Studie: Handschrift, aber nicht Tippen, führt zur Konnektivität im Gehirn: eine EEG-Studie mit Implikationen für den Unterricht

Ein Argument, warum Tablets in KiTa und Schule nichts zu suchen haben
Die norwegische Studie von van der Weel / van der Meer (2024) weist nach, warum die Handschrift unverzichtbar für gutes Lernen und die Abspeicherung des Gelernten im Gedächtnis ist. Das Tippen auf dem Tablet aktiviert im Gegensatz zum Schreiben wichtige Gehirnbereiche nicht und behindert das Lernen. Die Studie bestätigt zudem, dass die kognitiven Prozesse durch die niederfrequenten Frequenzbänder der Theta-(3,5-7,5 Hz) und Alpha-Frequenzbänder (8-12,5 Hz) im Gehirn koordiniert werden und mit der Abspeicherung des Gelernten im Langzeitgedächtnis zusammenhängen.
Audrey Van der Meer, Wikipedia

Die norwegische Neurowissenschaftlerin Audrey van der Meer hat 20 Jahre damit verbracht, zu beweisen, dass das Schreiben mit der Hand das menschliche Gehirn auf eine Weise verändert, wie es das Tippen physisch nicht vermag, und fast niemand außerhalb ihres Fachgebiets hat die Studie gelesen. Sie leitet ein Hirnforschungslabor in Trondheim, und die Studie, die die Debatte endgültig entschied, wurde 2024 in einer Fachzeitschrift namens „Frontiers in Psychology“ veröffentlicht. 

Die Erkenntnis ist so einschneidend, dass sie jedes Klassenzimmer auf der Welt hätte verändern müssen. Das Experiment war einfach. Sie rekrutierte 36 Universitätsstudenten und setzte jedem eine Kappe mit 256 Sensoren auf, um die Gehirnaktivität aufzuzeichnen. Auf einem Bildschirm wurden nacheinander Wörter eingeblendet. Manchmal schrieben die Studenten das Wort mit einem digitalen Stift von Hand auf einen Touchscreen, und manchmal tippten sie dasselbe Wort auf einer Tastatur. 

Jede neuronale Reaktion wurde während der gesamten fünf Sekunden aufgezeichnet, in denen das Wort auf dem Bildschirm blieb. Dann untersuchte ihr Team den Teil der Daten, den die meisten Forscher jahrelang ignoriert hatten: nämlich wie verschiedene Teile des Gehirns während der Aufgabe miteinander kommunizierten. 

Wenn die Studenten von Hand schrieben, leuchtete das Gehirn überall gleichzeitig auf. Die Regionen, die für das Gedächtnis, die sensorische Integration und die Kodierung neuer Informationen zuständig sind, feuerten alle gemeinsam in einem koordinierten Muster, das sich über den gesamten Kortex ausbreitete. Das gesamte Netzwerk war aktiv und vernetzt. 

Als dieselben Studenten dasselbe Wort tippten, brach dieses Muster fast vollständig zusammen. Der größte Teil des Gehirns verstummte, und die Verbindungen zwischen Regionen, die Sekunden zuvor noch aktiv gewesen waren, waren im EEG nirgends mehr zu finden.

  • Dasselbe Wort, dasselbe Gehirn, dieselbe Person und zwei völlig unterschiedliche neurologische Vorgänge. 

Das Schreiben von Hand ist keine einzelne Bewegung, sondern eine Abfolge von Tausenden winziger Mikrobewegungen, die in Echtzeit mit den Augen koordiniert werden, wobei jeder Buchstabe eine andere Form hat, die vom Gehirn die Lösung eines leicht unterschiedlichen räumlichen Problems verlangt. 

Die Finger, das Handgelenk, das Sehvermögen und die Teile des Gehirns, die die Position im Raum verfolgen, arbeiten alle zusammen, um einen Buchstaben zu erzeugen, dann den nächsten, dann den nächsten. Das Tippen wirft all das über Bord. Van der Meer hat dies in ihren Interviews klar zum Ausdruck gebracht. Kinder, die auf Tablets lesen und schreiben lernen, können Buchstaben wie b und d oft nicht unterscheiden, weil sie nie körperlich gespürt haben, was es bedeutet, diese Buchstaben tatsächlich auf einem Blatt Papier zu schreiben. 

Handschrift bringt das Gehirn zum Arbeiten. Tippen lässt es auf der Stelle treten. 

