Die pädagogische Wende oder: Über die notwendige Besinnung auf das Erziehen und Unterrichten

Interview mit Professor Dr. Ralf Lankau über die Expertenkomission zu digitalen Medien
Der Titel des Buches „Kein Mensch lernt digital“ des Medienwissenschaftlers Professor Ralf Lankau brachte die Kritik vieler Experten aus Pädagogik, Medizin und Psychologie am Digitalpakt Schule, der im Jahr 2017 von der Bundesregierung gestartet wurde, auf den Punkt. Die Prognosen der Kritiker traten ein, die Bildungskatastrophe vertiefte sich. Die Digitalisierung der letzten 10 Jahre brachte keine Wende und keinen Fortschritt, die Lernleistungen gingen in den Sinkflug. „Mit „Digitaler Bildung“ raus aus der Bildungskatastrophe!“, das war das Versprechen des Digitalpaktes Schule, heute steht man vor einem Scherbenhaufen. Was sind die Ursachen, was die Alternativen? Dazu hat der Medienpädagoge Ralf Lankau einen Grundsatzartikel verfasst, über den wir mit ihm ein Interview führen konnten.
Prof. Ralf Lankau, Bild privat

>>> Download Ralf Lankau (2025): „Die pädagogische Wende oder: Über die notwendige Besinnung auf das Erziehen und Unterrichten“

DIAGNOSE:FUNK: Herr Professor Lankau, Sie haben den Artikel „Die pädagogische Wende oder: Über die notwendige Besinnung auf das Erziehen und Unterrichten“ publiziert, der die Bildungspolitik scharf kritisiert und vor allem einen Stopp der Digitalisierung fordert. Vor einem Jahr noch hätten wir kritisiert, dass die vielfältig negativen Auswirkungen der Frühdigitalisierung von Politik und Medien ignoriert werden. Doch der Wind hat sich gedreht, Bundesbildungsministerin Karin Prien benennt die Probleme und will sie lösen, Smartphoneverbote an Schulen sind angedacht, Frau Prien setzte eine Expertenkommission ein.[1] Sie müssten doch zufrieden sein?

RALF LANKAU: Erfreulich ist, dass nun eine öffentliche Debatte stattfindet. Zufrieden kann man aber nicht beim Einsetzen einer Expertenkommission sein – dafür gab es schon zu viele Kommissionen zu IT in Bildungseinrichtungen – , sondern frühestens bei der Analyse der Ergebnisse und sobald konkrete Vorschläge dieser Kommission für die Schulpraxis vorliegen. Zumal die Diskussion in Deutschland den Nachbarländern deutlich hinterher hinkt, wenn man an Australien, Schweden, Dänemark oder Frankreich denkt. Diese Länder haben längst gemerkt, dass sie den Werbebotschaften der IT-Wirtschaft aufgesessen sind. Der sozialdemokratische Minister für Kinder und Bildung, Mattias Tesfaye, hatte sich z.B. im Dezember 2023 dafür entschuldigt hatte, dass die dänische Regierung Jugendliche zu „Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment“ gemacht habe. Zu lange habe man sich den großen Tech-Konzernen unterworfen. Man sei als Gesellschaft zu „verliebt gewesen in die Wunder der Digitalwelt.“ Jetzt müsse man, zum Schutz der Kinder und Jugendlichen, dringend umsteuern, damit wieder regulär unterrichtet werden könne und konzentriertes Arbeiten in Klassen wieder möglich werde. So klare Botschaften höre ich weder aus Berlin noch aus den Kultusministerien.

Was erwarten Sie von dieser Expertenkommission?

