5G-Litfaßsäulen: Neue Welle der Verstrahlung!

Weitere verstrahlte Zonen drohen in den Städten!
Im Juli wurde in Stuttgart am Feuerseeplatz die erste Vodafone 5G-Litfaßsäule in Betrieb genommen, im Beisein von Innenminister Strobl (CDU) und Oberbürgermeister Nopper (CDU). Vodafone plant weitere 100 5G-Litfaßsäulen in Stuttgart.
5G-Litfaßsäule am Feuersee in Stuttgart. Links: Im Hintergrund Grünfläche und FlohmarktBild:diagnose:funk

Diese 5G-Litfaßsäulen sind auch eine Reaktion auf die offensichtlich nicht sehr erfolgreichen Werbekampagnen für Dachstandorte von Mobilfunkmasten. Keiner will die Masten als Nachbarn. Denn ihre Strahlung dringt lautlos und ungefragt in die Wohnungen. Mobilfunkmasten finden immer schwerer ein Zuhause – jetzt geht man auf die Straße, das „Recht“ dazu geben die Landesregierung und die Stadt Stuttgart.

Es gibt für die 5G-Litfaßsäulen keinerlei Sicherheits- und Abstandszonen und uns ist nicht bekannt, ob Sicherheitsmessungen über die Stärke der Hochfrequenzbelastung der Umgebung vorliegen. Diese Litfaßsäulen sind Mobilfunkmasten, mit der Litfaß-Hülle und Werbung getarnt, die, so Vodafone, einen Umkreis von 400 m mit 5G abdecken, wie bisherige Makrozellen (klassische Mobilfunkmasten). Sie werden aber als Small Cells bezeichnet, obwohl ihre Strahlung alles anderes als small ist (s.u.). Vodafone schreibt:    

  • „Vodafone und die Stadt Stuttgart haben heute die erste 5G-Litfaßsäule Baden-Württembergs gestartet … Bis Ende des Jahres stattet Vodafone in Stuttgart fünf weitere Litfaßsäulen mit der neuen Mobilfunk-Technik aus. Um die Mobilfunk-Versorgung in der Landeshauptstadt nachhaltig zu verbessern, will das Unternehmen in den kommenden Jahren insgesamt bis zu 100 Litfaßsäulen mit 5G-Technologie zu „Mobilfunk-Säulen“ umrüsten. Und damit für noch besseren Empfang und eine höhere Netz-Stabilität auf besonders belebten Straßen und Plätzen sorgen. Für die Handynutzer bedeutet das: schnellere Downloads und ruckelfreies Surfen. Egal wie viele Menschen gerade im Netz unterwegs sind … 5G-Litfaßsäulen sind eine Antwort auf eine der größten Herausforderungen beim Ausbau der neuen Mobilfunk-Technologie 5G: die Suche nach neuen Standorten. Vor allem in den Innenstädten ist es oft schwierig, neue Dachstandorte für Mobilfunk-Masten zu finden.“[1]
Werbekampagne der Telekom für DachstandorteBild:diagnose:funk

Die Details zu den 5G‑Litfaßsäulen von Vodafone und Telekom in Deutschland:

Technologie & Sendemodule. In Stuttgart setzt Vodafone drei integrierte 5G‑Antennen des Herstellers Ericsson ein. Die komplette Funktechnik, einschließlich Elektronik und Module, ist im Dach und im Betonkern der Litfaßsäule untergebracht.[2] Die Telekom nutzt sogenannte „Small Cells“, entwickelt in Kooperation mit Huber+Suhner (Schweiz). Es gibt fünf Antennentypen ... integriert in Straßenlaternen, Telefonsäulen oder Litfaßsäulen.[3]

 

Frequenz & Technik. Die Module unterstützen in der Regel sowohl 4G (LTE) als auch 5G und nutzen MIMO (Multiple Input Multiple Output).

Sendeleistung & Radius. Die Säule erreicht eine Reichweite von etwa 400 m und liefert eine Geschwindigkeit von bis zu 500 Mbit/s im Umkreis der Säule.[4] Die Sendeleistung in Watt wird nicht öffentlich genannt.

