Kommentar der Woche von Kern & Hauser

September 2025
Die Kommentare der Woche befassen sich mit aktuellen Themen der Mobilfunkpolitik. Sie werden verfasst von Prof. a.D. Helmuth Kern und dem Journalist Bert Hauser. Beide Autoren sind Vorsitzende der Ortsgruppe "InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung" im Mobilfunk Bürgerforum e.V. Die Kommentare werden monatsweise an dieser Stelle in einem Artikel zusammengefasst. Jede mobilfunkkritische Bürgerinitiative kann sich dieser Kommentare von Kern & Hauser frei bedienen, sie selbst weiter veröffentlichen und damit Infoarbeit leisten. Bitte als Quellenangabe diagnose-funk.org/kommentar angeben.
Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

30.09.2025

Wir informieren: „Wenn wir das Denken abgeben“ (Teil 2 und Schluss)

Wie können wir sinnvoll mit KI umgehen und was passiert, wenn wir unser Denken auslagern – darum geht es im zweiten Teil unseres "Wir informieren" zum Artikel von Udo Kords

Entlasten wir das Gehirn, dann habe das auch Konsequenzen für unseren Ehrgeiz, also für unsere Motivation etwas anzustreben. Fehle dieser Antrieb, dann schade das auch unserem Selbstwertgefühl. Wodurch das geschieht, macht Kords am Beispiel der Chatbots deutlich. Deren Ergebnisse wären deutlich besser als die vieler Menschen. Kords spricht von einer „beschämenden Machtdemonstration der Maschine“, die zunehmend entmutige, sich der eigenen Denk- und Artikulationsfähigkeit zu bedienen. 

Wenn man KI nutze, stelle sich das Unterlegenheitsgefühl jedoch nicht zwangsläufig ein, wenn man sich darüber im Klaren sei, dass man sich nicht mit künstlicher Intelligenz messen darf. Und der Weg ist einfach: KI kann bei der Lösung von Problemstellungen unterstützen und Rohmaterial bereitstellen. Das müsse dann selbst kritisch geprüft werden, andere Quellen zur Überprüfung und Ergänzung herangezogen und dann selbst verarbeitet werden. Das ist für den Autor der Ansatz, der zur Selbstwirksamkeit führt.

Der andere, bei dem KI die Arbeit leiste und KI-generierte Inhalte ungeprüft übernommen würden, führe dagegen zur Selbstentmündigung. Nicht KI würde dumm machen, habe auch keinen regressiven Einfluss auf unsere Persönlichkeitsentwicklung, dumm mache unsere - oft unbewusste Wahl – sie unkritisch zu benutzen. 

Neue Technologien zu entwickeln sei eine Herausforderung. „Die weit größere Herausforderung für uns Menschen besteht jedoch in der Regel darin, technische Innovationen sinnvoll zu nutzen, was nicht zuletzt auch bedeutet, sich der Nutzung zu widersetzen und klare Grenzen dafür zu ziehen.“ 

Kords stellt fest, dass das Auslagern des Denkens keine „effiziente Modernisierung“ sei – also keine echte Erleichterung, sondern ein Angriff auf das „was uns innerlich wachsen lässt“. Das Denken sei kein rein neurologischer Vorgang, es sei eng verwoben mit unserer Persönlichkeitsentwicklung. Denn die Fähigkeit zu zweifeln, zu irren, sich neu zu orientieren, forme nicht nur unseren Verstand, sondern auch unseren Charakter.

Im letzten Absatz seines umfassenden Artikels nennt Udo Kords noch eine schwerwiegende Folge, die sich aus dem unkritischen Gebrauch künstlicher Intelligenz ergibt. Der Raum für „Denktätigkeit“ (Hannah Arendt) würde immer kleiner: „Das unablässige Hinterfragen, das produktive Zweifeln, das Aushalten von Unsicherheit und Widersprüchen. Doch gerade darin liegt die Essenz des Menschseins.“ Fehle kritisches Denken, dann wären wir für vorgefertigte Meinungen und zielgruppenorientierte Informationen, sowie für externe Entscheidungshilfen empfänglich und somit beeinflussbar.

