Bündnis für humane Bildung kritisiert Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“

Gutachten ist ein trojanisches Pferd: Richtige Diagnose, industriefreundliche Folgerungen
Bündnis für humane Bildung
Ministerin Karin Prien (CDU)Bild: Kumi SH; Frank Peter

Stuttgart / Offenburg, 12. Mai 2026. Das Bündnis für humane Bildung fordert Bundesbildungsministerin Karin Prien in einer ausführlichen Stellungnahme auf, die Schlussfolgerungen des Gutachtens der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ zu korrigieren.

>>> Download Volltext der Stellungnahme: Bündnis für humane Bildung kritisiert Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“

Das Bündnis kritisiert, dass das Gutachten zwar zahlreiche Risiken digitaler Medien für Kinder und Jugendliche zutreffend benenne, es bleibe bei den Schlussfolgerungen aber den Interessen von IT-, Plattform- und EdTech-Unternehmen verpflichtet, statt den Schutz von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen. Das Gutachten gehe nicht davon aus, was Kinder brauchen, um gesund aufzuwachsen, ihre natürlichen Sinne auszubilden, sondern postuliere ohne Begründung, dass dafür die Nutzung digitaler Medien eine Voraussetzung sei. Die in der Stellungnahme angesprochenen und kritisierten Punkte sind:

  1. Die Umdefinition von Kindern und Jugendlichen zu Erwachsenen
  2. Trojanisches Pferd „begleitende Medienpädagogik“
  3. Die Behauptung von positiven Potenzialen der Mediennutzung dient der Verharmlosung der Risiken
  4. Die Macht der Tech-Konzerne wird ausgeblendet
  5. Legitimation der „Digital-Only“-Gesellschaft und datengestützten Pädagogik
  6. Humane Pädagogik statt digitaler Dehumanisierung

Schlussfolgerungen neu formulieren!

Während immer mehr Länder die Digitalisierung von Kita und Schule zurücknähmen, legitimiere das Gutachten die Nutzung digitaler Medien bereits ab dem Kindergarten. Die Schlussfolgerungen, die Grundlage für die im Sommer 2026 angekündigten Empfehlungen der Bundesregierung sind, müssten deshalb unter Beteiligung unabhängiger Wissenschaftler neu formuliert werden, fordert das Bündnis.

Teil I des Gutachtens beschreibe korrekt Risiken wie Suchtmechanismen, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, psychische Belastungen und manipulative Algorithmen. Umso erstaunlicher sei, so das Bündnis für humane Bildung, dass daraus keine konsequenten Schutzmaßnahmen, sondern Empfehlungen für eine noch frühere und intensivere Mediennutzung folgten. Kindern werde eine Selbstregulationsfähigkeit zugeschrieben, über die sie entwicklungsbedingt noch nicht verfügen.

 

Prof. Ralf Lankau, Bild Privat

Trojanisches Pferd "Begleitende Nutzung"

Prof. Dr. Ralf Lankau kritisiert dies als eine Position, die alle Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie über Bord wirft:

„Kinder können den Umgang mit sozialen Medien noch nicht steuern. Wer vor dem Display sitzt, wird dort fixiert. Dazu werden alle psychologischen und technischen Tricks eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu binden und Bildschirmnutzungszeiten zu maximieren. Wir haben es bei vielen der heutigen kommerziellen, sozial nur genannten Medien mit einem als Suchtmittel konzipierten Angebot zu tun, das nur der Gewinnmaximierung dient.“ 

Das Konzept einer „begleitenden Medienpädagogik“ verharmlose reale Gefahren. Das erinnere fatal an das „begleitende Trinken“, das 2024 von der Bundesregierung zu Recht verboten wurde.

Begleitete Nutzung ändere nichts an der Schädlichkeit problematischer Angebote. Dennoch werde die frühe Nutzung nicht in Frage gestellt, sondern bereits für die frühe Kindheit gefordert und legitimiert – und damit faktisch für eine frühe Konditionierung auf Digitalsysteme. Damit kehre sich die Schutzlogik um. Das Expertenpapier erweise sich daher als trojanisches Pferd, das unter dem Mantel der Kritik die frühe Nutzung legitimiere.

 

Bild: Pfohlmann

Rettungsversuch für den Absatzmarkt Schule

Das Bündnis sieht darin einen Rettungsversuch für das Geschäftsfeld Bildung und den Zugriff auf wertvolle Nutzerdaten über die Schüler-ID. Macht- und wirtschaftspolitische Interessen großer Tech-Konzerne würden im Gutachten ausgeblendet. Stattdessen würden Kinder früh an Plattformen, datengetriebene Lernsysteme und KI-Assistenten gewöhnt. So entstehe keine mündige Bürgerschaft, sondern eine Generation abhängiger Nutzer und „Untertanen des Digitalen“ (Dirk Helbing, 2018 in der SZ). Schule werde zur Infrastruktur ökonomischer Interessen.

Das Bündnis fordert deshalb eine Kurskorrektur: Stopp weiterer Digitalisierungsschritte, Annullierung des Digitalpakts 2.0, Smartphone- und Social-Media-Verbote bis zum 16. Lebensjahr sowie Bildungskonzepte zur Medienmündigkeit. Plattformanbieter müssten zu wirksamem Jugend- und Datenschutz verpflichtet werden. Bis dahin brauche es klare Schutzregeln für Kinder und Jugendliche.

