründeten 80 Anwohner im überfüllten Gasthaus „Lilie“ die Bürgerinitiative. Wir waren über die Resonanz überrascht. Prominentestes Gründungsmitglied war die grüne Gemeinderätin und spätere Landtagspräsidentin Muhterem Aras.
? Woher wusstet ihr über Risiken Bescheid?
Es war zunächst bei vielen eher ein Bauchgefühl. Ich selbst hatte mich im Jahr 2000 schon mal in das Thema eingearbeitet. Auf das Dach der Klinik der medizinischen Einrichtung, in der ich Betriebsratsvorsitzender war, sollte ein Mobilfunkmast errichtet werden, gegen eine gute Miete. Ein Arzt sprach im Betriebsrat vor und riet wegen Gesundheitsrisiken davon ab. Ich las mich damals ein, und wir schlossen uns seiner Meinung an. Der Mast wurde nicht gebaut. Bevor der Mast in der Bismarckstraße 2006 installiert wurde, gab es in Stuttgart schon vorher 2 Initiativen, von denen wir gehört hatten. Auf die erste Sitzung der neuen Bürgerinitiative kamen über 20 Nachbarn, darunter ein Hochfrequenztechniker und ein Biophysik-Student, die uns aufklärten, warum von diesem Masten Gesundheitsrisiken ausgehen. Dann stellten wir aber fest: es gibt fast keine guten Unterlagen, in denen der Forschungsstand über die Risiken plausibel dargestellt wird. Also bildeten wir eine AG unter Anleitung des Biophysikers. Das Ergebnis: wir erstellten die erste Broschüre in Deutschland über den Forschungsstand „Zellen im Strahlenstress“, die 2008 erschien. Im Laufe der Erstellung merkten wir, dass offiziell über den Forschungsstand, die Risiken und die Grenzwerte massiv desinformiert wird. So erschienen vorher bereits 2007 die Broschüren „Mobilfunk - 8 Behauptungen, die wir nicht mehr glauben“ und „Die Fälscher“, und dazu noch „Mobilfunk-Einwirkungen auf die menschliche Gesundheit“ mit Dr. Wolf Bergmann und Dr. Horst Eger. Sie wurden zu Rennern in der Szene und mehrere zehntausendmal verkauft. Wir hatten dafür einen eigenen Versand eingerichtet.







