Kein Leserbrief: KI in der Grundschule – eine gute Idee?

Stiftung freie katholische Schule, GEW und die Enzyklika von Papst Leo XIV.
"KI(M) und ich - mein KI-Führerschein für die Grundschule". Die Stiftung freie Katholische Schule schägt auf ihrer Homepage die Einführung von KI vor: "Entwickelt von Jonas Wicklein - Grundschullehrer an der Eugen-Bolz-Schule in Bad Waldsee. Ein KI-Führerschein auf Papier war Jonas Wicklein zu wenig - Er entwickelte ein umfassendes Konzept für die Einführung von KI in der Grundschule." Und die GEW-Baden-Württemberg empfiehlt in ihrer Zeitschrift "bildung & wissenschaft" 05/26 dieses Konzept. Papst Leo XIV. schreibt in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas":„Wir müssen uns darin schulen, auf KI zu verzichten und wir müssen unsere Jugend vor der Verheißung der perfekten Maschine schützen, vor jener subtilen Verführung, die das menschliche Denken gerade dann nutzlos erscheinen lässt, wenn es am notwendigsten ist.“ (MH 140). Zu diesem Vorgang verfasste Prof. Ralf Lankau einen offenen Brief an den GEW-Vorstand Baden- Württemberg.
Faksimile GEW Zeitung
Prof. Ralf Lankau, Bild Privat

Zu früh? Oder gar zu spät?

So beginnt ein (Werbe)Beitrag in der Rubrik „unterrichtspraxis“ der GEW-Zeitschrift „bildung&wissenschaft“ (Heft 5/2026) zur Frage, ob KI schon in der Grundschule als Thema und Anwendung verankert werden müsse. Die Antwort (samt z.T. kostenpflichtiger  Downloadangebote) lautet schlicht „Ja“ – und ist schlicht falsch.

3. Juni 2026 von

Der Autor, Jonas Wicklein, laut Selbstauskunft Grundschullehrer, Schulentwickler (kleiner geht es heute nicht mehr) und Autor des hier promoteten „KI-Führerscheins“ argumentiert gewohnt digitalaffin, industriekonform und unreflektiert. KI sei gekommen, um zu bleiben. Nach dieser Logik entscheiden kommerzielle Unternehmen, welche Medien und Techniken im Unterricht eingesetzt werden. Das freut Apple, Google & Co., ist aber eine der Ursachen für die desaströsen Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler bei allen Lernleistungstests. Denn ob PISA, Vera, TIMMS oder andere Formen der Lernleistungsvermessung wie der IQB-Bildungstrend zeigen unisono eine Tendenz: Schülerinnen und Schüler können immer weniger. (Horvath 2026) Behauptet wird, man könne mit Methoden des Qualitätsmanagements der produzierenden Industrie und der empirischen Bildungsforschung schulische Leistungen steuern wie einen Produktionsprozess.

Nichts anderes steckt hinter der Datafizierung von Bildungsbiografien mit (lebenslanger) Bildungs-ID und Bildungsverlaufsregister. Es ist die Logik der Informatik und der Datenmaximierung. Aber Empirie und Statistik sind keine Pädagogik. Schülerinnen und Schüler werden nicht mehr als sich individuell entwickelnde Personen wahrgenommen, die im sozialen Umfeld eines Klassen- und Schulverbandes heranwachsen, sondern nur noch als Datensatz, aus dem man ableitet, was als Nächstes mit dem „Objekt Schüler“ zu tun sei, um ein vordefiniertes Ziel zu erreichen. Es ist ein Irrweg.