Jede Notiz, die du jemals getippt statt geschrieben hast, gelangte über einen schmaleren Kanal in dein Gehirn. Jedes Meeting, jede Buchmarkierung, jede Idee, die du auf deinem Handy statt auf Papier festgehalten hast, wurde nur halb so tief verarbeitet. Du hast diese Dinge nicht vergessen, weil dein Gedächtnis schlecht ist. Du hast sie vergessen, weil das Tippen nie den Teil des Gehirns geweckt hat, der sie hätte festhalten können. Die Lösung ist das, was deine Großmutter schon wusste. Nimm einen Stift zur Hand. Schreib es auf. Der langsamere Weg ist der schnellere.

Text-Quelle: Ithesham Ali (https://x.com/ihtesham2005/status/2056381836499263953)
 

Textauszüge aus der Studie

van der Weel / van der Meer (2024). Handwriting but not typewriting leads to widespread brain connectivity: a high-density EEG study with implications for the classroom, Front. Psychol., 26 January 2024, Sec. Educational Psychology, Volume 14 - 2023 | https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1219945, Open Access

>> Deutsche Übersetzung (DeepL)

Abstract:

Da das traditionelle Schreiben von Hand zunehmend durch digitale Geräte ersetzt wird, ist es unerlässlich, die Auswirkungen auf das menschliche Gehirn zu untersuchen. Bei 36 Studierenden wurde die elektrische Gehirnaktivität aufgezeichnet, während sie visuell dargestellte Wörter mit einem digitalen Stift von Hand schrieben und die Wörter auf einer Tastatur tippten. An den mit einem 256-Kanal-Sensorarray aufgezeichneten EEG-Daten wurden Konnektivitätsanalysen durchgeführt. Beim Schreiben von Hand waren die Konnektivitätsmuster im Gehirn weitaus komplexer als beim Tippen auf einer Tastatur, was sich in weitreichenden Kohärenzmuster der Theta-/Alpha-Konnektivität zwischen Netzwerkknoten und -knotenpunkten in parietalen und zentralen Hirnregionen zeigte.

  • Die vorhandene Literatur deutet darauf hin, dass Konnektivitätsmuster in diesen Hirnarealen und bei solchen Frequenzen entscheidend für die Gedächtnisbildung und die Kodierung neuer Informationen sind und daher dem Lernen zuträglich sind.

Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das räumlich-zeitliche Muster aus visuellen und propriozeptiven Informationen, die durch die präzise kontrollierten Handbewegungen beim Gebrauch eines Stifts gewonnen werden, in hohem Maße zu den Konnektivitätsmustern des Gehirns beiträgt, die das Lernen fördern.

  • Wir plädieren dafür, dass Kinder bereits in jungen Jahren in der Schule mit Handschriftaktivitäten in Kontakt kommen, um die neuronalen Konnektivitätsmuster zu etablieren, die dem Gehirn optimale Bedingungen für das Lernen bieten.

Obwohl es unerlässlich ist, das Üben der Handschrift in der Schule beizubehalten, ist es ebenso wichtig, mit den sich ständig weiterentwickelnden technologischen Fortschritten Schritt zu halten. Daher sollten sich sowohl Lehrkräfte als auch Schüler bewusst sein, welche Praxis in welchem Kontext den besten Lerneffekt hat, beispielsweise beim Anfertigen von Vorlesungsnotizen oder beim Verfassen eines Aufsatzes.

Auszüge aus der Studie:

Digitale Geräte ersetzen zunehmend die traditionelle Handschrift, und da sowohl das Schreiben als auch das Lesen im Unterricht immer stärker digitalisiert werden, müssen wir die Auswirkungen dieser Praxis untersuchen. Die Verwendung einer Tastatur wird heute oft für kleine Kinder empfohlen, da sie weniger anstrengend und frustrierend ist und es ihnen ermöglicht, sich früher schriftlich auszudrücken. Wie dem auch sei, es hat sich gezeigt, dass das Training der Handschrift nicht nur die Rechtschreibgenauigkeit verbessert (S.1).

Solche Vorteile für das Lernen wurden unabhängig davon festgestellt, ob mit einem herkömmlichen Stift oder Bleistift oder mit einem digitalen Stift von Hand geschrieben wurde. (S.2)

Eine aktuelle EEG-Studie aus unserem Labor zeigte, dass das Zeichnen von Hand im Vergleich zum Tippen auf einer Tastatur mehr Aktivität verursacht und größere Bereiche im Gehirn einbezieht. Wir kamen zu dem Schluss, dass die Einbeziehung feiner und komplexer Handbewegungen beim Notieren im Gegensatz zum Drücken von Tasten auf einer Tastatur, das immer dieselbe einfache Fingerbewegung erfordert, für das Lernen vorteilhafter sein könnte. Eine Folgestudie beobachtete ereignisbezogene synchronisierte Aktivität im Theta-Bereich sowohl bei Kindern als auch bei Schülern in den parietalen und zentralen Hirnregionen, jedoch nur beim Schreiben von Hand. Da diese Studien Belege dafür gefunden haben, dass das Schreiben von Hand das Lernen erleichtert, untersuchte die vorliegende Studie die neurobiologischen Unterschiede im Zusammenhang mit dem Schreiben in Schreibschrift und dem Tippen auf der Tastatur im Gehirn junger Erwachsener weiter. (S.2)