Als jemand, der selbst mehr als 20 Jahre Erfahrung als Professor in Gremien und Kommissionen hat, erwarte ich erst einmal nichts, sondern warte darauf, was als Ergebnis publiziert wird. Die in der Kommission vertretenen Kolleginnen und Kollegen haben alle ihre akademischen und beruflichen Meriten, aber niemand weiß, wie sich dieses Gremium organisiert, wer das Wort führt und wessen Interessen sie vertreten, wie sie miteinander agieren und ob sie konstruktiv und lösungsorientiert diskutieren oder nur ihre bekannten Positionen vertreten. Es fehlen zudem wirklich kritische Stimmen, die nicht mit dem üblichen Begriffspaar der „Chancen und Risiken von IT in Bildungseinrichtungen“ lavieren, sondern ganz klar die neoliberalen, ökonomischen Interessen  – und bei KI auch ganz klar die demokratiegefährdenden Potentiale der Einflussnahme durch Tech-Monopole und Tech-Milliardäre auf Bildungseinrichtungen – benennen. Es geht denen ja nicht um Bildungsprozesse, sondern um Einfluss auf Bildungsinhalte und Macht über die Institution Schule als Kaderschmiede zukünftiger Mitarbeiter.

Kann die Expertenkommission in dieser Zusammensetzung eine pädagogische Wende einleiten?

Das kommt darauf an, wie sich diese Expertinnen und Experten miteinander verständigen und ob sie die Reichweite ihrer Aufgabe begreifen. Wenn es wieder nur um „digitale Teilhabe“ schon von Kindern an Netzdiensten geht oder die vermeintliche Wunderwelt der Lern-Apps beschworen wird, kann man sich den Aufwand sparen. Dann bleibt es eine der üblichen Alibi-Veranstaltungen, die seit Jahrzehnten veranstaltet werden, um zu kaschieren, dass es primär wirtschaftliche Interessen sind, die jede neue Technik und Gerätegeneration in die Schulen drückt, ob PC oder Internet oder heute Smartphones und Tablets.

Dabei sind diese ganzen Techniken für das Lernen gar nicht notwendig, allenfalls mögliche Ergänzungen. Als Absatzmarkt sind ca. 40.000 Schulen und etwa 8 Millionen Schülerinnen und Schüler aber attraktiv. Es reicht dazu, die ganzen Start Ups und Online-Angebote zu sichten, um zu sehen, um was es bei der Digitalisierung von Schulen geht: um Milliardenmärkte.

Dabei ist es ein leidlich bekannter Irrweg. Auf der einen Seite steht seit mehr als 40 Jahren immer mehr Digitaltechnik in Schulen, auf der anderen Seite werden immer schlechtere Schulleistungen konstatiert. Womöglich hat das eine mit dem anderen zu tun?

Leistungsabfall an Schulen: Anteil der Digitalisierung daran wissenschaftlich nachgewiesenGrafik:diagnose:funk

Sie haben in Büchern und Artikeln die Forschungslage zum Nutzen digitaler Medien im Lernprozess ausgewertet. Die gegenwärtigen Verbote sind beschränkt auf die Nutzung privater Smartphones und Tablets, regeln aber nicht den Einsatz als Lernmedien. Ist nicht auch dieser Einsatz eine Ursache des Leistungsabsturzes?

Das sind sicherlich keine einfachen Kausalitäten in dem Sinne: Mehr Bildschirmmedien und Netzdienste führen direkt zu schlechteren Lernleistungen. Aber immer mehr Bildschirmmedien, längere Nutzungszeiten und ein immer früheres Einstiegsalter beeinflussen das körperliche, psychische und seelische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen nachweislich negativ, wie es z. B. Jonathan Haidt publiziert hat. Oder ich verweise exemplarisch auf die Empfehlungen der Leopoldina vom August 2025, die im Prinzip die Arbeit der Kommission und die notwendigen politischen Entscheidungen schon formuliert hat mit der klaren Schlussfolgerung:

  • "Wir empfehlen, die Nutzung von Smartphones in Kitas und Schulen bis einschließlich Klasse 10 zu untersagen."