Der letzte Satz des Artikels fasst dann zusammen, was das Outsourcing des Denkens an künstliche Intelligenz für uns Menschen bedeutet: „Wer das Denken auslagert, lagert seine eigene Entwicklung und Identität in Teilen gleich mit aus und macht sich zum Zuschauer der eigenen Entmündigung.“ (Quelle: Udo Kords: Wenn wir das Denken abgeben; in: wochentaz 13. - 19. september 2025, argumente, S.15) 

In diesem Zusammenhang ist auch interessant:

Ingo Leipner: KI-Angriff auf das Bewusstsein – Kritik der künstlichen Vernunft. Info3 Verlag, 2024, Klappenbroschur, 104 Seiten, 12,90 Euro

Der Autor wird am Donnerstag, 5. März 2026, bei uns in Neckartenzlingen zum Thema Künstliche Intelligenz sprechen. Den genauen Titel des Vortrags werden wir rechtzeitig mitteilen. Beginn der Informationsveranstaltung: 19.30 Uhr. Ort: Aula der Auwiesenschule Neckartenzlingen  


Quelle: InfoMobilFunk Neckartenzlingen

24.09.2025

Wir informieren: „Wenn wir das Denken abgeben“ (Teil 1)

Dr. Udo Kords ist Politikwissenschaftler und promovierte zur deutschen Klimapolitik, er beschäftigt sich unter anderem mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Unternehmen. In der wochentaz, 13. - 19. September, erschien von ihm ein ganzseitiger Artikel unter der Überschrift: „Wenn wir das Denken abgeben.“ Im Untertitel heißt es: „Künstliche Intelligenz entlastet uns vom Selbstnachdenken. Über einen historischen Einschnitt und den Preis, den wir dafür zahlen werden.“
Sehr anschaulich führt Kords in das Problem ein. Er schildert eine Schülerin, die sich die Frage „Was bedeutet Bewusstsein“ von einer KI - einem Algorithmus - beantworten lässt und zufrieden über das schnelle und zeitsparende Ergebnis ist. Doch, wenn auf diese Weise Zeit, Aufwand und Engagement gespart würde, dann passiere etwas Entscheidendes: ein Verdummungsprozess setze ein.

Schon immer hätten Menschen arbeitsentlastende Werkzeuge geschaffen, um das Leben bequemer zu gestalten.  In der industriellen Revolution hätten Maschinen die menschliche Muskelkraft ersetzt. Digitalisierung und Online-Handel habe dann die Bequemlichkeit beim Konsum gebracht. Doch bei der KI im Alltag würden nun unsere kognitiven Fähigkeiten entlastet. Das sei eine ganz andere Dimension der Entlastung, denn „Wir entlasten uns vom Denken.“ Und damit von dem, was uns als Menschen ausmacht. Selbst denken sei schwer und voraussetzungsvoll. Das brauche Ruhe, Zeit, Konzentration, Ausdauer und die Lust, seine kognitiven Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Würde das in einer Gesellschaft nicht mehr geschätzt, dann verwundere es nicht, wie schnell ChatGPT und andere kostenlose KI-Anwendungen heute genutzt würden. Zudem entspräche das nicht nur der menschlichen Schwäche für den einfachen Weg, sondern auch der Funktionsweise unseres Gehirns. Das spare nämlich Zeit und Energie, um zu brauchbaren Lösungen zu kommen. Einen Großteil der Zeit arbeite deswegen das Gehirn im Modus Autopilot.

Hier sei KI eine Technologie, die dieses neuronale Energiesparprogramm in unserem Gehirn weiter perfektioniere, da es dann keine Gelegenheit mehr gebe, neue Strukturen zu bilden. Das Gehirn reagiere wie ein Muskel, würde es nicht mehr benötigt, verkümmere es. 
Das Gehirn verfüge über eine lebenswichtige Fähigkeit, die der neuronalen Plastizität, das heißt das Erschaffen von neuen neuronalen Verbindungen. Diese sind wichtig für Lernprozesse und Gedächtnisleistung und setzten den aktiven Gebrauch des Gehirns voraus. 
Das Gehirn könne trainiert werden, indem wir uns mit neuen Themen beschäftigten, Raum für neue Erfahrungen schafften, neue Aufgaben übernähmen. Doch KI fördere im Gegenteil die geistige Bequemlichkeit. Und mit der würde ein schleichender Prozess beginnen: “Wir verlernen, komplexe Sachverhalte selbstständig zu strukturieren, zu durchdringen und in Worte zu fassen. Wir verlernen Widersprüche auszuhalten. Wir verlernen schöpferisch zu denken.“ Und damit spricht der Autor eine ganz besondere Fähigkeit des Menschen an: die Kreativität.
Zudem verringere KI die Fähigkeit des kritischen Denkens und erhöhe die Anfälligkeit für Manipulation. Zugleich würden Nutzer der KI einer Kompetenzillusion erliegen. „Wenn der Text glänzt, der Vortrag sitzt, die Idee clever klingt, - wozu dann noch die Mühen der Reflexion, des Zweifelns, des Hinterfragens? Langsam, fast unmerklich gleiten wir ab in eine Komfortzone geistiger Trägheit“ schreibt Kords.  