Erhöhte Konnektivität im Theta-/Alpha-Bereich beim Handschreiben

Die vorliegenden Ergebnisse zeigten eine erhöhte Konnektivität beim Handschreiben im Vergleich zum Tippen, was darauf hindeutet, dass bei den beiden Aufgaben unterschiedliche zugrunde liegende kognitive Prozesse beteiligt sind. Eine erhöhte Konnektivität innerhalb der Theta- (3,5–7,5 Hz) und Alpha-Frequenzbänder (8–12,5 Hz) wurde mit Mechanismen in Verbindung gebracht, die der sensomotorischen Integration zugrunde liegen.

  • Da eine erhöhte Konnektivität im Gehirn nur beim Schreiben von Hand und nicht beim bloßen Drücken von Tasten auf der Tastatur beobachtet wurde, können unsere Ergebnisse als Beleg dafür angesehen werden, dass das Schreiben von Hand das Lernen fördert. (S.6/7)

Interessanterweise gilt die Konnektivität im Alpha-Band als sehr aufgabenspezifisch und soll der Leistung des Langzeitgedächtnisses entsprechen, während die Theta-Konnektivität offenbar mit dem Arbeitsgedächtnis und der Fähigkeit, neue Informationen zu erfassen, zusammenhängt. (S.7)

Die vorliegenden Befunde zur Theta-Synchronie beim Handschreiben legen nahe, dass Niederfrequenzverbindungen die Integration von Informationen während der Gedächtnisbildung unterstützen, und stehen im Einklang mit früheren Studien, die berichtet haben, dass Niederfrequenz-Entrainment für die Kognition essenziell. (S.7)

Daher erscheint die fortschreitende Verdrängung der Handschrift durch das Tippen in fast allen Bildungsbereichen in gewisser Weise fehlgeleitet, da sie den Lernprozess negativ beeinflussen könnte.

  • Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass die komplexen und präzise kontrollierten Bewegungen beim Schreiben von Hand einen positiven Einfluss auf die Konnektivitätsmuster des Gehirns haben, die mit Lernen und Erinnern zusammenhängen. Die vorliegende Studie fand keine Hinweise auf solche positiven Aktivierungsmuster bei der Verwendung einer Tastatur. (S.7)

__________________________________________________________________________

Anmerkungen von diagnose:funk

Grafik: Teuchert-Noodt

 

Die Bedeutung der Hirnrhythmen

Die Bedeutung der Hirnrhythmen für die Vernetzung von Gehirnfunktionen hat Prof. G. Teuchert-Noodt bereits beschrieben, sie werden in der Studie von van der Weel / van der Meer (2024) bestätigt. Oszillatoren entstehen teilweise aus der Kommunikation neurochemischer Zellprozesse, sie sind rhythmisch aufeinander abgestimmt, interferierende Sequenzen synchronisieren sich: „Aktivität steht im Mittelpunkt allen neuronalen Reifungsgeschehen. Sie wird einerseits über Sinnesbahnen aus der Umwelt geliefert und zusätzlich aus hirneigenen Oszillatoren gespeist und in sich synchronisierende Hirnrhythmen übertragen, die Grundlage für unser Denken und Lernen sind. Beide Quellen beeinflussen sich wechselseitig über die Chemie des Gehirns, also über spezifische Neurotransmitter, mittels derer sich elektrische Signalströme in die Strukturen der Nervennetze einschreiben. Die Kopplung von elektrischen und chemischen Signalen ist Kernbestandteil der neuronalen Struktur-Funktionskopplung“ (Teuchert-Noodt 2019).

Die neue Studie von Panagopoulos et al. (2026) weist nach, dass die niederfrequente Taktung des Mobilfunks, z.B. die 10 Hz von WLAN, besonders schädlich für den Organismus ist. Eine Besprechung dieser Studie steht auf EMF:Data. Niederfrequente Frequenzen steuern die Homöostase im Gehirn, die niederfrequente Taktung der Mobilfunkfrequenzen wirkt als Störstrahlung, so Panagopoulos et al.:

Panagopoulos DJ, Litovsky R, Chamberlin K. Recording the extremely low frequency pulsations of wireless communication electromagnetic fields. Electromagn Biol Med [Internet]. 2026;00(00):1–10. Available from: https://doi.org/10.1080/15368378.2026.2654072

In unserem ÜBERBLICK Nr.4 "Wirkt Mobilfunk auf das Gehirn?" werden diese neurobiologischen detailliert Zusammenhänge beschrieben.

