>>> Download Ralf Lankau (2025): „Die pädagogische Wende oder: Über die notwendige Besinnung auf das Erziehen und Unterrichten“
DIAGNOSE:FUNK: Herr Professor Lankau, Sie haben den Artikel „Die pädagogische Wende oder: Über die notwendige Besinnung auf das Erziehen und Unterrichten“ publiziert, der die Bildungspolitik scharf kritisiert und vor allem einen Stopp der Digitalisierung fordert. Vor einem Jahr noch hätten wir kritisiert, dass die vielfältig negativen Auswirkungen der Frühdigitalisierung von Politik und Medien ignoriert werden. Doch der Wind hat sich gedreht, Bundesbildungsministerin Karin Prien benennt die Probleme und will sie lösen, Smartphoneverbote an Schulen sind angedacht, Frau Prien setzte eine Expertenkommission ein.[1] Sie müssten doch zufrieden sein?
RALF LANKAU: Erfreulich ist, dass nun eine öffentliche Debatte stattfindet. Zufrieden kann man aber nicht beim Einsetzen einer Expertenkommission sein – dafür gab es schon zu viele Kommissionen zu IT in Bildungseinrichtungen – , sondern frühestens bei der Analyse der Ergebnisse und sobald konkrete Vorschläge dieser Kommission für die Schulpraxis vorliegen. Zumal die Diskussion in Deutschland den Nachbarländern deutlich hinterher hinkt, wenn man an Australien, Schweden, Dänemark oder Frankreich denkt. Diese Länder haben längst gemerkt, dass sie den Werbebotschaften der IT-Wirtschaft aufgesessen sind. Der sozialdemokratische Minister für Kinder und Bildung, Mattias Tesfaye, hatte sich z.B. im Dezember 2023 dafür entschuldigt hatte, dass die dänische Regierung Jugendliche zu „Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment“ gemacht habe. Zu lange habe man sich den großen Tech-Konzernen unterworfen. Man sei als Gesellschaft zu „verliebt gewesen in die Wunder der Digitalwelt.“ Jetzt müsse man, zum Schutz der Kinder und Jugendlichen, dringend umsteuern, damit wieder regulär unterrichtet werden könne und konzentriertes Arbeiten in Klassen wieder möglich werde. So klare Botschaften höre ich weder aus Berlin noch aus den Kultusministerien.
Was erwarten Sie von dieser Expertenkommission?
Als jemand, der selbst mehr als 20 Jahre Erfahrung als Professor in Gremien und Kommissionen hat, erwarte ich erst einmal nichts, sondern warte darauf, was als Ergebnis publiziert wird. Die in der Kommission vertretenen Kolleginnen und Kollegen haben alle ihre akademischen und beruflichen Meriten, aber niemand weiß, wie sich dieses Gremium organisiert, wer das Wort führt und wessen Interessen sie vertreten, wie sie miteinander agieren und ob sie konstruktiv und lösungsorientiert diskutieren oder nur ihre bekannten Positionen vertreten. Es fehlen zudem wirklich kritische Stimmen, die nicht mit dem üblichen Begriffspaar der „Chancen und Risiken von IT in Bildungseinrichtungen“ lavieren, sondern ganz klar die neoliberalen, ökonomischen Interessen – und bei KI auch ganz klar die demokratiegefährdenden Potentiale der Einflussnahme durch Tech-Monopole und Tech-Milliardäre auf Bildungseinrichtungen – benennen. Es geht denen ja nicht um Bildungsprozesse, sondern um Einfluss auf Bildungsinhalte und Macht über die Institution Schule als Kaderschmiede zukünftiger Mitarbeiter.
Kann die Expertenkommission in dieser Zusammensetzung eine pädagogische Wende einleiten?
Das kommt darauf an, wie sich diese Expertinnen und Experten miteinander verständigen und ob sie die Reichweite ihrer Aufgabe begreifen. Wenn es wieder nur um „digitale Teilhabe“ schon von Kindern an Netzdiensten geht oder die vermeintliche Wunderwelt der Lern-Apps beschworen wird, kann man sich den Aufwand sparen. Dann bleibt es eine der üblichen Alibi-Veranstaltungen, die seit Jahrzehnten veranstaltet werden, um zu kaschieren, dass es primär wirtschaftliche Interessen sind, die jede neue Technik und Gerätegeneration in die Schulen drückt, ob PC oder Internet oder heute Smartphones und Tablets.
Dabei sind diese ganzen Techniken für das Lernen gar nicht notwendig, allenfalls mögliche Ergänzungen. Als Absatzmarkt sind ca. 40.000 Schulen und etwa 8 Millionen Schülerinnen und Schüler aber attraktiv. Es reicht dazu, die ganzen Start Ups und Online-Angebote zu sichten, um zu sehen, um was es bei der Digitalisierung von Schulen geht: um Milliardenmärkte.
Dabei ist es ein leidlich bekannter Irrweg. Auf der einen Seite steht seit mehr als 40 Jahren immer mehr Digitaltechnik in Schulen, auf der anderen Seite werden immer schlechtere Schulleistungen konstatiert. Womöglich hat das eine mit dem anderen zu tun?






