Verena Holler, Bild Privat"Erst Smart, dann phone"
Logo Smarter Start ab 14
Verena Holler, Bild PrivatKOMPAKT: Liebe Frau Holler, was hat Sie dazu bewogen, „Smarter Start ab 14“ ins Leben zu rufen und von wem ging die Initiative aus?
VERENA HOLLER: Smarter Start ab 14 ist vor sechs Jahren entstanden, weil wir uns als Eltern gefragt haben: Was macht es mit unseren Kindern, wenn sie schon mit neun oder zehn Jahren ein eigenes Smartphone bekommen? Wenn ein großer Teil ihrer Freizeit vor Bildschirmen stattfindet? Welche langfristigen Folgen hat das – und was wissen wir eigentlich über die Risiken? Wir vier Mütter kamen zu dem Schluss: Wir wünschen uns für unsere Kinder eine Kindheit ohne Smartphone. Aber allein gegen den Strom zu schwimmen ist schwer. Deshalb haben wir uns zusammengeschlossen – und Smarter Start ab 14 gegründet. Aus der Überzeugung heraus, dass Kinder Zeit, Schutz und Begleitung brauchen, um mit digitalen Medien gesund aufzuwachsen.
KOMPAKT: Welche Resonanz haben Sie bisher erhalten?
VERENA HOLLER: Wir erleben eine enorme positive Resonanz – und sie zeigt, wie sehr das Thema Familien heute umtreibt. Der Bedarf an Orientierung, an Aufklärung und an gegenseitiger Unterstützung ist riesig. Wir sehen das nicht nur an über 100.000 Unterschriften unter unseren Petitionen und bislang über 20.000 Teilnehmern an unseren Webinaren, Vorträgen und Workshops, sondern erfahren es vor allem im direkten Austausch mit Familien. In den letzten 15 Monaten haben sich an über 1.000 Schulen bundesweit SmarterStart-Elterngruppen gegründet. Jeden Tag kommen neue dazu und Eltern schreiben uns: „Ich bin so erleichtert, Eure Elternbewegung gefunden zu haben. Hier finde ich tollen Input, die Gedanken und Worte, die mir aus dem Herzen sprechen. Danke für Eure wertvolle Arbeit.“
Starke Eltern – gemeinsam gegen den Gruppendruck
KOMPAKT: Welche Herausforderungen sehen Sie für Eltern, die sich für eine smartphonefreie Kindheit bis 14 entscheiden?
VERENA HOLLER: Die größte Herausforderung ist der Gruppendruck und die Sorge, das eigene Kind zum Außenseiter zu machen. Viele geben ihrem Kind nur deshalb ein Gerät, weil „alle anderen“ es auch tun – und würden warten, wenn die anderen auch warten. Gemeinsam können wir den Gruppendruck auflösen. Hier setzen wir an und helfen Eltern, vor Ort gemeinsame Absprachen zu treffen, einen Elternpakt zu schließen, sich in SmarterStart-Elterngruppen zu vernetzen. Wenn in einer Klasse alle kein Smartphone haben, vermisst kein Kind eines. Niemand muss Sorge haben, etwas zu verpassen oder ausgeschlossen zu sein.
KOMPAKT: Wie unterstützen Sie Eltern konkret durch Ihre Initiative?
VERENA HOLLER: Wir bieten Eltern Information, Rückhalt und praktische Werkzeuge – aber vor allem ein Netzwerk. Dadurch machen wir es Eltern leichter, sich nicht allein zu fühlen – und gemeinsam etwas zu verändern. Auf unserer Website kann man sich bestehenden SmarterStart-Elterngruppen anschließen oder ganz einfach selbst eine an der Schule der Kinder gründen. Unsere Webinare und Vorträge helfen Eltern, selbst Medienkompetenz aufzubauen und über die aktuellen Apps, Games und die damit einhergehenden Risiken auf dem Laufenden zu bleiben. Vor allem aber: Wir machen Mut. Wir Eltern sind nicht hilflos und müssen auch nicht resignieren. Veränderungen beginnen mit vielen kleinen Schritten.
Jeder für sich einsam - statt gemeinsam!Bild:pexels-helenalopes-27177568KOMPAKT: Welche Argumente begegnen Ihnen häufig von Gegnern Ihrer Initiative und wie reagieren Sie darauf?
