Marode AKWs der Schweiz: Strahlungs-GAU für Süddeutschland

Interview mit Dr. Jörg Schmid (IPPNW) zum AKW Leibstadt: Verstrahlte Evakuierungszone Stuttgart!
Baden - Württemberg und seine Großstädte wie Stuttgart, Ulm, Freiburg, Karlsruhe und Mannheim gehören zur verstrahlten Evakuierungszone, wenn es im Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt, das direkt am Rhein gegenüber Waldshut steht, dann zum Unfall kommt, wenn der Wind ungünstig weht. Dieses Risiko besteht, weil das 40 Jahre alte AKW inzwischen so unsicher ist, dass selbst die Landesregierung Baden-Württemberg von der Schweiz seine Abschaltung fordert. Die denkt nicht daran. Mit Dr. Jörg Schmid von der IPPNW, Experte für die Gesundheitsfolgen von Radioaktivität, sprachen wir über die Folgen eines Super-GAUs insbesondere für die 150 km von Leibstadt entfernte Region Stuttgart. Grundlage des Gesprächs sind offizielle Gutachten, die von der Organisation .ausgestrahlt publiziert wurden. Nach einer Veranstaltung im Bürgerzentrum Stuttgart-West sprach Peter Hensinger mit Jörg Schmid.
Dr. Jörg Schmid (IPPNW), Bild privat

diagnose:funk: Jörg, das AKW Leibstadt steht direkt an der deutschen Grenze. Wie sicher ist dieses Kraftwerk nach heutigen Maßstäben?

Jörg Schmid: Nach heutigem Stand der Technik gilt Leibstadt nicht mehr als sicher. Die Anlage ist über vier Jahrzehnte alt, ihre Bauteile altern, und die Reaktordruckbehälter waren ununterbrochen  Versprödungseffekten ausgesetzt. Auch wenn das AKW je nachgerüstet würde, was manche Experten technisch als nicht machbar ansehen,  erfüllt das Kraftwerk keine modernen Sicherheitsstandards. Würde man es heute neu beantragen, bekäme es keine Genehmigung mehr. Es ist außerdem nur begrenzt gegen äußere Einwirkungen wie Flugzeugabstürze oder gezielte Angriffe geschützt.

diagnose:funk: Wie groß ist die Gefahr eines Super-GAUs?

Jörg Schmid: Diese Gefahr besteht real. Es ist inzwischen ein Hochrisiko-AKW. Ein Versagen von Kühlsystemen, Materialbrüche oder menschliches Versagen können zu einer Kernschmelze führen. Die Simulationen zeigen, dass Deutschland – insbesondere Süddeutschland – im Durchschnitt stärker radioaktiv belastet würde als die Schweiz selbst, weil der Wind meist aus Westen oder Südwesten weht.

AKW Leibstadt bei Waldshut, Bild Wikipedia

diagnose:funk: Welche Gebiete wären im Ernstfall betroffen, und welche müssten evakuiert werden?

Jörg Schmid: Schon bei einer Freisetzung von nur etwa zehn Prozent des radioaktiven Inventars müsste man je nach Wetterlage Gebiete bis zu mehrere Hundert Kilometer evakuieren. Das schließt große Städte wie Freiburg, Karlsruhe, die Region Stuttgart oder sogar München ein. In Baden-Württemberg existieren bislang Evakuierungspläne nur für eine 10-Kilometer-Zone – das ist völlig unzureichend. Nach Fukushima wurden international 20 bis 30 Kilometer empfohlen, aber die realistischen Auswirkungen eines GAUs reichen weit darüber hinaus.

diagnose:funk: Wie würde Stuttgart im Katastrophenfall betroffen sein?

Jörg Schmid: Stuttgart bezieht sein Trinkwasser über die Bodensee-Wasserversorgung. Nach einem Unfall in Leibstadt könnten radioaktive Stoffe wie Cäsium-137, Strontium-90 oder radioaktives Jod über den Rhein und die Aare in den Bodensee gelangen. Schon geringe Mengen würden die Grenzwerte zigfach überschreiten. Dieses Wasser versorgt rund fünf Millionen Menschen – darunter auch Stuttgart, Reutlingen, Heilbronn und Pforzheim. Damit wäre die gesamte Region potenziell betroffen.

diagnose:funk: Welche gesundheitlichen Folgen drohen im weiteren Umkreis?

Jörg Schmid: Selbst in 80 bis über 100 Kilometer Entfernung kann es zu akuten Strahlenschäden kommen, je nach dem Stand des Windes und ob und wo die Wolke abregnet. Im Bereich der Kontamination im  Niedrigdosisbereich, also weiter entfernt, drohen chronische Erkrankungen – Krebs, Fehlbildungen, Herz- u. Kreislauferkrankungen. Studien gehen bei einem Super-GAU in Leibstadt von Zehntausenden Toten und noch mehr langfristig Erkrankten aus. Auch die psychischen und sozialen Folgen wären immens.