Warnung Small Cells AustralienBild:diagnose:funk

Die Strahlenbelastung ist hoch

Diese Säulen sind wahrscheinlich risikoreicher wie die Makrozellen (klassische Mobilfunkmasten) auf den Dächern. Die Makrozellen haben Sicherheitsabstände (definiert in der Standortbescheinigung), die Litfaßsäulen haben dies nicht. Sie strahlen auf "Augenhöhe" der Passanten. Small ist ihr Strahlungsrisiko nicht. Die Telekom schreibt zu den Litfaß-Antennen:

 

 

 

  • „Das sind Small Cells. Bei den „kleinen Zellen“ geht es nicht um eine beengte Unterbringung im Kittchen – sondern um kompakte, standardisierte Mobilfunkanlagen, die die Telekom vor allem in Städten oder an belebten Orten wie Bahnhöfen und Flughäfen einsetzt.“ [5]

Die Strahlenbelastung auf dem Gehweg, auf dem Personen in geringstem Abstand an der Säule vorbeilaufen, ist hoch, das ergab unsere Messung mit einem Amateurgerät, dem „Acoustimeter AM-10“ im Abstand von 1 Meter und 3 Meter. Der Ausschlag „Rot“ war am Anschlag, das Gerät war mit der Strahlungshöhe überfordert. Sie muss sehr, sehr weit über 6 V/m liegen (erfahrungsgemäß um ein 4-faches).* Wir werden demnächst die Strahlenbelastung mit einem Profigerät messen. Man muss von den Kommunen Messungen einfordern! 

Man stelle sich verschiedene Alltagsszenarien vor: Eine Mutter steht mit ihren Kinderwagen direkt an der Säule, 1 Meter Abstand zum Sendemodul und unterhält sich mit der Nachbarin! Kinder spielen auf dem Grünstreifen an der Säule oder chillende Jugendliche lehnen sich an sie an! Kein Schild warnt sie vor der Hochfrequenz! Kein Warnschild brauchen allerdings elektrohypersensible Menschen, sie werden sich auf diesen verstrahlten Plätzen nicht mehr aufhalten können. Ihr Körper warnt sie!

Werden den geplanten 100 Vodafone Säulen für Stuttgart weitere 100 von Telekom und O2 folgen? Die Kommunen müssen und können regulatorisch eingreifen!

Etikettenschwindel "Small Cells"? 

Indem man diese leistungsfähigen Antennen als „Small Cells“ verkauft, will man Standortbescheinigungen und Sicherheitsabstände umgehen. Denn in den Säulen eingebaut sind "drei 5 G - Antennen sowie die gesamte Technik, die sonst an den klassischen Masten angebracht ist" (Stuttgarter Zeitung 23.07.2025). Die Kommune hat immer die Pflicht, zu prüfen, ob Gesundheitsgefahren von einem Standort ausgehen und nach § 7a der 26. Bundesimmissionsschutzverordnung ein Anhörungsrecht bei der Standortwahl, auch bei Small Cells. Standortvorschläge der Kommune sind durch den Betreiber zu prüfen und ggf. zu bevorzugen. So schreiben Nitsch / Weiss / Frey im Rechtsgutachten für die Landesregierung Baden-Württemberg:

  • „Doch sind gerade die Belange gesunder Wohn- und Arbeitsverhältnisse, des Umweltschutzes und der gemeindlichen Risikovorsorge insgesamt auch im Falle der Anbringung von Small Cells berührt.“

Zur Einordnung der Belastung: Die Schweiz hat einen Vorsorge-Grenzwert von 4 V/m (effektiver Immissionsgrenzwerte an sogenannten Orten mit empfindlicher Nutzung (OMEN), z. B. Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser), ebenso Liechtenstein. Italien hat einen Grenzwert von 6 V/m als Vorsorgewert in Wohngebieten, Schulen, Krankenhäusern etc. Brüssel hatte lange Zeit einen sehr strengen Wert von 3 V/m (inzwischen auf 14,5 V/m angepasst), was den Netzausbau für 5G behinderte. Der BUND fordert eine zulässige Höchstbelastung von 0,2 V/m.