An dieser Stelle greift auch meine Skepsis. Das Papier der Leopoldina argumentiert sachlich und wissenschaftlich und fordert das Notwendige. Beim Papier der Kommission erwarte ich Einflussnahmen von politischen und wirtschaftlichen Interessenverbänden und allen möglichen Lobbyisten mit ihren Partikularinteressen, wie ich es von Anhörungen und Stellungnahmen in den Landtagen und im Bundestag gewohnt bin. Aber vielleicht werden wir positiv überrascht?

Frau Prien will die Digitalisierung in Schulen regeln, doch der Koalitionsvertrag will sie beschleunigen, mit autonomem Lernen, einer Schüler-ID und einem Tablet zum Lernen und Datensammeln, das jedem Schüler vom Staat zur Verfügung gestellt wird. Konterkariert dies nicht von vorneherein die Arbeit der Expertenkommission?

Ja, es gibt elementare Widersprüche zwischen dem Koalitionsvertrag, den Aussagen von Frau Ministerin Prien und der Aufgabenstellung der Kommission. Die Ampelkoalition hatte noch den eindimensionalen und intellektuell unterkomplexen Slogan „Digital first. Bedenken second“ der FDP übernommen. Peinlich! Im jetzigen Koalitionsvertrag steht sogar „Digital only“. Automatisierung, Digitalisierung und die Verdatung von Lernbiografien sind die Leitmetaphern des Koalitionsvertrags für Bildungseinrichtungen. Dafür bekommt jedes Kind bei Geburt eine Schüler-ID (Schüler-Identifikationsnummer), die es ein Leben lang behält. Damit kein Kind durch das Datensammel- und Überwachungsraster fällt, erhalten ‚bedürftige Kinder‘ kostenlos Tablets. Ein neues Verständnis von Chancengleichheit. Es ist die Verweigerung sowohl der pädagogischen Arbeit und des Erziehungsauftrags, weil sich weder pädagogisches Arbeiten noch Bildungsprozesse nach mathematischen und statistischen Parametern quantifizieren noch standardisieren lassen. Das ist selbstentlarvend und zeigt nur, dass die Verhandler keine Ahnung von den immanenten Strukturen von Digitaltechnik haben. Sonst wüssten sie, dass jede Technik zwei Seiten hat.

Die US-Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff hat schon 1988 das Prinzip von IT und „smarten Maschinen“ benannt: „Automatisieren. Digitalisieren. Kontrollieren.“  Das ist für technische und organisatorische Aufgaben gut geeignet, für soziale nicht.

Die Schüler-ID wird mit dem Versprechen eingeführt, dass dann keine Bildungsbiografie mehr verloren geht und auf jeder Lernstufe adäquat gefördert werden könne!

Derzeit wird alles kommerzialisiert und damit dehumanisiert. Das deutlichste Zeichen dafür ist die geplante Schüler- oder Bildungs-ID, die jedes Kind zugewiesen bekommt und unter der alle Schulleistungen und Ausbildungsdaten gespeichert und ausgewertet und ggf. Maßnahmen zugewiesen werden. Der Mensch wird zum abstrakten Datensatz mit vermessenen Leistungen, obwohl Daten ohne Kontext nur eine sehr bedingte Aussagekraft und Relevanz haben. Nach dieser Logik ist aber z.B. der Datensatz bei einem Schulwechsel schon vor dem Schüler oder der Schülerin an der nächsten Schule, Universität oder beim möglichen Arbeitgeber. Statt mich als Person im neuen sozialen Umfeld neu positionieren zu können, ist mein digitaler Zwilling und damit der erste Eindruck - und meist eine erste Einschätzung - schon da. Schüler- und Bildungs-ID gehorchen damit der Logik der Informationstechnik - Verdatung, Berechnung, Prognostik, und nicht der Pädagogik: Sie sollten komplett gestrichen werden. Schülerdaten werden stattdessen nur in der Schule vor Ort erhoben und nur so lange, bis sie die Schule verlassen, Zeugnisse als Dokumente ausgenommen. Die Persönlichkeits- und Schutzrechte Minderjähriger haben Vorrang.

