Mobilfunkforschung an Wendepunkt: Neue Studien entschlüsseln Wirkmechanismen

Pressemitteilung von diagnose:funk, 20.07.2026
Auswirkungen auf Spermien und Gehirn, Grenzwert infrage gestellt
ElektrosmogReport 2/2026

Stuttgart, 20.7.2026: Die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation diagnose:funk sieht die Mobilfunkforschung an einem Wendepunkt: Eine neue methodisch sehr gut gemachte Studie der südkoreanischen Dongguk University sowie ein ausführlicher Review der Universitäten Athen und Kyjiw zeigen den biologischen (nicht-thermischen) Wirkmechanismus von Mobilfunkstrahlung auf. Im Fachmagazin ElektrosmogReport 2/2026 werden diese Studien rezensiert:

„Die Mobilfunkforschung hat einen entscheidenden Entwicklungsschritt vollzogen“, sagt Peter Hensinger, zweiter Vorstand von diagnose:funk und Leiter des Bereichs Wissenschaft. „Die neuen Studien zeigen nicht nur biologische Effekte, sondern liefern schlüssige Erklärungen ihrer Entstehung. Sie untermauern damit, was Wissenschaftler:innen schon seit Jahren regelmäßig in ihren Versuchen sehen: Mobilfunkstrahlung weit unterhalb des thermischen Grenzwerts kann schädliche biologische Effekte auslösen. Damit verändert sich die wissenschaftliche Grundlage der Risikobewertung grundlegend. Die neuen Erkenntnisse zu Spermien und Gehirn zeigen zudem, dass stoffwechselaktive Organe empfindlich auf reale Mobilfunksignale reagieren können. Gleichzeitig wird klar, dass der heutige Grenzwert den Stand der biologischen Forschung nicht mehr widerspiegelt. Aus Vorsorgegründen ist eine unabhängige Neubewertung überfällig.“

Studien zum Wirkmechanismus

Einen großen wissenschaftlichen Fortschritt liefert die in der Fachzeitschrift Cell veröffentlichte Studie von Kim et al. (2026). Die Autoren beschreiben einen molekularen Signalweg, über den elektromagnetische Felder im niederfrequenten Bereich die Aktivität von Genen beeinflussen können. Über einen Mechanismus, der auf Funkstrahlung reagiert, werden spannungsgesteuerte Kalziumkanäle aktiviert und anschließend die Genexpression beeinflusst.

Alle funkbasierten Kommunikationstechniken (Mobilfunk 2G, 3G, 4G, 5G; WLAN; Bluetooth; DECT) nutzen zwar hochfrequente Trägerfrequenzen zwischen 700 MHz und 6 GHz. Doch die hochfrequente Trägerfrequenz wird niederfrequent (10 Hz bis 200 Hz) gepulst sowie moduliert zur Datenübertragung eingesetzt. Die Arbeit von Panagopoulos et al. (2025) zeigt, dass nicht die hochfrequente Trägerwelle allein, sondern insbesondere die niederfrequente Pulsung und Modulation realer Mobilfunksignale biologisch entscheidend sind.

Mit diesen beiden Studien erhält die seit Jahren geführte Diskussion über nicht-thermische Wirkungen eine belastbare weitere mechanistische Grundlage. Besonders bemerkenswert ist der Nachweis, dass die gepulste, modulierte Strahlung handelsüblicher Smartphones teilweise stärkere Wirkungen hervorruft als ungepulste Strahlung gleicher Frequenz von Signalgeneratoren aus dem Labor, wie sie das Bundesamt für Strahlenschutz bevorzugt. Die biologische Auswirkung wird durch die Verwendung handelsüblicher Smartphones mit echten Mobilfunksignalen jedoch viel besser abgebildet, weil dies der alltäglichen Situation entspricht.

Weitere Studien: männliche Fruchtbarkeit, Veränderung im Gehirn

Auf Grundlage nachgewiesener Ursache-Wirkungs-Ketten gewinnen biologische Befunde erheblich an Gewicht. Zwei Studien der Arbeitsgruppe Jangid et al. (2026) (#1, #2) zu Auswirkungen auf Spermien zeigen, dass Mobilfunksignale Testosteron-produzierende Leydig-Zellen schädigen können. Oxidativer Stress, verminderte Zellteilung und verstärkter Zelltod (Apoptose) liefern einen plausiblen biologischen Zusammenhang zwischen Mobilfunkexposition und Beeinträchtigungen der männlichen Fruchtbarkeit.

Gleichzeitig berichten die Arbeiten von Cui et al. (2026) und Cantiello et al. (2025) über Veränderungen neuronaler Netzwerke im Gehirn. Sie beschreiben Eingriffe in Schaltkreise des Gedächtnisses und der Angstverarbeitung sowie Hinweise auf Veränderungen der elektrischen Signalübertragung in Nervenzellen. Damit verdichten sich die Hinweise, dass besonders stoffwechselaktive Organe wie Gehirn und Fortpflanzungssystem empfindlich auf elektromagnetische Felder reagieren können.