Ende Teil 1 (Quelle: Udo Kords: Wenn wir das Denken abgeben; in: wochentaz 13. - 19. September 2025, argumente, S.15) 

In Teil 2 geht es dann um die wichtige Frage: Wie können wir sinnvoll mit KI umgehen und was passiert, wenn wir unser Denken auslagern.  


Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

17.09.2025

Wir informieren: Künstliche Intelligenz als Herausforderung (Teil 2 und Schluss)

“Was wir der Maschine voraushaben werden, sind unsere sozialen und emotionalen Fähigkeiten.“ (Johanna Manger)

Johanna Manger zeigt in ihrem Artikel auf, warum es wichtig sein wird, dass KI sozial verantwortlich weiterentwickelt und eingesetzt wird.  Aktuell würde allerdings die Entwicklung von neuen KI-Modellen als Machtfaktor von wenigen Eliten betrachtet. Das Rennen um die Entwicklung bestritten große Firmen in den USA und China.

Wer wirklich profitiere - das ist für die Autorin die entscheidende Frage. Da KI eine Technologie sei, könne diese weder fühlen, noch verfüge sie über ethische Werte oder Moralvorstellungen. Deswegen müssten Modelle wie ChatGPT mit einer Flut von Sprachdaten gefüttert werden, die von negativ wertenden und diskriminierenden Ausdrucksweisen gereinigt seien. „In Kenia ist dafür bereits ein neuer Billiglohn-Sektor entstanden, im sogenannten Silicon Savannah. Dort säubern Menschen etwa für OpenAI Daten – zum Hungerlohn von zwei Dollar pro Stunde.“ Wegen solcher ausbeuterischen Strukturen stehe die Start-up-Szene in Nairobi, Kenias Hauptstadt, seit Jahren in der Kritik. Denn nicht den Einheimischen käme der plötzliche wirtschaftliche Aufschwung der Tech-Industrie zugute, sondern vor allem ausländischen Unternehmen. Kritisch merkt sie an, dass sich damit Jahrzehnte alte koloniale Machtverhältnisse wiederholen würden. Dies könne nur durch ein globales Umdenken durchbrochen werden.

Mit dem Blick auf die Zukunft mit KI charakterisiert Manger eine wichtige Eigenschaft, die uns Menschen auszeichnet. Soziale Wesen seien wir, die krank werden und vereinsamen, wenn sie nicht in Wechselwirkung mit ihrem sozialen Umfeld treten könnten. Dazu gehöre auch, dass wir nicht verlernen, Gedanken eigenständig zu kommunizieren, uns individuell auszudrücken, in Texten, in Bildern und in Musik. Unerlässlich sei der Kontakt von Mensch zu Mensch. Und das müsse als Wert erkannt und gepflegt werden.

Der Leitgedanke der Aufklärung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ sei äußerst aktuell. Denn er betreffe heute unsere Haltung gegenüber einer Technologie, die zunehmend unseren Verstand imitiere und uns hier zum Teil bereits übertreffe. Doch was wir dieser Maschine voraushätten, sei eine ganz andere Art von Verstand: “Es sind unsere sozialen und emotionalen Fähigkeiten, die wir als Gesellschaft stärken können. … Wir können das beginnende Zeitalter von KI als den Aufruf dazu verstehen, uns neu bewusst zu machen, was uns als Menschen ausmacht, was unsere Werte sind und wie wir leben wollen“. (Quelle: Johanna Manger: Künstliche Intelligenz und Menschsein, in: info 3, September 2025, S. 24-28)

Eine Herausforderung in der Tat: Es kommt auf unsere Haltung an.

Weiterführende Literatur:

Mustafa Suleyman, Michael Bhaskar: The Coming Wave; Künstliche Intelligenz; Macht und das größte Dilemma des 21. Jahrhunderts; C.H. Beck, 2024, 384 S. Paperback 18,- Euro

Mustafa Suleyman ist CEO von Microsoft AI. Er war Mitbegründer des KI-Unternehmen DeepMind und Inflection AI und hat viele Jahre in führender Funktion für Alphabet gearbeitet, den Google-Mutterkonzern. Er ist weltweit einer der führenden Experten für Chancen und Risiken der neuen Technologie. (Aus dem Verlagstext auf dem Vorsatzblatt des Taschenbuchs)


Quelle: InfoMobilFunk Neckartenzlingen

10.09.2025

Wir informieren: Künstliche Intelligenz als Herausforderung
(Teil 1)

Supercomputer „Jupiter“
d.h. "Joint Undertaking Pioneer for Innovative and Transformative Exascale Research“