Titel: Verlage

Die Analysen über die ökonomischen Hintergründe der digitalen Bildungsreform lagen lange vor, doch Pädagogen, Lehrerverbände und Medien ließen sich von den Fortschritts-Narrativen der Industrie blenden!

Smartphone – und Social Media-Verbote sind Symptombekämpfung, sagen Sie, wenn sie nicht mit einer Korrektur der Bildungspolitik einhergehen! In Ihrem Artikel analysieren sie die Ursachen des jahrzehntelangen Trauerspiels! Was sind die Kernfehler, die dazu führten, dass statt Fortschritten die Schulleistungen im ständigen Sinkflug sind?

Da kommt einiges zusammen. Der Begriff der Bildungskatastrophe stammt von Georg Picht aus dem Jahr 1964. Als Zyniker könnte man jetzt formulieren: Seit dieser Zeit werden Schulen nicht mehr als Bildungseinrichtungen mit dem Ziel der Allgemeinbildung begriffen, sondern als Berufsvorbereitungseinrichtungen im internationalen Wettbewerb. Während Ralf Dahrendorf im Jahr 1965 noch Bildung als Bürgerrecht einforderte und die bundesdeutsche Demokratie durch zu geringe Bildung gefährdet sah, kippte die Diskussion schnell in Richtung neoliberaler Positionen, die Arbeitskräfte als „Humankapital“ definieren und damit als austauschbares Element im Produktionsprozess. Nicht der Mensch als Person und Persönlichkeit, sondern nur seine verwertbare Arbeitskraft und Funktion sind relevant.

Wer Menschen derart zur Arbeitskraft reduziert und objektiviert, kann im nächsten Schritt auch die im Beruf erwarteten Kompetenzen benennen und fordern, diese bereits in der Schule zu vermitteln: Von der Schul- direkt an die Werkbank. Daraus ergibt sich logisch die Fixierung auf die Kompetenzorientierung, Kompetenzstufen und -raster. Gelehrt und geprüft wird, was gefordert wird. Die Technik zur kleinteiligen Vermittlung und Vermessung der Kompetenzen sind digitale Endgeräte, mit denen personalisiert Daten erfasst und ausgewertet werden können.

Meine Frage ist: Was leisten unsere Schulen heute, damit Kinder und Jugendliche lernen und selbst bestimmen können, auf ihre je eigene Art und Weise in der Welt zu sein? Reden wir über möglichst automatisiert zuzurichtendes „Humankapital mit validierten Kompetenzen“ oder über junge Menschen, die zu autonom handelnden und reflektiert agierenden Persönlichkeiten werden können? Smartphones und Social Media erziehen Konsumäffchen, die abhängig sind von ihren Geräten und deren Dienste und die übers Netz steuerbar sind. Ist das das Ziel?

Sie sagen, Smartphone – und Socialmedia-Verbote greifen zu kurz, wenn sie nicht in ein Positivprogramm der Erziehung zur Medienmüdigkeit eingebettet sind! Was sind die Alternativen, die Sie vorschlagen?

Wir brauchen ein konsequentes Umdenken. Statt Schulen immer stärker zu ökonomisieren und Unterricht und Lernprozesse zu automatisieren, den Unterricht letztlich an KI-Bots zu delegieren - erste Schulversuche laufen bereits, sollten wir Bildungseinrichtungen als Einrichtungen der „res extra commercium“ definieren, als dem Kommerz entzogene Institutionen – wie die Altenpflege, die Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigung und das Gesundheitswesen. Wir müssen uns auf eine soziale, am Menschen orientierte Wirtschaft und auf die Verpflichtung gegenüber dem und der Anderen und das Gemeinwohl besinnen. Statt Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung müssen Begriffe wie Emanzipation, Reflexionsvermögen und Selbstbestimmung als Teil einer sozialen Gemeinschaft und der Bildungseinrichtungen zu Leitbegriffen werden.