Protestbanner an Haus in StuttgartBild:diagnose:funk

Das sagt die Forschung über Mobilfunkmasten!

Diese Säulen versorgen Plätze und Fußgängerzonen, um die belebten Plätze herum sind öffentliche Gebäude, Geschäfte und Wohnungen. Die Forschung hat nachgewiesen, dass die Dauerbelastung durch Sendeanlagen zu Gesundheitsschäden führt, u.a. zuletzt die ATHEM-3-Studie und die Überblicksstudie (Review) von Balmori. Eine US-Ingenieursgruppe fordert in einem Fachartikel Mindestabstände zu Bebauungen von 500 Metern.

Die Aufstellung dieser 5G-Litfaß-Sender sind abzulehnen, einerseits wegen der unkontrollierten Strahlenbelastung. Andererseits dienen sie dazu, die Stadt weiter zum Geschäftsfeld der IT-Branche zu machen. Sie verdient am immer höheren Datenaustausch, dem Entertainment durch Spielen, TikToken und Videostreaming und sammelt die Daten der Nutzer für ihre Werbezwecke. Den Sicherheitsbehörden dienen die Daten zur lückenlosen Überwachung in der "Smart City".  Das alles trägt enorm zum Strom- und Energieverbrauch bei.

Was tun? Proaktive Anfragen stellen!

In allen Kommunen in Deutschland sind diese Litfaßsäulen vorgesehen. In den Stadtverwaltungen herrscht kein Gefahrenbewusstsein. Deshalb schlagen wir vor, dass Bürgerinitiativen und besorgte Bürger sich mit Fragen an die Bürgermeister und Fraktionen im Gemeinderat wenden. Diese Fragen könnten so aussehen:

  • Werden in unserer Kommune zur Mobilfunkversorgung Litfaßsäulen von Betreibern geplant, wenn ja, für welche Standorte?
  • Diese Litfaßsäulen senden mit LTE und 5G. Ist der Kommune die Strahlungsbelastung, die im Nah- und Fernfeld von ihnen ausgeht, bekannt?
  • Ist der Kommune bekannt, ob es Sicherheitsabstände gibt, bzw. geben muss?
  • Diese Litfaßsäulen emittieren hochfrequente Strahlung. Warum werden keine Warnhinweise aufgestellt?

Schicken Sie den Kommunalvertretern unser Faktenblatt, als Print zum Download (s.u.) und hier >>> online!

Unsere Alternativen: "Mehr Daten mit weniger Strahlung!" -  wären sofort umsetzbar. Lesen Sie >>> unser Programm zur Strahlenminimierung.

Quellen

[1] Vodafone (2025): Mobilfunk-Säulen verbessern das Netz in Baden-Württemberg. Alte Litfaßsäulen bringen jetzt schnelles Internet für Handys. https://newsroom.vodafone.de/litfass-saeulen-bringen-schnelles-internet-fuer-handys-in-baden-wuerttemberg 

[2] Heise (2025): Stuttgart: 5G aus der Litfaßsäule, https://www.heise.de/news/Stuttgart-5G-aus-der-Litfasssaeule-10491419.html

[3] Telekom (2021): Runde Sache: Mobilfunk aus der Litfaßsäule, https://www.telekom.com/de/blog/netz/artikel/mobilfunk-aus-der-litfasssaeule-622374

[4] s. Anm. 1

[5] s. Anm. 3

Publikation zum Thema

diagnose:funk
aktuelle Version: 02.05.2025Format: A4Seitenanzahl: 3 Veröffentlicht am: 02.05.2025 Bestellnr.: 410Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Faktenblatt: Mobilfunksendeanlagen