Grenzwert unzureichend

Wenn biologische Wirkungen nachvollziehbar beschrieben und ihre Mechanismen zunehmend verstanden werden, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Angemessenheit des geltenden Grenzwerts für Mobilfunkstrahlung. Der Grenzwert ist bislang ausschließlich thermisch begründet, er verhindert also die gesundheitsschädliche Erwärmung des Körpers durch die Mobilfunkstrahlung (wie im Mikrowellenofen). Doch die in den oben genannten Studien beschriebenen biologisch schädlichen Effekte werden weit unterhalb dieser thermischen Wirkung beobachtet, es sind also nicht-thermische Wirkungen.

Doch das Bundesamt für Strahlenschutz sowie der zuständige Bundesumweltminister Carsten Schneider verweigern sich bis heute der Erkenntnis, dass Mobilfunkstrahlung neben der thermischen Wirkung auch konsistent nachgewiesene nicht-thermische Effekte auslöst.

Eine Analyse der renommierten US-Wissenschaftler Melnick / Moskowitz (2026) kommt hingegen zu dem Ergebnis, dass der derzeit geltende Mobilfunkgrenzwert Erkenntnisse zu Krebsrisiken und Fortpflanzungstoxizität nicht ausreichend berücksichtigt. Die Autoren fordern deshalb eine Neubewertung des Grenzwerts auf Grundlage der in den vergangenen Jahrzehnten gewonnenen wissenschaftlichen Evidenz.

Die Datenbank EMF:data von diagnose:funk dokumentiert jetzt 762 wissenschaftliche Studien, die biologische Effekte zeigen, 576 davon detailliert rezensiert. Peter Hensinger dazu: „Diese Forschungslage zeigt, dass es unhaltbar und verantwortungslos ist, wenn das Bundesamt für Strahlenschutz und die Bundesregierung behaupten, es gäbe keine Belege für gesundheitsschädliche Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung unterhalb des Grenzwerts. Das Gegenteil ist der Fall: Mobilfunkstrahlung weit unterhalb des Grenzwerts kann die Gesundheit schädigen – und nun ist auch klar, warum. Die Bevölkerung muss über die Risiken aufgeklärt werden, um einen verantwortungsvollen Umgang mit Smartphone & Co. zu ermöglichen.“

Fachzeitschrift ElektrosmogReport 2/2026, 32. Jahrgang, als PDF in Deutsch und Englisch
https://www.emfdata.org/de/elektrosmogreport

Kurzbesprechung der Studien aus ElektrosmogReport 2/2026
https://diagnose-funk.org/2364

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Publikation zum Thema

Format: A4Seitenanzahl: 12 Veröffentlicht am: 24.02.2017 Bestellnr.: 590Sprache: DeutschHerausgeber: umwelt・medizin・gesellschaft / 3/2016

Polarisation

Ein wesentlicher Faktor für das Verständnis biologischer Effekte von gepulsten elektromagnetischen Wellen niedriger Intensität
Autor:
Dr. Klaus Scheler
Inhalt:
Der Physiker Klaus Scheler erläutert in einer Beilage für die Zeitschrift umwelt-medizin-gesellschaft die Bedeutung der im Scientific Report 2015 erschienen Studie von Panagopoulos et al.. Sie weist einen Wirkmechanismus nach. Die Polarisation, also die feste Schwingungsrichtung des elektrischen Feldvektors der Welle, ist ein entscheidender Faktor für das Verständnis von biologischen Effekten elektromagnetischer Strahlung niedriger Intensität.
diagnose:funk
Stand: 08.10.2024Format: A4Seitenanzahl: 22 Veröffentlicht am: 14.06.2024 Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 3: Zeigt Mobilfunk auch nicht-thermische Wirkungen?


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Überblick Nr. 3 setzt sich mit einer Hauptbegründung für die Ungefährlichkeit der Mobilfunkstrahlung auseinander: Die gesetzlichen Grenzwerte würden vor Gesundheitsrisiken schützen. Es würde keine Beweise für nicht-thermische Wirkungen geben. Jedoch: Der Ausschluss von Studien mit nicht-thermischen Wirkungen für die Risikobewertung wird inzwischen von europäischen Gremien kritisiert, ebenso in juristischen Gutachten. Dieser Überblick stellt die Diskussion um das thermische Dogma seit den 1950er Jahren bis heute dar. diagnose:funk dokumentiert darin exemplarisch 70 Studien, die nicht-thermische Wirkungen zeigen. Damit wird die Schutzfunktion der geltenden Grenzwerte wissenschaftlich in Frage gestellt.
Artikel veröffentlicht:
20.07.2026
Autor:
Matthias von Herrmann
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