Bilder: privat

75 Experten fordern eine pädagogische Wende: Alternative Bildungskonzepte liegen vor. Die Initiatoren des Appells zum Stopp der Digitalisierung: Dr. Uwe Büsching, Dr. Mario Gerwig, Peter Hensinger MA, Prof. Ralf Lankau, Prof. Manfred Spitzer, Prof. Klaus Zierer

In Ihrer Analyse arbeiten Sie heraus, dass die Bildungskatastrophe und die Digitalisierung in neoliberalen Konzepten und aktuell im Einfluss der IT-Konzerne ihre Ursachen haben. Ist dieses Gedankengut auch in die pädagogischen Wissenschaften eingesickert?

Leider ja. Seit mehr als 20 Jahren dominiert die empirische Bildungsforschung, eine Mischung aus Psychologie und Statistik. Dahinter steht eine lange Tradition. William Stern und Kollegen haben schon um 1900 postuliert, dass man mit Psychotechniken die Menschen beeinflussen und steuern könne. Erste Anwendungen waren politische Propaganda, etwa von Edwards Bernays im Buch „Propaganda und die Kunst der Public Relation“, schon 1928 beschrieben und in Deutschland von den Nationalsozialisten in Wochenschauen und Rundfunk erfolgreich umgesetzt. Das zweite große Feld ist die Werbepsychologie und das Versprechen, über entsprechende Bilder, Texte und Filme Verbraucherverhalten manipulieren zu können.

Letztlich basieren diese ganzen Vorstellungen auf einem mechanistischen Welt- und Menschenbild, dass sich von Renée Descartes über Galileo Galilei bis zu Norbert Wiener und der Kybernetik verfolgen lässt. Das All, die Welt und alle Organismen werden dabei als Quasi-Maschine beschrieben und sind als solche berechen- und konstruierbar. In der Pädagogik wurden daraus Modelle des gescheiterten programmierten Lernens, oder es sind heute Lern-Apps und Avatare als Lehrer und Coach. Dumm nur, dass man mit diesen Systemen zwar Formen des Paukens nachbilden kann und das Bulimielernen etabliert. Aber es entsteht kein Verständnis. Denn zum Verstehen braucht es ein menschliches Gegenüber und den offenen Diskurs, nicht nur einen Sprachautomaten, der zwar repetieren kann, aber nichts von dem versteht, was er da als Antwort berechnet. Zum denken Lernen als Ziel von Lehre und Unterricht brauchen wir ein menschliches Gegenüber, den direkten Dialog. So jedenfalls formuliert es Immanuel Kant im Text „Was heißt: sich im Denken orientieren?“ (1786). Sonst bekämen wir nur leere Köpfe, die zwar das  Repetieren - heute: Bulimie-Lernen - trainieren, aber nicht selbständig denken und Fragen stellen könnten.

Die pädagogische Wende, die Sie fordern, bedeutet also, dass mit dem Einfluss ökonomischer Interessen auf die Bildungspolitik Schluss gemacht werden muss. Sind hier nicht die Lehrerverbände mehr gefordert?   

Die Lehrerverbände sind, zumindest in Teilen, genauso auf Digitaltechnik eingenordet wie die Schulträger und Kultusministerien. Dazu kommt, dass die nachfolgende Generation der Lehramtstudierenden, Referendarinnen und Referendare selbst schon digital sozialisiert und genauso Smartphone- und Social-Media-süchtig sind wie ihre zukünftigen Schülerinnen und Schüler. Auch werden die heutigen und zukünftigen Kolleginnen und Kollegen, die den vermeintlichen Fortschritt und die Modernität des Unterrichtens von der jeweils aktuellen Medientechnik erwarten, von IT-Industrie und Wirtschaftsverbänden mit Wochenend-Workshops hofiert. Auch die mehr als 60 formal gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland, die sich vorgeblich um Bildung kümmern, propagieren die digitale Transformation der Bildungseinrichtungen, obwohl die tatsächlichen Probleme ganz anders sind. Immer weniger Schülerinnen und Schüler können zuhören, sinnentnehmend lesen, beherrschen elementare mathematische Fähigkeiten etc. Das ist bekannt und bis in die Nachkommastelle belegt und heißt: Der Fokus des Unterrichts muss auf elementaren Kulturtechniken liegen, damit Bildungsbiografien überhaupt möglich werden.

