WHO bekommt Note 6 in Sachen Hochfrequenz

ICBE-EMF: Gesundheitsbewertungen leiden unter fehlerhaften Analysen und Voreingenommenheit der ICNIRP
Die WHO hat Studienzusammenfassungen (Reviews) über die Auswirkungen von nicht-ionisierender Strahlung in Auftrag gegeben. Die vorliegenden Studien stehen unter heftiger Kritik, unabhängige Wissenschaftler fordern ihre Rücknahme. Zunächst war es Prof. James Lin, der in einem Artikel, der auch als diagnose:funk Brennpunkt erschien, dies forderte und die Studien als Verharmlosungsgutachten eines Industrie-Regulierungs-Komplexes einordnete. Nun hat auch die Strahlenschutzkomission ICBE-EMF (Internationale Kommission für die biologischen Auswirkungen von EMFs) in einem detaillierten Artikel 11 der 12 Reviews als unwissenschaftlich beurteilt. Lesen Sie dazu den Artikel des New Yorker Portals Microwave News.
Microwave News

 

WHO bekommt Note 6 in Sachen Hochfrequenz

Gesundheitsbewertungen leiden unter fehlerhaften Analysen und der Voreingenommenheit der ICNIRP

Microwave News, 3. Oktober 2025. Seit fast 15 Jahren bemüht sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) darum, ihre Ansichten zu den gesundheitlichen Auswirkungen von HF-Strahlung darzulegen. Das lief bisher nicht gut, und jetzt ist es noch schlimmer geworden.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Aktivisten der Internationalen Kommission für die biologischen Auswirkungen von EMFs (ICBE-EMF) hat eine öffentliche Warnung herausgegeben: Was die WHO bisher erreicht hat, ist so mangelhaft, dass sie ihre bisherigen Arbeiten verwerfen und von vorne beginnen sollte.

  • Studie der ICBE-EMF: The WHO-commissioned systematic reviews on health effects of radiofrequency radiation provide no assurance of safety. [Die von der WHO in Auftrag gegebenen systematischen Reviews zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Hochfrequenz-Strahlung bieten keine Gewähr für die Sicherheit.] Von: Melnick RL, Moskowitz JM, Héroux P, Mallery-Blythe E, McCredden JE, Herbert M, Hardell L, Philips A, Belpoggi F, Frank JW, Scarato T, Kelley E, International Commission on the Biological Effects of Electromagnetic Fields (ICBE-EMF). Veröffentlicht in: Environ Health 2025; 24: 70

Es wäre nicht das erste Mal, dass die WHO in Bezug auf HF-Strahlung wieder bei Null anfängt. Im Jahr 2014 veröffentlichte die WHO nach zweijähriger Vorbereitungszeit den Entwurf einer neuen Bewertung der Auswirkungen von HF-Strahlung auf die Gesundheit – früher bekannt als Dokument zu Umweltgesundheitskriterien (EHC, Environmental Health Criteria). Bald darauf wurde das Projekt jedoch stillschweigend auf Eis gelegt. Es sollte fünf Jahre dauern, bis die WHO ihre Arbeit wieder aufnahm, angeblich von Grund auf neu.

Als Emilie van Deventer, die das Strahlungsprogramm der WHO leitet, 2019 die Überarbeitung der RF-EHC wieder aufnahm, gab sie 12 systematische Übersichtsarbeiten in Auftrag, die sich jeweils mit unterschiedlichen potenziellen Auswirkungen von HF-Strahlung auf die Gesundheit befassten. Diese wurden nun alle in der Fachzeitschrift Environment International veröffentlicht (siehe Tabelle 1 unten). Im Jahr 2022, während die Übersichtsarbeiten vorbereitet wurden, stellte van Deventer eine Arbeitsgruppe zusammen, um anhand dieser Arbeiten einen neues HF - EHC-Papier zu entwerfen. Die vorherige Ausgabe erschien vor mehr als 30 Jahren. (Eine kurze Geschichte finden Sie hier.)

Mit einer Ausnahme erhalten alle systematischen Übersichtsarbeiten zu HF vom ICBE-EMF eine schlechte Note. „Wir haben zahlreiche Mängel aufgedeckt, darunter den Ausschluss relevanter Studien, die Heranziehung schwacher Studien, die unangemessene Kombination von Studien ... und nicht offengelegte Voreingenommenheit der Autoren“, erklärt Ron Melnick, der Hauptautor der ICBE-EMF-Kritik, in einer Pressemitteilung.

Der ICBE-EMF-Artikel wurde am 2. Oktober, von der Fachzeitschrift Environmental Health veröffentlicht. Er ist frei zugänglich.

 

Missbrauch von Metaanalysen

Der neue Artikel ist nicht die erste Kritik der ICBE-EMF an den systematischen Übersichtsarbeiten der WHO. Mitglieder – darunter John Frank, Joel Moskowitz und Melnick – haben zuvor zwei Übersichtsarbeiten zur Überarbeitung und/oder Rücknahme ins Visier genommen: diejenigen zu den Auswirkungen von HF auf Tinnitus und Migräne sowie zu Krebsrisiken beim Menschen (unsere Berichterstattung finden Sie hier und hier).