Verstrahlte Fall-Out Zonen nach einem Unfall im AKW LeibstadtBild:.ausgestrahlt

diagnose:funk: Mit welcher Wahrscheinlichkeit würde Stuttgart tatsächlich zur verseuchten Zone?

Jörg Schmid: Das hängt von der Wetterlage ab. Bei etwa einem Drittel aller Wetterkonstellationen würde die radioaktive Wolke über Baden-Württemberg hinwegziehen. Nach den Analysen von ausgestrahlt und flexRISK liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Stuttgart kontaminiert wird, bei rund 30 bis 40 Prozent, falls es in Leibstadt zu einem massiven Unfall kommt. Bei ungünstigem Wind kann die radioaktive Wolke und der Fall-Out innerhalb von 12 bis 24 Stunden die Region erreichen.

diagnose:funk: Wie hoch wäre die Strahlenbelastung im Raum Stuttgart in einem solchen Szenario?

Jörg Schmid: Je nach Windrichtung und Niederschlag kann die Dosis im Raum Stuttgart zwischen 0,5 und 5 Sievert (Sv) liegen. Das ist ein extrem hoher Bereich. Bereits eine Dosis von 1 Sievert kann zu Strahlenkrankheit führen, ab 4 bis 5 Sievert sterben ohne medizinische Versorgung rund 50 Prozent der Betroffenen. Auch bei niedrigeren Dosen im Bereich von unter 100 Millisievert steigt das Risiko für langfristige und schwerwiegende Erkrankungen deutlich an. Selbst sehr geringe radioaktive Strahlung kann schädigen, es gibt eben keine unschädliche Dosis. Langfristig wären Böden, Gebäude und Gewässer so kontaminiert, dass ein normales Leben dort nicht mehr möglich wäre.

diagnose:funk: Wie wäre eine solche Strahlendosis gesundheitlich einzuschätzen?

Jörg Schmid: Bei 0,5 Sv treten bereits akute Symptome auf: Übelkeit, Haarausfall, geschwächtes Immunsystem. Bei 1 Sv kommt es zu massiven Zellschäden, erhöhtem Krebsrisiko und DNA-Veränderungen. Bei über 3 Sv sprechen wir von lebensbedrohlicher Strahlenkrankheit. Zudem wirken radioaktive Isotope langfristig – Cäsium-137 etwa hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Das heißt: Die Region bliebe für Jahrzehnte radioaktiv belastet. Landwirtschaft, Trinkwasser, Gebäude – alles müsste aufgegeben werden.

Aktion der IPPNW und des BUND am 5.12.2024 vor dem Umweltministerium Baden Württemberg: 500 Unterschriften von ÄrztInnen für die Stilllegung der Schweizer AKWs wurden übergeben.Bild: IPPNW / Jörg Schmid

diagnose:funk: Was fordern die IPPNW und die Organisation .ausgestrahlt angesichts dieser Risiken?

Jörg Schmid: Zunächst einmal sollten die Kommunen diese Gefahr nicht verdrängen und im Gemeinderat darüber diskutieren und sich der Forderung nach sofortiger Abschaltung anschließen. Das würde den Druck auf die Schweizer Regierung erhöhen, aber auch auf die baden-württembergische Landesregierung, hier mit mehr Druck zu verhandeln. Als ersten Schritt fordern wir von der Schweiz ein grenzüberschreitendes öffentliches Beteiligungsverfahren ein – die Schweiz hat die Verpflichtung, bei einer Laufzeitverlängerung eines AKWs  eine öffentliche und transparente Umweltverträglichkeitsprüfung durchführen. Sie ist daran durch völkerrechtliche Verträge (z.B. Espoo-Konvention) gebunden. Diesbezüglich haben wir als IPPNW  vom Espoo-Sekretariat eine Überprüfung der Rechtswidrigkeit des Schweizer Regierung eingefordert – und es ist gut, dass sich, nach mehreren Gesprächen mit uns, das hiesige Umweltministerium nun auch zu diesem formalen Einspruch durchgerungen hat. Darüber hinaus fordern wir:

  1. Einen verbindlichen Abschaltplan für alle Schweizer Atomkraftwerke, insbesondere Leibstadt.
  2. Eine deutsch-schweizerische Energiewendepartnerschaft, um gemeinsam auf erneuerbare Energien zu setzen.
  3. Transparenz und Mitsprache Deutschlands bei Sicherheitsbewertungen grenznaher Reaktoren.
  4. Aktualisierte Katastrophenschutzpläne in Süddeutschland, die auch Szenarien mit großräumiger Evakuierung und Trinkwasserkontamination abdecken.

diagnose:funk: Was müsste sofort passieren, um die Menschen zu schützen?