Daher gilt: Irrwege muss man nicht weitergehen. In Schweden werden wieder Schulbücher gedruckt, in jedem Klassenzimmer gibt es ein Bücherregal, jeden Tag werden feste Lesezeiten eingeplant und es wird über das Gelesene miteinander gesprochen. Schule ist ein sozialer Raum. Der Mensch, man glaubt es nicht immer, ist ein soziales Wesen, das in und durch Gemeinschaft lernt und direkt miteinander kommuniziert statt über Bildschirme – wenn man ihn lässt und dafür Räume und Anlässe schafft, Unterricht zum Beispiel.

Lieber Herr Lankau, danke für das Interview, ich hoffe, es hat die Leser neugierig auf Ihren Artikel gemacht, um sich Klarheit über die Ursachen der Bildungsmisere und die Alternativen zu verschaffen.

Das Interview führte Peter Hensinger, Vorstandsmitglied diagnose:funk.

Prof. Ralf Lankau und Peter Hensinger MA haben 2017 das Bündnis für humane Bildung maßgeblich initiiert: https://die-pädagogische-wende.de/

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[1] Die Mitglieder der Kommission der Bundesregierung:

Nadine Schön – Co-Vorsitzende; ehemalige MdB, Jugend-, Bildungs- und Digitalpolitikerin

Prof. Dr. Olaf Köller – Co-Vorsitzender; Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), Kiel

Prof. Dr. Yvonne Anders – Lehrstuhl Frühkindliche Bildung und Erziehung, Universität Bamberg

Prof. Dr. Dr. h.c. Sabine Andresen – Familienforschung und Sozialpädagogik, Universität Frankfurt am Main

Dr. Annika Baumann – Forschungsgruppe „Wohlbefinden in der digitalen Welt“, Weizenbaum-Institut, Berlin

Prof. Dr. Reinhard Berner – Direktor der Kinder- und Jugendmedizin, Uniklinikum Carl-Gustav-Carus, Dresden

Dr. Susanne Eggert – Leiterin Forschung, JFF – Institut für Medienpädagogik, München

Dr. Marc Jan Eumann – Direktor Medienanstalt Rheinland-Pfalz; Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz

Prof. Dr. Jörg M. Fegert – Ärztlicher Direktor Kinder- und Jugendpsychiatrie, Uniklinik Ulm; Präsident der europäischen Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie

Stefan Glaser – Leiter von jugendschutz.net

Sebastian Gutknecht – Direktor der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ)

Dr. Michael Hubmann – Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen; Neuropädiater

Dr. Claudia Lampert – Senior Researcher Mediensozialisation & Gesundheitskommunikation, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut, Hamburg

Prof. Dr. Marc Liesching – Professor für Medienrecht & Medientheorie, HTWK Leipzig

Prof. Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger – Leiter Institut für Cyberkriminologie, Hochschule der Polizei Brandenburg

Prof. Dr. Judith Simon – Lehrstuhl Ethik in der Informationstechnologie, Universität Hamburg

Prof. Dr. Rolf Schwartmann – Leiter Kölner Forschungsstelle für Medienrecht, TH Köln; Vorsitzender der GDD e. V.

Prof. Dr. Klaus Zierer – Ordinarius für Schulpädagogik, Universität Augsburg

Quelle: https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/pressemitteilungen/kinder-und-jugendschutz-in-der-digitalen-welt-bundesregierung-beruft-expertenkommission-ein-269660

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