Neu an der Veröffentlichung in „Environmental Health“ ist, dass die ICBE-EMF auf Mängel in den insgesamt 12 systematischen Übersichtsarbeiten der WHO hinweist. Der wichtigste davon ist die übermäßige Abhängigkeit von Metaanalysen, um komplexe – und allzu oft kontroverse – Literatur zu integrieren und zusammenzufassen. Meta-Analysen, ein Verfahren, bei dem Daten aus unabhängigen Studien zusammengefasst werden, um zu einer allgemeinen Schlussfolgerung zu gelangen, sind nur dann sinnvoll, wenn die zu kombinierenden Studien von ähnlicher Art sind. Wenn sie unterschiedlich sind, ist die Analyse subjektiv und kann verzerrt sein (Anm. df: eine nähere Erläuterung dieser Problematik in unserer Pressemitteilung).

Van Deventer hat sich konsequent geweigert, offenzulegen, wie die Expertengruppen ausgewählt wurden und welche Aufgaben sie hatten. Tatsächlich ist der gesamte EHC-Prozess der WHO von Geheimhaltung umgeben, und es gibt keine öffentlichen Bekanntmachungen außer den Artikeln, die in Environment International erschienen sind. Aus den Veröffentlichungen geht klar hervor, dass die WHO wollte, dass alle 12 systematischen RF-Übersichtsarbeiten eine Metaanalyse enthalten; weniger klar ist jedoch, ob jemand überprüft hat, ob diese alle notwendig oder angemessen waren. Im Durchschnitt enthalten etwa die Hälfte aller veröffentlichten systematischen Übersichtsarbeiten zu allen Themen eine Metaanalyse.

Bei den 11 systematischen Übersichtsarbeiten der WHO mit einer Metaanalyse sind die Studien laut ICBE-EMF zu unterschiedlich, um sie zu kombinieren, und die Ergebnisse sind „unzuverlässig”. In einer frei zugänglichen ergänzenden Datei (#2), die dem Artikel beigefügt ist, wird detailliert dargelegt, wo die einzelnen Metaanalysen fehlerhaft sind.

  • „Wir hoffen, dass die WHO die Metaanalysen zugunsten narrativer systematischer Übersichtsarbeiten der peer-reviewten Literatur aufgibt”, sagte Moskowitz mir in einem Interview.

 

Zu viel ICNIRP

Eine weitere große Sorge der ICBE-EMF ist der „übermäßige” Einfluss der ICNIRP ( Internationale Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung) auf die Erstellung der systematischen Übersichtsarbeiten der WHO.

Dass die ICBE-EMF der ICNIRP kritisch gegenübersteht, sollte nicht überraschen. Ganz und gar nicht. Die ICBE-EMF wurde vor drei Jahren gegründet, um die Vorherrschaft der ICNIRP seit ihrer Gründung im Jahr 1992 in Frage zu stellen.

Mindestens ein aktuelles oder ehemaliges Mitglied der ICNIRP war in jeder der 12 Review-Gruppen vertreten. Martin Röösli von der Universität Basel, der letztes Jahr nach zwei Amtszeiten als Kommissar zurückgetreten ist, ist Mitautor von vier der systematischen Reviews. Ken Karipidis, der derzeitige stellvertretende Vorsitzende der ICNIRP, ist Mitautor von drei Reviews.

Die wohl wichtigste Rolle im EHC-Projekt der WHO spielte Maria Feychting vom Karolinska-Institut in Stockholm. Feychting, eine lautstarke Skeptikerin in Bezug auf Krebsrisiken, war an der Ausarbeitung des Studienprotokolls für sechs der systematischen Reviews beteiligt. Sie war 12 Jahre lang Mitglied der ICNIRP, die maximal zulässige Amtszeit; acht Jahre davon war sie stellvertretende Vorsitzende der Kommission.

Die folgende Tabelle, die aus dem ICBE-EMF-Papier übernommen wurde, zeigt, wer von der ICNIRP die 12 systematischen Übersichtsarbeiten verfasst und/oder mitgestaltet hat.

Auschnitt ICBE-EMF Paper

Adaptiert aus R.L. Melnick et al., Environmental Health, veröffentlicht am 2. Oktober 2025 (zum Vergrößern anklicken)

Da die Expositionsgrenzwerte der ICNIRP ausschließlich auf thermischen Effekten basieren – Moskowitz bezeichnet sie als „völlig unzureichend“ –, sieht die ICBE-EMF die Gefahr einer Verzerrung. Die ICNIRP hätte einen starken Anreiz, nicht-thermische Effekte, insbesondere solche im Zusammenhang mit Krebs, zu ignorieren. Ein anerkannter nicht-thermischer Effekt würde den ICNIRP-Richtlinien widersprechen und die Argumente für niedrigere Expositionsgrenzwerte stärken. Die ICNIRP hat diese Zwickmühle seit Jahrzehnten aktiv vermieden.