Jörg Schmid: Die Schweiz sollte ein festes Abschaltdatum für Leibstadt festlegen. Deutschland und auch die Stadt Stuttgart müssen die Notfallplanung überarbeiten: Evakuierungsübungen, Informationsketten, Verteilung von Jodtabletten, Sicherung der Trinkwasserversorgung. Die Zeit läuft – Leibstadt kann morgen zum Problem werden. Es wäre gut, wenn die Fraktion Die Linke SÖS Plus dies mit einer Anfrage zum Thema im Stuttgarter Gemeinderat macht.

diagnose:funk: Lieber Jörg, eure Veranstaltung hat vor Augen geführt: Das AKW Leibstadt ist kein fernes Risiko – es ist ein unmittelbares Gesundheits- und Sicherheitsproblem für Süddeutschland. Ein Super-GAU würde Millionen Menschen treffen, und ganze Regionen unbewohnbar machen. Die Konsequenz muss sein: Abschalten – bevor es zu spät ist. Danke für Deine Aufklärungsarbeit.

Das Interview führte Peter Hensinger

Downloads: Gutachten von .ausgestrahltFlyer von .ausgestrahlt Musterresolution für betroffene Kommunen

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Bild: ElektrosmogReport
Bild: Titelbild Verlag

Ionisierende und nicht-ionisierende Strahlung wirken zusammen

Bis 2019 gab es ein gemeinsames Fachmagazin der Anti-AKW-Bewegung und der Mobilfunkkritiker, den Strahlentelex | ElektrosmogReport. Den Herausgebern war es klar, dass die Verstrahlung der Umwelt durch beide Strahlungsarten erfolgt, akut und sofort durch die hochenergetische Strahlung der AKWs bei einem GAU, aber auch im Betrieb durch Dauerniedrigstrahlung. Und ebenso durch die Mobilfunkstrahlung, schleichend durch ihre Einwirkung auf Stoffwechselprozesse im Organismus. Wie beide Strahlungsarten im Organismus zusammenwirken können, beschrieb Prof. Karl Hecht in sei nem Artikel „Ist die Unterteilung in ionisierende und nichtionisierende Strahlung noch aktuell? Neuester wissenschaftlicher Erkenntnisstand: EMF-Strahlung kann O2- und NO-Radikale im Überschuss im menschlichen Körper generieren“ (2015) und das Otto-Hug-Strahleninstitut im Bericht „Unterschätze Gefahren der Radioaktivität am Beispiel der Radarsoldaten“ (2015). Die ATHEM-3 Studie zur Langzeitwirkung der Strahlung von Mobilfunksendeanlagen, zu der auch Jörg Schmid in einem Interview mit diagnose:funk Stellung bezog, weist diesen Zusammenhang nach.

Publikation zum Thema

Format: A4Seitenanzahl: 21 Veröffentlicht am: 21.10.2015 Sprache: DeutschHerausgeber: Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie e.V.

Ist die Unterteilung in ionisierende und nichtionisierende Strahlung noch aktuell?

EMF-Strahlung kann O2- und NO-Radikale im Überschuss im menschlichen Körper generieren
Autor:
Prof. Dr. med. Karl Hecht
Inhalt:
Sowohl die sogenannten ionisierenden Strahlungen als auch die sogenannten nichtionisierenden Strahlungen können freie Radikale im menschlichen Körper generieren. Analoge biologische Schädigungen können also von beiden Arten der Strahlung ausgehen. Aus allem folgt: Da für den Schutz der Bevölkerung die Folgen der Strahlungen auf den menschlichen Körper ausschlaggebend sind, ist eine Unterteilung in ionisierende und nichtionisierende Strahlung nicht mehr angebracht. Das muss aber auch Konsequenzen für den gegenwärtigen Strahlenschutz und entsprechende juristischen Bewertungen haben.
Berichte des Otto Hug Strahleninstituts Nr. 25 2015 Seitenanzahl: 212 Veröffentlicht am: 25.01.2016 Sprache: DeutschHerausgeber: Gesellschaft für Strahlenschutz e.V

Unterschätzte Gesundheitsgefahren durch Radioaktivität am Beispiel der Radarsoldaten

Berichte des Otto Hug Strahleninstituts
Autor:
Walter Mämpel, Sebastian Pflugbeil, Robert Schmitz, Inge Schmitz-Feuerhake
Inhalt:
Schäden durch Röntgenstrahlung, Radioaktivität und Hochfrequenzstrahlung - der neue Bericht des Otto-Hug-Strahleninstituts "Unterschätzte Gesundheitsgefahren durch Radioaktivität am Beispiel der Radarsoldaten" liegt seit kurzem vor. Er kann in Buchform bezogen werden beim Bund zur Unterstützung Radargeschädigter e.V. und der Gesellschaft für Strahlenschutz e.V.
Artikel veröffentlicht:
03.11.2025
Autor:
diagnose:funk / Peter Hensinger
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