VERENA HOLLER: Ein oft gehörtes Argument lautet: „Kinder müssen lernen, mit digitalen Medien umzugehen.“ Das stimmt natürlich – aber bitte altersgerecht. Medienkompetenzerwerb ist zudem nicht gleichbedeutend mit stumpfem Scrollen durch TikTok Feeds. Wir sagen: „Erst smart, dann phone.“ Damit meinen wir: Zunächst eine altersgerechte, begleitete Heranführung – mit Schutz vor manipulativen Algorithmen und suchterzeugenden Design Patterns. Dann ein eigenes Smartphone.
Ein anderes häufiges Argument lautet: „Je früher Kinder an digitale Medien herangeführt werden, desto kompetenter werden sie.“ Doch das ist ein Irrtum. Kinder werden nicht automatisch kompetent, nur weil sie früh digitale Medien konsumieren – im Gegenteil: Je älter Kinder sind, desto größer ist ihre Fähigkeit zur Selbstregulation und kritischen Reflexion und damit zur sinnvollen, produktiven Nutzung digitaler Medien. Ein später Einstieg ist erwiesenermaßen ein Schutzfaktor für eine spätere Mediensucht.
KOMPAKT: Von welchen positiven Effekten haben Familien berichtet, die an Ihrer Initiative teilgenommen haben?
VERENA HOLLER: Viele sind einfach unglaublich dankbar, dass sie Gleichgesinnte in ihrem direkten Umfeld finden. Sie müssen nicht allein gegen den Strom schwimmen – wenn sie sich zusammentun, werden sie der Strom. In Schleswig-Holstein haben Eltern, die an der Grundschule ihrer Kinder eine SmarterStart-Elterngruppe gegründet hatten, erreicht, dass es am dortigen Gymnasium erstmalig eine Smartphonefreie Klasse geben wird. Eine ganze Schulklasse von Kindern, deren Eltern sich einig sind, dass ihre Kinder während der Orientierungsstufe (5. und 6. Klasse) kein eigenes Smartphone erhalten. Das Interesse der Eltern war sogar so groß, dass nicht alle Kinder in die Klasse aufgenommen werden konnten. Wir hoffen, dass viele weitere Schulen smartphonefreie Klassen anbieten werden. Die Nachfrage ist da.
Beim gemeisamen Spielen reift das Gehirn!Bild: pexels-yankrukov-8613146Medienkompetenz ist mehr als Wischen und Tippen
KOMPAKT: Wie sehen Sie die Rolle von Medienkompetenz in der heutigen digitalen Welt, und wie kann diese sinnvoll vermittelt werden?
VERENA HOLLER: Die zentrale Bedeutung von Medienkompetenz steht außerfrage. Aber die Frage ist doch: Was versteht man unter Medienkompetenz und wie erlangt man sie? Medienkompetenz darf nicht mit Bedienfertigkeit verwechselt werden und man irrt, wenn man glaubt, Kinder erwerben sie automatisch durch ständige Nutzung. Ein Kind lernt ja auch nicht die sichere Teilnahme am Straßenverkehr, indem man ihm mit zehn den Autoschlüssel in die Hand drückt. Es lernt sie durch schrittweises Heranführen und Begleiten, altersgerechte Angebote, gute Vorbilder und klare Regeln, die erlernt werden. Zusätzlich braucht es Verkehrsregeln, die für alle Verkehrsteilnehmer gelten und deren Einhaltung sichergestellt wird.
Die Verantwortung für Medienerziehung darf dabei nicht allein bei den Eltern liegen. Wir setzen uns ein für Medienbildung als eigenes Schulfach – ab Klasse 1. Damit alle Kinder, unabhängig vom Elternhaus, verstehen, wie sie Medien sinnvoll nutzen ohne benutzt zu werden, wie Algorithmen manipulieren, wie man Fakes erkennt und warum unsere Aufmerksamkeit das Geschäftsmodell ist. Und wir brauchen ein Bewusstsein dafür, dass private Smartphones keine geeigneten Arbeitsgeräte sind, mit denen Kinder in der Schule den sinnvollen Gebrauch mit digitalen Medien erlernen können. Dafür braucht es separate, am besten schuleigene Geräte ohne Ablenkungspotential.