Die ICBE-EMF legt im Schlussabsatz der Kritik dar, worum es geht:

  • „Aufgrund schwerwiegender Mängel in den Übersichtsarbeiten und den Metaanalysen können die von der WHO in Auftrag gegebenen systematischen Übersichtsarbeiten nicht als Beweis für die Sicherheit von Mobiltelefonen oder anderen drahtlosen Kommunikationsgeräten herangezogen werden und sollten für die bevorstehende EHC-Monographie der WHO nicht herangezogen werden.”

Melnick, ehemaliger leitender Toxikologe beim US-amerikanischen National Toxicology Program, ist kürzlich als Vorsitzender der ICBE-EMF zurückgetreten, eine Position, die er seit der Gründung der Gruppe im Jahr 2022 innehatte. John Frank, Arzt und Epidemiologe an der Universität Edinburgh, ist der neue Vorsitzende. In der RF-Gesundheitsgemeinschaft ist Frank vielleicht am besten bekannt für seinen Aufsatz, in dem er sich für eine Aussetzung der 5G-Technologie gemäß dem Vorsorgeprinzip ausspricht. Dieser Meinung hat sich David Carpenter, Professor an der Universität von Albany (NY), der Kommission angeschlossen.

(Übernommen mit frdl. Genehmigung von Louis Slesin / MicrowaveNews.) 

 

WHO

Dokumentation der WHO-Debatte auf unserer Homepage

 

diagnose:funk dokumentiert auf dieser Homepage, in den Artikelsammlungen "Antworten auf Scheinargumente" , "Das Lobbysystem der ICNIRP" und in den Pubikationen "Brennpunkt" und "Überblick für den Durchblick" die Debatte um die Gesundheitsrisiken der Mobilfunkstrahlung.

 

Homepageartikel 2024 / 2025

Bundesamt für Strahlenschutz: Meinung statt Wissenschaft.Heckenschützen aus dem Hinterhalt

Mobilfunkstrahlung: Die Historie der Krebsdebatte. Brisante Ergebnisse, manipulierte Widerlegungen!

ICBE-EMF: WHO-finanzierte Studie berichtet von hoher Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Krebs bei Tieren. Pressemitteilung der Strahlenschutzkommission ICBE-EMF.

Studie im Auftrag der WHO findet Krebsrisiko bei Tieren, die Mobilfunk-Strahlung ausgesetzt sind. Das Ergebnis steht im Widerspruch zur industrienahen ICNIRP und den meisten Gesundheitsbehörden.

Dr. Oleg Grigoriev (russ. Strahlenschutz-Kommission) kritisiert ICNIRP-Studie. WHO hat keine neue Entscheidung gefällt. Eingruppierung ist weiterhin „möglicherweise krebserregend“

ICNIRP/BfS-Studien: Wissenschaftler fordern Rücknahme. IEEE-Magazin: Prof. James C. Lin unterstützt die Forderung.

Bundesamt für Strahlenschutz korrigiert eigene Falschmeldung zu Handy, Krebs und WHO! Halbherzig wird Fehler zugegeben: Wo bleibt die öffentliche Korrektur?

Alter Wein in neuen Schläuchen! Entschlüsselung der neuen ICNIRP-Krebsstudie. Spiel vorbei? Wahrscheinlich nicht! Artikel von MicrowaveNews.

WHO-Studie bestätigt Schädigung von Spermien und Fruchtbarkeit durch Mobilfunkstrahlung. Deutsche Behörden ignorieren Studienergebnisse.

Publikation zum Thema

Titelbild:diagnose:funk
Stand: 8.9.2025Format: A4Seitenanzahl: 28 Veröffentlicht am: 01.09.2025 Bestellnr.: 252Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Geltende Mobilfunkgrenzwerte sind ungeeignet, die Bevölkerung umfassend zu schützen


Autor:
James C. Lin / diagnose:funk
Inhalt:
Mit diesem neuen Brennpunkt veröffentlicht diagnose:funk den Artikel „Gesundheits- und Sicherheitspraktiken und -richtlinien in Bezug auf die Exposition des Menschen gegenüber HF-/Mikrowellenstrahlung“ von Prof. James C. Lin. James C. Lin, einer der führenden Strahlungsexperten, kritisiert die Grenzwertempfehlungen der ICNIRP, die in Deutschland übernommen wurden, scharf: Sie „sind umstritten“ und „wissenschaftlich nicht begründet“, „versäumen eine wirksame Risikovorsorge und missachten zentrale Prinzipien des Strahlenschutzes.“ Die Grenzwerte ignorierten die „chronische Toxizität und Karzinogenität“ der Strahlung und seien somit „ungeeignet“, die Bevölkerung zuverlässig zu schützen. Auch aktuelle, von der WHO beauftragte Studien zu den biologischen Wirkungen der Mobilfunkstrahlung bewertet Lin negativ: Er spricht von einer „mangelnden wissenschaftlichen Qualität und der unausgewogenen Darstellung“, er kritisiert „eine erkennbare Voreingenommenheit“ der Studienautoren. Sie würden folglich die Gesundheitsrisiken verharmlosen.
Artikel veröffentlicht:
08.10.2025
Autor:
Microwave News / Louis Slesin
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