Grafik: diagnose:funk

 

Lesen am Tablet und Smartphone, eine Ursache des Absturzes der Lernleistungen, Sprachstörungen und Intelligenz

Sprechen und Lesen sind die Grundkompetenzen überhaupt. Die Smartphonenutzung reduziert Wortschatz! Das war das Ergebnis der Lesestudie des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS, 2022):

  • „Häufiges Lesen an digitalen Geräten weist dabei einen negativen Zusammenhang mit dem Wortschatz der Kinder auf. Der Wortschatz ist am kleinsten, wenn Kinder oft an digitalen Geräten lesen und gleichzeitig selten bis nie ein Buch.“

Wenn das Smartphone Kinder verstummen lässt. Die KKH-Studie von 2025 weist nach, dass die Zunahme von Sprach- und Sprechstörungen bei Heranwachsenden alarmierend ist. Immer mehr Heranwachsende haben eine Sprachstörung. Zwischen 2008 und 2023 ist der Anteil im Alter von 6 und 18 Jahren um 77% gestiegen. 9% der jungen Menschen weisen ein behandlungswürdiges Sprachdefizit auf, bei den 6-10-Jährigen sind es 17 Prozent. Wichtige Spracherfahrungen gingen verloren, wenn Kinder viel Zeit mit Smartphone, Tablet oder Spielekonsole verbringen. Dabei würden weder Wortschatz noch das freie Reden weiterentwickelt. Auch motorische Störungen sind um 37% angestiegen.

Die empirische Studie von Nilsson / Hardell (2025) aus Schweden zeigt einen alarmierenden Anstieg von Gedächtnisproblemen bei Kindern und Jugendlichen in Schweden und Norwegen. 

  • Mit der Studie von van der Weel / van der Meer (2024) liegt ein weiterer medizinisch-biologischer Beweis vor, wie die Nutzung digitaler Geräte den Gehirnstoffwechsel negativ beeinflusst.

Die Einführung von Tablets bereits ab der KiTa, wie sie die Expertenkommission der Bundesregierung in ihrem Gutachten vorschlägt, missachtet jegliche wissenschaftlichen Grundlagen, wie das Bündnis für humane Bildung in seiner > Stellungnahme nachweist. 

Mehr Informationen zur Bildungsforschung in unserer > Artikelserie: Bildungskatastrophe und Digitalisierung. Studien weisen nach: Die Digitalisierung ist ein wesentlicher Faktor der Krise im Bildungswesen.

Publikation zum Thema

Cover:diagnose:funk
Stand: 06.08.2025Format: A4Seitenanzahl: 44 Veröffentlicht am: 01.08.2025 Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 4: Wirkt Mobilfunk auf das Gehirn?


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Der Überblick Nr. 4 gibt einen wissenschaftlich fundierten Überblick über die Auswirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder (HF-EMF), wie sie durch Mobilfunkgeräte und WLAN erzeugt werden, auf das sich entwickelnde kindliche Gehirn. Auf Basis von über 50 internationalen, peer-reviewten Studien werden molekularbiologische Mechanismen beschrieben, durch die Mobilfunkstrahlung in zentrale neurophysiologische Prozesse eingreift. Besonders betroffen ist der Hippocampus, der für Gedächtnis, Lernen und Raum-Zeit-Orientierung verantwortlich ist. Die Strahlung führt nachweislich zu einer Reduktion synaptischer Plastizität, einer verminderten Expression von Glutamatrezeptoren (insbesondere NMDA) sowie einer signifikanten Abnahme des Wachstumsfaktors BDNF. Diese Veränderungen beeinträchtigen die Reifung neuronaler Netzwerke und stören die Hirnaktivität durch eine Desynchronisation endogener Oszillationen. Weitere dokumentierte Effekte umfassen die Öffnung der Blut-Hirn-Schranke, oxidativen Stress, mitochondriale Schäden und kognitive Entwicklungsdefizite. Epidemiologische Studien weisen zusätzlich auf Zusammenhänge mit Verhaltensauffälligkeiten, Aufmerksamkeitsstörungen und emotionalen Dysregulationen hin. Angesichts der besonderen Vulnerabilität des kindlichen Gehirns fordert der Artikel die Anwendung des Vorsorgeprinzips in pädagogischen Einrichtungen und eine strahlenminimierte Gestaltung von Bildungsumgebungen. Die vorgelegten Ergebnisse belegen, dass die HF-EMF-Exposition als eigenständiger Risikofaktor in der Frühentwicklung ernst genommen werden muss.
Ja, ich möchte etwas spenden!