"Es kommt gerade in der Pädagogik darauf an, nicht mit dem Zeitgeist zu gehen. Denn in der Pädagogik ist der Mensch das Maß und nicht der Zeitgeist."
? In Bayern werden neue Prüfungsformen diskutiert, mit KI und Bots und technischen Geräten. Brauchen wir keine Prüfungen mehr, die man nur mit dem eigenen Verstand löst?
Klaus Zierer: In Zeiten einer zunehmenden Digitalisierung der Lebenswelt ist man im bayerischen Schulministerium der Auffassung, dass auch die Prüfungskultur zu ändern und an die Kultur der Digitalität anzupassen ist. Was genau unter der Kultur der Digitalität zu verstehen ist, erfährt man nicht. Dafür aber sollen zukünftig weniger schriftliche Leistungsnachweise verlangt werden und durch neue Prüfungsformate ersetzt werden können. Genannt werden unter anderem das Erstellen von Podcasts und Erklärvideos.
Auf den ersten Blick mag eine solche Reform modern wirken, geht sie mit dem Zeitgeist. Aber wie so oft, kommt es gerade in der Pädagogik darauf an, nicht mit dem Zeitgeist zu gehen. Denn in der Pädagogik ist der Mensch das Maß und nicht der Zeitgeist. So werden auf den zweiten Blick die Probleme der neuen Prüfungskultur schnell sichtbar und zeigen auf, dass das bayerische Schulministerium auf einem Holzweg ist. Erstens verbringen Schüler laut Postbank Digitalstudie knapp 70 Stunden in der Woche vor Bildschirmen. Jetzt kommen weitere Stunden in der Schule hinzu. Grund dafür ist ein Digitalisierungswahn, dem jegliche empirische Grundlage fehlt. Das galt für die 1:1 Ausstattung der Schüler mit Tablets und es gilt für die neuen Prüfungsformate. Weder Pod-casts, noch Erklärvideos werden Bayern aus der Bildungsmisere katapultieren, in der sich die Schüler befinden. Seit Jahren gibt es bei den Lernleistungen nur eine Richtung: nach unten. Während also Bayerns Schüler immer schlechter werden, digitalisiert die Bildungspolitik immer weiter das Bildungswesen.
? Mit der Digitalisierung behauptet die Bildungspolitik aber, Schule an moderne Erfordernisse und neue Skills anzupassen, um die Schüler fit für die Realität zu machen.
Klaus Zierer: Um am vorherigen anzuknüpfen: Formate wie Podcasts und Erklärvideos zeigen sich selbst in Zeiten einer digitalisierten Lebenswelt als Fähigkeiten, die vor allem Influencer brauchen. Ist das nun das neue Bildungsideal? Angesichts der peinlichen Auftritte von Politikern in den sozialen Medien kann man sich schon vorstellen, dass der Traum vom politischen Influencer lebt, aber für den Bildungsauftrag ist all das unwesentlich und unterm Strich Zeitverschwendung. Denn mit diesen Formaten einher geht ein weiteres Absinken des Leistungsniveaus. Zwar lässt das bayerischen Schulministerium verlautbaren, dass am hohen Leistungsanspruch in Bayern nach wie vor festgehalten wird. Aber die neue Prüfungskultur kann dieses Versprechen gar nicht einlösen. Es ist hinlänglich erwiesen, dass mündliche und praktische Leistungen immer besser bewertet werden als schriftliche. Wer also schriftliche Leistungsnachweise zugunsten von mündlichen und praktischen Formaten reduziert, senkt das Anforderungsniveau. Wenn wir über die Gegenwart und Zukunft sprechen und vor dem Hintergrund Bildung verstehen wollen, dann ist zunächst einmal klar, dass keiner von uns weiß, was die Zukunft bringen wird. Wer hat 2005 vorhersagen können, dass ein Smartphone so stark die kindliche Lebenswelt beeinflussen wird? Wer hat 2015 gewusst, dass generative KI den Menschen das Denken abnehmen wird?
- Das Einzige, was wir wissen, ist, dass wir Menschen sind und unsere Existenz Wissen und Können, aber auch Herzens- und Charakterbildung erfordert. Wer die Schüler fit für die Realität machen möchte, der muss sie als Mensch in den Blick nehmen, unabhängig davon, was der Zeitgeist vorgaukelt. Dann sind die Schüler in der Lage, jede Herausforderung der Zukunft zu meistern.
? Die Folge der Nutzung von KI ist ja, dass man Texten von Schülern nicht mehr trauen kann. Statt KI zu verbieten, schwenkt man jetzt auf mündliche Formate um.
Klaus Zierer: Genau, insofern kommen in Bayern ausgerechnet noch jene Formate als mögliche Leistungsnachweise in Betracht, die dort nun gar nichts verloren haben. Die Rede ist von der Debatte. So wichtig die Debatte gerade für eine Demokratie ist, so wichtig ist auch, dass diese am Ende des Tages eben nicht bewertet wird. Schüler berichten schon heute davon, dass Meinungsfreiheit an Schulen nicht so einfach ist und häufig auch ideologische Positionen dominieren. Wenn vor diesem Hintergrund nun eine Debatte benotet wird, dann kann das nur zu einer weiteren Anpassung aufseiten der Schüler führen. Kaum ein Schüler wird sagen, was er denkt, sondern er wird noch mehr das sagen, was der Lehrer hören möchte. Alles in allem reiht sich die neue Prüfungskultur in Bayern in eine lange Liste an Maßnahmen ein, die nur eine Konsequenz haben: weniger Leistungsanspruch im Bildungssystem.