Am Freitag, 5. September ging in Jülich der Supercomputer „Jupiter“ an den Start, der schnellste Europas und einer der vier schnellsten der Welt. Mit einer gigantischen Rechenleistung von mehr als einer Trillion Rechenoperationen pro Sekunde, die etwa der von 10 Millionen Smartphones entspricht: für datenintensive Simulationen und KI-Anwendungen konzipiert. Letzteres sei wichtig, betonte in ihrer Rede zur Einweihung Professor Astrid Lamprecht, Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Jülich, denn „wir müssen in künstlicher Intelligenz aufholen.“ Und Bundeskanzler Merz lobte in seiner anschließenden Rede die Innovationen, die durch diesen Supercomputer möglich werden, „die wir uns heute zum großen Teil wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen können.“ Auch er hob die Bedeutung der künstlichen Intelligenz hervor. (Quelle: Einweihung des ersten europäischen Supercomputers der Exascale-Klasse namens "Jupiter" | 05.09.25, https://www.youtube.com/watch?v=Mcb57K9B-rE)

Künstliche Intelligenz und Menschsein

In der Septemberausgabe der Zeitschrift info3 erscheint unter dieser Überschrift ein umfassender Artikel von Johanna Manger. Sie hat Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Dass sich künstliche Intelligenz rasant verbreitet, immer größere Aufgaben übernimmt, die bisher Menschen vorbehalten waren und wie damit umgegangen werden kann, das bewegt sie, das stellt sie in ihrem Artikel „Künstliche Intelligenz und Menschsein“ dar. 

Längst gehe der Gebrauch von künstlicher Intelligenz über den Ratschlag „Frag' doch einfach CHatGPT“ hinaus. Längst sei sie mehr als ein bloßes Bequemlichkeitstool, längst werde sie als Merkmal eines neuen Zeitalters diskutiert und würde bei vielen Menschen Unsicherheit auslösen. Das sei allerdings anfänglich anders gewesen, schreibt sie und verweist auf das britische Start-up-Unternehmen DeepMind, gegründet am 23. September 2010, das sich auf die Programmierung von künstlicher Intelligenz spezialisiert hatte und bereits vier Jahre später von Google übernommen wurde. Euphorie habe damals geherrscht, „genau das zu replizieren, was uns als Spezies einzigartig macht, unsere Intelligenz“, zitiert sie Suleyman Mustafa, einen der Gründer des Unternehmens. 

Die Autorin umreißt die damaligen Vorstellungen: „Ein Algorithmus, der nach den Regeln unserer Denkfähigkeiten agiert, könnte dabei helfen, die Probleme zu lösen, denen wir als Gesellschaft kaum noch gewachsen scheinen: Klimawandel, Überalterung, nachhaltiges Wirtschaften. So die hoffnungsvollen Ambitionen der ersten Stunde künstlicher Intelligenz.“

Für die Gründer von DeepMind hätten die negativen und auch gefährlichen Aspekte dieser selbstlernenden Technologie in weiter Ferne gelegen. Als Beispiel dafür nennt Manger die Möglichkeit, Krankheitserreger künstlich herzustellen oder die zivile Infrastruktur durch Cyberangriffe lahmzulegen.

Deshalb stellt sich für die Autorin eine grundlegende Frage „Wie gehen wir als Menschen mit dieser Verselbständigung um? Wie behaupten wir uns gegen eine menschenähnliche Maschine?“ Die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz aufzuhalten, könne nicht das Ziel sein. Vielmehr müsse ein Umgang gefunden werden, der KI zu einer Technologie für die Menschen mache und nicht gegen sie. Sie nennt dann folgende Einsatzmöglichkeiten dieser Technologie: bessere Vorhersagen von Umweltkatastrophen, Klimaschutzziele gezielter zu erreichen, eintönige Arbeitsschritte zu ersetzen und mehr Raum für Entfaltungsmöglichkeiten der Menschen zu geben. Strenge Regulierungen auf staatlicher Ebene wären dafür notwendig, auf sozialer Verantwortung müssten sie jedoch beruhen. (Quelle: Johanna Manger: Künstliche Intelligenz und Menschsein, in: info 3, September 2025, S. 24-28)

Ende Teil 1. Wie das gehen kann und welche positiven Entwicklungen dann möglich sind, davon handelt Teil 2. 


Wir freuen uns über neue Mitglieder im InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung, Ortsgruppe im Mobilfunk Bürgerforum e. V. www.mobilfunk-buergerforum.de

Die Vorsitzenden: Prof. a. D. Helmuth Kern, Bert Hauser (Telefon: 07127/35655 bzw. 07127/35949)


Alle Kommentare finden Sie hier: diagnose-funk.org/kommentar

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