Bild: da Empoli, Wikipedia

„Die Ingenieure des Silicon Valley haben schon vor langer Zeit aufgehört, Computer zu programmieren, und sich stattdessen der Programmierung menschlichen Verhaltens zugewandt“ (Giuliano da Empoli (2025), Die Stunde der Raubritter, S. 76).

Bild:Jonathan Haidt

"Wir lernen auch gerade, dass Computer in Klassenzimmern eine schlechte Idee waren. Wenn Ihnen die Bildung deutscher Kinder am Herzen liegt, schaffen Sie die Computer aus den Schulen! Die haben dort nichts verloren. Wissen Sie, viele der Leute, die diese Technologie erfunden haben, schicken ihre eigenen Kinder auf Waldorfschulen - weil es dort keine Computer gibt." (Jonathan Haidt, ZEIT Nr. 19 / 29. April 2026)

 

Quelle: Bündnis für humane Bildung

Stellungnahme Bündnis für humane Bildung zur Bestandsaufnahme der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ (10. Mai 2026)

Web: https://die-pädagogische-wende.de/erstaunliche-diskrepanz-zwischen-erkenntnis-und-folgerung/

PDF: https://xn--die-pdagogische-wende-91b.de/wp-content/uploads/2026/05/BfhB_2026_Stellungnahme_Expertenkommission_Pub.pdf

Hintergrund:

Interview Prof. Ralf Lankau: Schüler-ID, Bildungs-TÜV und das falsche Menschenbild. Auf dem Weg zur Konditionierungsanstalt in einer Schule ohne Lehrer

Video Vortrag von Prof. Ralf Lankau: Künstliche Intelligenz oder natürliche Resilienz? Smartphones, Avatare und Lernroboter im Unterricht: Eine gute Idee?

Homepage Bündnis für humane Bildung:  https://die-pädagogische-wende.de/

> Artikelserie zur Kritik der digitalen Bildung

 

Beiträge der Artikelserie: "Künstliche Intelligenz, der Papst, die Enzyklika und das Elend der deutschen Bildungspolitik"

 

Teil I: Prof. Klaus Zierer: "Menschlichkeit in den Mittelpunkt: Durch Bildung KI entwaffnen!"

"Die KI-Besoffenheit von Bildungspolitik, Schulaufsicht und einem großen Teil der Erziehungswissenschaften wirkt derzeit wie ein Brandbeschleuniger nach Jahren des Zündelns mit dem Feuer der Digitalität, das bereits großen Schaden angerichtet hat. Das Haus der Schule muss neu gebaut werden."

Teil II: Prof. Ralf Lankau: „Angst muss man nicht vor Maschinen haben, sondern vor den Menschen, die sie entwickeln und missbrauchen.“

Der Papst warnt in seiner ersten Enzyklika vor existenziellen Risiken der Künstlichen Intelligenz für Individuen und Völker. Ralf Lankau hofft auf neue Impulse in der Diskussion. Zugleich ist er sicher: Widerstand ist möglich! Mit ihm sprach Ralf Wurzbacher.

Teil III: Bündnis für humane Bildung kritisiert Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“.

Das Gutachten ist ein trojanisches Pferd: Richtige Diagnose, industriefreundliche Folgerungen

Teil IV: Prof. Gertraud Teuchert-Noodt, Brief an Ministerin Prien und die Expertenkommission: Kritische Stellungnahme zur aktuellen Bestandsaufnahme der Expertenkommission zum Kindes- und Jugendschutz in der digitalen Welt vom 20.04.2026:

„Die Forderung aus diesen Erkenntnissen der Neurowissenschaften kann vor dem Hintergrund wachsender gesellschaftlicher Probleme nur lauten, digitale Medien nicht als Hirnkiller bzw. Lernersatz für die biologisch-grandiosen haptischen Werkzeuge jedes Menschen einzusetzen. Sie haben in der gesamten Kindes- und Jugendentwicklung nichts zu suchen.“

Teil V: Nina Kolleck, Joachim Bauer: Zwei Bücher für alle, die die digitale Sozialisation unserer Kinder verstehen wollen.

Prof. Joachim Bauer: Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können, Heyne, 2026

Nina Kolleck: Der Kampf in den Köpfen. Wie TikTok, Instagram & Co unsere Kinder manipulieren, Rowohlt, 2026

Publikation zum Thema

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Überblick Nr. 9: Digitale Bildung - Ausweg aus der Bildungskatastrophe?


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Gesund aufwachsen in der digitalen Medienwelt

Orientierungshilfe für Eltern und alle, die Kinder und Jugendliche begleiten.
Autor:
Hrsg. Michaela Glöckler
Inhalt:
Viele Beobachtungen und Studien von Experten zeigen, dass der zu frühe Kontakt von Kindern und Jugendlichen mit den neuen Medien mit erheblichen Risiken für ihre Entwicklung und ihre Gesundheit verbunden ist. Wir wissen heute: Erst wenn das Kind seine biologisch notwendigen Entwicklungsschritte in den verschiedenen Lebensabschnitten gut bewältigt hat, kann es die Fähigkeit zu einem kompetenten und selbstbestimmten Medienumgang entwickeln. Das Buch nimmt die übergeordnete Fragestellung auf, was Kinder bzw. Jugendliche für ihre gesunde Entwicklung in verschiedenen Entwicklungsphasen brauchen. Der pädagogische Standpunkt der Autoren versucht eine Balance aufzuzeigen zwischen den Wünschen der Kinder und Jugendlichen und den Einschränkungen, die als Vorsorgemaßnahmen zur Abwendung von Gefahren erforderlich sind.
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