Rechte der Kommunen und Bürger
Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Die Situation: Anwohner erfahren, dass eine Mobilfunksendeanlage in ihrem Wohngebiet errichtet werden soll. Nur 100 Meter von Häusern entfernt! Besorgt rufen sie beim Bürgermeister oder der Baubehörde an. Die Auskunft der Kommune: „Wir können nichts machen, denn die Mobilfunkbetreiber haben das Baurecht, außerdem soll der Mast auf einem Privatgelände erbaut werden, wogegen die Gemeinde nicht vorgehen kann.“ Doch das sind komplett falsche Auskünfte! Die Kommune ist für ihre Bürgerinnen und Bürger verantwortlich, sie kann den Bau von Mobilfunkanlagen regeln und so Vorsorgepolitik betreiben. Warum und wie das geht, zeigt diagnose:funk in diesem Faktenblatt.
4. vollständig überarbeitete Auflage, 2021Format: A5Seitenanzahl: 96 Veröffentlicht am: 26.05.2021 Bestellnr.: 104Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk | Titelfoto: stock.adobe.com

Ratgeber 4: Kommunale Handlungsfelder

Mobilfunk: Rechte der Kommunen - Gefahrenminimierung und Vorsorge auf kommunaler Ebene
Autor:
diagnose:funk | Dipl.-Ing. Jörn Gutbier
Inhalt:
Diese Broschüre gibt Auskunft, welche Möglichkeiten Gemeinden haben, in die Aufstellung von Mobilfunksendeanlagen steuernd einzugreifen. Es wird aufgezeigt, was Kommunen neben dem sog. Dialogverfahren mit den Betreibern noch alles tun können, um ihre Bürger:innen mit einem Vorsorge- und Minimierungskonzept vor der weiterhin unkontrolliert zunehmenden Verstrahlung unserer Lebenswelt zu schützen. Darüber hinaus wird auf Argumente eingegangen, die in der Mobilfunkdiskussion eine wichtige Rolle spielen: die Grenzwerte, der fehlende Versicherungsschutz der Betreiber, der Mobilfunkpakt der kommunalen Spitzenverbände, die Strahlungsausbreitung um Sendeanlagen, die Messung und Bewertung der Strahlungsstärke, der Diskurs um Sendeanlagen versus Endgeräte, Kleinzellennetze, alternative Technologien u.a.m. Die Kommune ist immer noch die einzige Ebene, auf der zur Zeit ein wichtiger Teil einer neuen, effektiven Art der Mobilfunkvorsorgepolitik zum Schutz der Menschen und der Umwelt eingeleitet und umgesetzt werden kann.
diagnose:funk Flyer
Format: Din langSeitenanzahl: 10 Veröffentlicht am: 12.08.2022 Bestellnr.: 318Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Mobilfunk, Sendeanlagen, Netzausbau. Kommunale Rechte zur Gesundheitsvorsorge wahrnehmen!


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Ein Mobilfunkmast soll gebaut werden. Welche Risiken sind nachgewiesen? Was können Initiativen fordern? Welche Rechte haben Kommunen? Der bewährte Flyer zu den Risiken von Mobilfunksendeanlagen und den Handlungsmöglichkeiten der Kommunen ist komplett neu erstellt worden. Er fasst die wichtigsten Informationen kurz zusammen, auch für EntscheidungsträgerInnen in den Kommunen.
diagnose:funk
Stand: 08.10.2024Format: DIN A4Seitenanzahl: 26 Veröffentlicht am: 08.10.2024 Sprache: deutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 8: Digitalisierung – Schlüssel zur Nachhaltigkeit?


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Überblick Nr. 8 dokumentiert, warum die Digitalisierung als Geschäftsmodell der Industrie zur Destruktivkraft wird und ihr positives Potenzial nicht zum Zuge kommt. Anstelle von möglicher nachhaltiger Planung soll sie das Wachstum beschleunigen, lässt den Energie- und Ressourcenverbrauch explodieren, wird zum Brandbeschleuniger der Klimakatastrophe und kann die Gesundheitsgefährdung der Menschen auf die Spitze treiben. Unter nicht-kapitalistischen Bedingungen wäre die Digitalisierung eine neue Produktivkraft zur besseren Organisation der Gesellschaft. Statt Transparenz und Bürgerbeteiligung führt sie zum Überwachungskapitalismus und einer neuen Stufe der Meinungsmanipulation. Können irreversible Schäden für Umwelt, Klima, Mensch und Gesellschaft noch verhindert werden?
Artikel veröffentlicht:
20.07.2025
Artikel aktualisiert:
23.07.2025
Autor:
diagnose:funk
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