Grafik: diagnose:funk

 

Selbst lernen, um etwas zu können

Statt Grundschulkindern das „Prompten“ beizubringen, sollten sie ihre Sprache und deren Logik lernen und systematisch den Wortschatz erweitern, durch Vorlesen und selbst Lesen. Denn ein Viertel der Grundschulkinder erreichen nach vier Jahren Unterricht nicht einmal die Mindeststandards in Lesen und Schreiben. Prompts aber sind Sprachanweisungen, die umso besser funktionieren je exakter formuliert wird. Der Fokus der Grundschule muss daher auf Sprachentwicklung liegen. Das ist leicht: Kinder wollen lernen, etwas selbst zu tun, selbst etwas zu formulieren und eigene Geschichten zu erfinden. Oder: Statt Kinder anzuleiten, mit ein paar Begriffen lustige KI-Bilder zu generieren, sollten sie Zeit und Muße haben, um selbst zu zeichnen und zu malen. Denn Lernen bedeutet immer: Selbst lesen, selbst schreiben, selbst rechnen, selbst malen …

Prof. Joachim Bauer, Bild privat

Was der Beitrag der Unterrichtspraxis stattdessen vorschlägt ist, Kinder auf die Benutzung technischer Werkzeuge zu konditionieren, die Aufgaben für sie übernehmen, die sie doch selbst erst lernen sollen. Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Facharzt und Psychotherapeut, formuliert in seinem Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“:

 

 

  • „Die Einführung von Künstlicher Intelligenz in Kitas, Schulen und Universitäten bedeutet, dass technisch hoch entwickelte, im Grund aber abgrundtief dumme Systeme wie ChatGPT, die nachplappern, womit sie gefüttert werden, potenziell hochbegabte junge Menschen davon abhalten, ihre eigene Intelligenz zu entwickeln. Das ist absurd.“ (Bauer 2026, S. 166)

Absurd ist, dass dieser Beitrag ausgerechnet in der Jubiläumsausgabe einer Zeitschrift für Lehrkräfte erscheint. Beim Einsatz solcher Systeme wird der Kern pädagogischer Arbeit – Lernen durch Bindung und Beziehung, Lernen in Präsenz und Sozialgemeinschaft – an technische Systeme ausgelagert und Pädagogik durch Metrik ersetzt.

Absurd ist zudem, dass die Unterlagen von einer Stiftung Katholischer privater Schulen vertrieben werden, obwohl zwei Päpste (Franziskus und Leo XIV.) sehr deutlich und unmissverständlich klargestellt haben, dass die aktuell diskutierten Formen generativer KI (genAI) wie ChatGPT (Open AI), Claude (Anthropic), Gemini (Google) u.a. in massiver Angriff auf die Menschenwürde und demokratische Sozialgemeinschaften sind.

 

Prof.K. Zierer, Bild privat

Humane Pädagogik statt Metrik und Statistik

Die im Mai 2026 erschienene Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. hat dieses Missverhältnis von Technik und Humanität noch einmal in aller Deutlichkeit präzisiert. Der Augsburger Ordinarius für Schulpädagogik Prof. Klaus Zierer leitet daraus die notwendige „Humanistische Wende in der Pädagogik“ ab.

 

  • „Schule muss vom technologischen Labor und einer psychologisch-technokratischen Spielwiese wieder zu einem humanen Bildungsraum werden. Schüler sind keine Kompetenzmaschinen und Versuchskaninchen digitaler Werkzeuge. Sie dürfen nicht zu „Rädchen im System“ werden, die digital in alle Einzelteile vermessen werden, wie es die Debatte um eine Schüler-ID zeigt. Der Mensch und damit auch Bildung sind mehr als messbare Leistung und ökonomische Verwertbarkeit.“ (Zierer, 2026)
Papst Leo XIV, Wikipedia

Daher der Vorschlag an die Redaktion: Drucken Sie den Text von Klaus Zierer zur Enzyklika von Papst Leo XIV, die Zusammenfassung der Aussage von J.C. Horvath vor dem US-Ausschuss und der Studie von van der Meer zusammen mit dem "Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht"  der Schweizer Kollegen in der nächsten Ausgabe. Denn, wie schreibt Papst Leo XIV und meint nicht nur Grundschulen:

 

  • „Wir müssen uns darin schulen, auf KI zu verzichten und wir müssen unsere Jugend vor der Verheißung der perfekten Maschine schützen, vor jener subtilen Verführung, die das menschliche Denken gerade dann nutzlos erscheinen lässt, wenn es am notwendigsten ist.“ (MH 140)

 

Literatur und Quellen

Bauer, Joachim (2026) Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Bauer behandelt zentrale Fragen: Rezension von Peter Hensinger

GEW Baden-Württemberg (2026) Unterrichtspraxis: Zu früh? Oder gar zu spät? KI im Unterricht der Grundschule

Horvath, Jared Coones (2026) Warum Bildschirme das Lernen beeinträchtigen. Ein zentraler Mechanismus.