Auch in Bayern haben wir es derweil mit einer skurrilen Situation zu tun: Immer mehr junge Menschen gehen aufs Gymnasium, wo dann auch immer bessere Abiturschnitte über die Jahre zu verzeichnen sind. Aber gleichzeitig weisen empirische Studien, allen voran PISA, nach, dass die Lernleistungen sinken und immer schlechter werden. Soweit wie heute ist die schulische Prüfungskultur von den tatsächlichen Lernleistungen der Schüler noch nie entfernt gewesen. Die neue Prüfungskultur setzt diesen Trend fort. Die Kultur der Digitalität strotz im Kern von Oberflächlichkeit und Egoismus. Sie weiterhin als Leitmotiv zu nehmen, wird nicht dazu führen, das bayerische Bildungswesen auf Vordermann zu bringen.
"Die KI-Besoffenheit hat bereits großen Schaden angerichtet hat. Das Haus der Schule muss neu gebaut werden.“
? Herr Zierer, Sie haben in Ihrer Pressemitteilung zur Enzyklika des Papstes geschrieben: „Die empiristische und technologische Hypertrophie hat die Schulen in eine schwere Krise gestürzt. Die PISA Studien zeigen das deutlich: Weltweit gehen die Lernleistungen zurück und verweisen auf eine globale Bildungskrise. Die KI-Besoffenheit von Bildungspolitik, Schulaufsicht und einem großen Teil der Erziehungswissenschaften wirkt derzeit wie ein Brandbeschleuniger nach Jahren des Zündelns mit dem Feuer der Digitalität, das bereits großen Schaden angerichtet hat. Das Haus der Schule muss neu gebaut werden.“ Welche Schritte sind notwendig, um das Haus neu zu bauen?
Klaus Zierer: Aus meiner Sicht brauchen wir drei Aspekte: Erstens müssen wir uns gesamtgesellschaftlich wieder bewusst werden, was Bildung meint. In den letzten Jahren ist am Bildungssystem dermaßen viel herumgedoktert worden, dass vom Kern nichts mehr übrig ist. Digitalisierung ist hierfür ein Beispiel: Smartboards, Tablets, BYOD und dergleichen, all das hat die Schulen verändert, aber nicht verbessert. Ein weiteres Beispiel ist die Gleichheitsideologie, die versucht, am Ende des Tages alle Unterschiede, die Menschen so mitbringen, auszulöschen. So heißt es in Parteipapieren immer auch, dass der Bildungserfolg vom Elternhaus zu entkoppeln sei. Wer glaubt, dass das geht, hat nichts von Bildung verstanden. Der einzige Weg, das annähernd zu erreichen, wäre über Absenkung des Bildungsniveaus, also mehr Gleichheit durch Blödheit für alle: Easy-Goethe, kein Sitzenbleiben mehr, keine unangekündigten Leistungsnachweise und vieles anderes mehr. Das kann hoffentlich keiner ernsthaft wollen! Bildung führt immer zu Ungleichheiten. Wer den Leistungsgedanken aus dem Bildungssystem regelrecht verbannt, sorgt gerade dadurch dafür, dass die Lotterie des Lebens ohne Erbarmen zuschlägt und die Ungleichheiten weiter zunehmen. Nicht die starken Kinder mit starken Eltern haben den Staat vor allem nötig. Sie können sich immer selbst helfen. Wenn das Bildungssystem auf Leistung verzichtet, leiden vor allem die Schwachen darunter.
- Daher braucht es Leistung und Anstrengung mehr denn je. Denn Leistung einzufordern ist nicht nur eine Frage der gesellschaftlichen Vernunft, sondern auch eine des Respekts gegenüber jedem einzelnen heranwachsenden Menschen. Es ist Ausdruck der Überzeugung, dass jeder etwas Wichtiges leisten und zugleich über sich hinauswachsen kann, obwohl alle verschieden sind.
Gelungene Bildung zielt nicht darauf ab, Gleiche hervorzubringen. Sie versucht stattdessen, durch Bildung den Unterschieden in der Welt und der Würde jedes Einzelnen gerecht zu werden. Die moralische Anerkennung besonderer Leistung trotz widriger persönlicher Umstände ist eines der Kernmerkmale guter Pädagogik. Dazu brauchen wir die motivierenden Pädagogen, nicht nivellierende Algorithmen.
? Herr Prof. Zierer, danke für Ihre Bereitschaft, auf unsere kritischen Fragen einzugehen und sich klar und mit den Thesen der letzten Sätze auch provokativ zu positionieren. Ihr neues Buch „Tyrannei der Gleichheit. Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft“ als Vorschlag zur Überwindung der Bildungskrise steht auf unserer Leseliste.
Das Interview als PDF (13 S.): Bündnis für humane Bildung: Interview mit Klaus Zierer (10.7.2026)
Univ.-Prof. Dr. phil. habil. Klaus Zierer ist Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.
Das Interview führten Prof. Dr. Ralf Lankau und Peter Hensinger M.A., die Sprecher des Bündnisses für humane Bildung (10.07.2026)
Erstveröffentlichung auf https://die-pädagogische-wende.de/ki-seepferdchen-als-vergehen-an-der-bildung-der-kinder/
Kontakt: Ralf Lankau, Redaktion Pädagogische Wende
URL: https://die-pädagogische-wende.de/, eMail: die-paedagogische-Wende@futur-iii.de