KOMPAKT: Wie kam die Zusammenarbeit zwischen „Smarter Start ab 14“ und ROSSMANN zustande, und welche gemeinsamen Ziele verfolgen Sie mit der Kampagne „Lass dein Kind nicht allein im digitalen Raum“?
VERENA HOLLER: Raoul Rossmann möchte als Familienunternehmer und Vater vor dem Hintergrund der alarmierenden Daten (u.a. der DAK/UKE-Studie) Verantwortung übernehmen und Eltern beim Thema Smartphone-Nutzung unterstützen. Mit der Kampagne ‚Lass dein Kind nicht allein im digitalen Raum´ bringt ROSSMANN seine große Reichweite ein, wir von Smarter Start ab 14 unsere Erfahrung aus der Elternarbeit. Gemeinsam wollen wir Eltern sensibilisieren, stärken, den Gruppendruck senken und Familien Wege zeigen, wie Kinder behütet und schrittweise in die digitale Welt hineinwachsen können.
Denn viele Eltern wissen gar nicht, was ihre Kinder online erleben – und wie schutzlos sie in digitalen Räumen unterwegs sind. Mit der Kampagne wollen wir Eltern ermutigen, nicht einfach mitzumachen, sondern hinzuschauen, aktiv zu begleiten und zu hinterfragen, was wirklich kindgerecht ist. Wir sind sehr dankbar für diese Kooperation – denn sie bringt das Thema dahin, wo es hingehört: mitten in die Gesellschaft.
Deutschlands Schulen wieder zu Orten ungestörten Lernens machen
KOMPAKT: Ihre Petition „Smartphonefreie Schulen - JETZT!“ auf change.org hat bereits mehr als 70.000 Unterschriften erzielt. Gratulation! Die Kultusministerkonferenz hat das Thema diskutiert, und Hessen und Baden-Württemberg handeln nun als Erste. Ab wann würden Sie sagen, dass die Petition ihr Ziel erreicht hat?
VERENA HOLLER: Unser Ziel ist erreicht, wenn Schulen in Deutschland wieder Orte sind, an denen Kinder ungestört lernen und ihre sozialen Kompetenzen entwickeln können – ohne Smartphones, die stören und ablenken. Deshalb setzen wir uns für das Modell ‚Away for the day‘ ein: Die Geräte werden morgens abgegeben und bleiben bis Schulschluss sicher verwahrt – in Handygaragen, Schließfächern oder speziellen gesicherten Handytaschen wie die von Yondr oder smartphonefrei. Immer mehr Schulen berichten von den positiven Effekten: mehr Konzentration, mehr Miteinander, entspanntere Kinder. Andere Länder wie Irland investieren bereits Millionen in solche Lösungen. Genau das wünschen wir uns auch für Deutschland. Handyordnungen allein und das Appellieren an die Einsichtsfähigkeit der Schüler:innen reichen hingegen nicht aus. Smartphones enthalten mit Social Media und Online Games „digitalen Zucker“, der erwiesenermaßen suchtähnlich wirkt. Um sich dem zu entziehen, braucht es ein hohes Maß an Selbstregulation, über das Kinder entwicklungsbedingt noch nicht verfügen. Darum gilt: Medienkompetenzvermittlung und Regeln sind wichtig, aber solange die nötige Impulskontrolle fehlt, muss die Verfügbarkeit eingeschränkt werden – durch eine klare Trennung zwischen privaten Geräten und kontrollierten Schulgeräten.
KOMPAKT: Liebe Frau Holler, ich danke Ihnen herzlich für das interessante Gespräch und Ihr engagiertes Wirken. Alles Gute und viel Erfolg weiterhin!
Das Interview führte Michaela Thiele
>>> diagnose:funk Artikelserie zur Kritik der Digitalen Bildung und Bildungskatastrophe
Wieder konzentriert im Unterricht!Bild: pexels-tima-miroshnichenko-5427996Publikation zum Thema
diagnose:funk
Überblick Nr. 7: Kinder und digitale Medien – Eine pädagogische Herausforderung!
Gesund aufwachsen in der digitalen Medienwelt