, Rezension von Peter Hensinger

Lankau, Ralf (2026) Warum GenAI in der Schule mehr schadet als nutzt

Schweizer Pädagogen: Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht  (2026)

Papst Leo XIV. (2026, MH) „Magnifica Humanitas“ (deutsch)

Papst Leo XIII., Rerum Novarum (1891), Enzyklika (dt.); (28.5.2026)

Papst Leo XIV (2025) KNA: Papst Leo XIV. sieht KI als eine der größten Herausforderungen, 10.5.2025;  (20.6.2025)

Papst Franziskus (2024) Über KI (beim G7-Gipfel in Italien; Wortlaut, 14. Juni 2024);  (20.6.2025)

Stiftung Katholische Freie Schule der Diözese Rottenburg-Stuttgart (o.J.) Digitaler Wandel und KI

van der Meer, Audrey L.H.  (2024) Das Schreiben mit der Hand, nicht Tippen, führt zur Konnektivität im Gehirn. 

Zierer, Klaus (PM Mai 2026) „Menschlichkeit in den Mittelpunkt: Durch Bildung KI entwaffnen!“. Professor Klaus Zierer zieht erziehungswissenschaftliche Konsequenzen  aus der Enzyklika „Magnifica Humanitas“ (MH) von Papst Leo XIV: „Humanistische Wende in der Pädagogik ist überfällig“

© 2026 Die pädagogische Wende https://die-pädagogische-wende.de/kein-leserbrief-ki-in-der-grundschule-eine-gute-idee/

Publikation zum Thema

Bild:diagnose:funk
aktuelle Version: 02.10.2025Format: A4Seitenanzahl: 24 Veröffentlicht am: 02.10.2025 Bestellnr.: 609Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 9: Digitale Bildung - Ausweg aus der Bildungskatastrophe?


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Wie kam es zur „Digitalen Bildung“ und im Schlepptau zur WLANisierung der Schulen? Diese Reform hat eine über 50-jährige Geschichte. Sie kumulierte im Jahr 2017 im Beschluss der Bundesregierung zum Digitalpakt Schule. Mit der „Digitalen Bildung“ sollen die Ziele der neoliberalen Vorstellungen des Homo Oekonomicus, des konditionier- und verwertbaren Menschen, erstmals verwirklicht werden. Das Datensammeln durch die digitalen Medien ist dazu die Voraussetzung. Dieser Hintergrund spielt in der Diskussion fast keine Rolle, obwohl Soziologen und Pädagogen wir Prof. Jochen Krautz und Prof. Richard Münch ihn schon frühzeitig analysierten. Selbst Lehrerverbände verfielen dem inszenierten Hype der digitalen Medien, beschäftigten sich nicht mit dem pädagogischen und ökonomischen Hintergrund. Man kann die Bildungskatastrophe und die Digitale Bildung nur verstehen, wenn man ihre Historie, die pädagogischen Theorien und die ökonomischen Interessen, die sie hervorbrachten, kennt. Von Pädagogen, die diese Hintergründe kennen, gibt es heute eine heftige Kritik und die Forderung nach einer pädagogischen Wende. Dieser Überblick stellt die Geschichte und aktuelle Debatte dar.
diagnose:funk
Stand: 08.10.2024Format: DIN A4Seitenanzahl: 37 Veröffentlicht am: 29.08.2024 Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 7: Kinder und digitale Medien – Eine pädagogische Herausforderung!


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Überblick Nr. 7 dokumentiert, warum eine zu frühe und unregulierte Nutzung des Smartphones und anderer digitaler Medien zu negativen Auswirkungen führen kann. Schwerpunktmäßig werden Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und Neurobiologie behandelt. Es werden Lösungsmöglichkeiten für Eltern, Erziehende und die Politik aufgezeigt, um Kinder und Jugendliche vor einer Smartphonesucht zu bewahren.
Artikel veröffentlicht:
03.06.2026
Autor:
Prof. Dr. Ralf Lankau
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