Prof. Armin Grunwald, Leiter des TAB und der TAB-Bericht des Bundestages fordern Bürgerbeteiligung
TA-Bericht des Bundestages fordert neue Schutzpolitik
Zurück zur Realpolitik. Eine Reform des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) ist überfällig. Am 14.02.2023 wurde vom Deutschen Bundestag die Bundestagsdrucksache 20/5646: „Technikfolgenabschätzung (TA) – Mögliche gesundheitliche Auswirkungen verschiedener Frequenzbereiche elektromagnetischer Felder (HF-EMF)“ (312 Seiten) veröffentlicht.[31] Der TA-Bericht liefert nicht nur eine andere, tendenziell kritische Abschätzung der Risiken der Mobilfunktechnologie, sondern beanstandet auch zu Recht die einseitige, allein an dem privaten Verein ICNIRP (International Commission on Non-ionizing Radiation Protection) orientierte Entscheidung darüber, welche EMF-Expositionen noch tolerierbar sind (S. 11, S. 83 und S. 156) und welche Studien in die Risikobeurteilung einbezogen werden. Die ICNIRP hat weltweit das thermische Dogma durchgesetzt. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) fordert in seiner Stellungnahme im Amtsblatt der EU (2022) die Ersetzung der ICNIRP durch eine unabhängige europäische Strahlenschutzkommission, die Studien, die nicht-thermische Wirkungen nachweisen, in die Risikobewertung einbezieht. Auf der diagnose:funk Datenbank EMF:Data sind hunderte solcher Studien dokumentiert, ebenso seit 30 Jahren in der Fachzeitschrift ElektrosmogReport und aktuell im diagnose:funk Überblick Nr. 3 „Zeigt Mobilfunk auch nicht-thermische Wirkungen?“ [32]
Die ICNIRP hat ihren Sitz im BfS in Oberschleißheim. Das BfS stellt sogar das ICNIRP-Sekretariat. Ein selbstreferentielles System. Andere Expertenmeinungen werden bisher von der ICNIRP und dem BfS, das in vollem Umfang der ICNIRP folgt (also quasi sich selbst!), ausgeschlossen. Dem entsprechend kritisiert der TA-Bericht die bisherige Praxis der staatlichen bzw. behördlichen Risikoverwaltung und damit insbesondere die des BfS:
- „So werden die Festlegung der Rahmenbedingungen für die Risikobewertung, die Risikobewertung selbst und die Entscheidung darüber, welche EMF-Expositionen noch tolerierbar sind, faktisch ausschließlich einem wissenschaftlichen Expertengremium, der ICNIRP, überlassen.“ (S. 83 und S. 156) „Von Kritikern wird allerdings bezweifelt, ob die ICNIRP für die ihr zugedachte Rolle ausreichend demokratisch legitimiert ist (BUND 2012, S. 15; Huss 2011, S. 9). Darüber hinaus werden Bedenken hinsichtlich möglicher Interessenkonflikte von Mitgliedern der ICNIRP geäußert (Bioinitiative Working Group 2012, S. 8; Hardell 2017) sowie Verflechtungen zwischen der ICNIRP und anderen parteiischen Beratungsorganen.“ (S. 83) [33]
Dagegen fordert der TA-Bericht ein Vorgehen nach dem von der OECD empfohlenen Grundprinzip, das die Bedeutung der Partizipation aller relevanten Stakeholder sowohl bei der Risikobewertung als auch beim Risikomanagement anerkennt und ihnen entsprechend Partizipationsmöglichkeiten einräumt. Denn:
- „Eine offene und breite Partizipation von Stakeholdern ermöglicht die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses der Problemlage und eine effizientere Lösungsfindung, die von einer Vielfalt an Information und Sichtweisen insbesondere bezüglich des Umgangs mit Unsicherheiten und Nebenwirkungen der möglichen Maßnahmen bzw. Grenzwerte profitiert. … Wichtig ist, der interessierten bzw. organisierten Öffentlichkeit eine Möglichkeit der Mitsprache vor der politischen Entscheidungsfindung einzuräumen. Öffentliche Debatten über Risiken sind für das Vertrauen in und die Akzeptanz von Entscheidungen essenziell.“ (S. 17, S. 156)
Auch der Leiter des TAB Prof. Armin Grunwald fordert „die Abwehr einer technokratischen Herrschaft der Experten und das Beharren auf einem demokratischen Gestaltungsanspruch im Umgang mit dem wissenschaftlich technischen Fortschritt und in der Nutzung seiner Produkte.“ Denn diese Experten seien verantwortlich für ein „Zurückdrängen des Denkens in Alternativen zugunsten technischer Optimierung“, gerade bei der Digitalisierung.[34] Diese technik- und wachstumsgläubige Expertenarroganz ist mit verantwortlich für den katastrophalen Zustand unserer Umwelt. Eine Beteiligung kritischer Bürger und NGOs ist überfällig.
Offenbar ist das BfS an einer Entwicklung in diesem Sinne nicht interessiert, sondern beharrt auf seinen Deutungen der Studienergebnisse, die stets Risiken herunterspielen, und seinen wissenschaftlich überholten Hypothesen zum Mobilfunkrisiko.
Faktenfrei behauptet Telefonica Chef Markus Haas: „Uns beunruhigt diese Diskussion sehr, weil sie faktenfrei ist. Es gibt keinerlei wissenschaftlich fundierte Studien, die auch nur irgendeine Gesundheitsgefährdung sehen."[35] Mit seinen Spotlight-Besprechungen und dem 11. Mobilfunkbericht an den Bundestag bedient das BfS diese Industriemeinung, getarnt als wissenschaftliche Argumentation.
Politiker, Medien und große Teile der Bevölkerung vertrauen noch darauf, dass das BfS ehrlich und sachangemessen die wissenschaftliche Studienlage beschreibt und verbreitet. Dieses Vertrauen wird von ihm derzeit regelmäßig enttäuscht und missbraucht: Das BfS dient so nicht mehr dem Allgemeinwohl, sondern nur noch als „Legitimationsorgan“ (Beck) und Begleitschutz für die Geschäftsinteressen der Mobilfunkkonzerne.
Quellen
[1] Manfred Spitzer (2023): Künstliche Intelligenz, S. 36
[2] Die Spotlight Besprechungen stehen auf der Homepage des Bundesamtes für Strahlenschutz: https://www.bfs.de/DE/themen/emf/kompetenzzentrum/berichte/berichte-spotlight/berichte-spotlight_node.html
[3] Thill A, Cammaerts M-C, Balmori A (2023): Biological Effects of Electromagnetic Fields on Insects: a Systematic Review and Metaanalysis, Reviews on Environmental Health, www.doi.org/10.1515/reveh-2023-0072 , www.emf-portal.org/de/article/52384, https://www.emfdata.org/de/studien/detail?id=834
[4] https://doris.bfs.de/jspui/handle/urn:nbn:de:0221-2024051343843, und: https://doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2024051343843/5/SL_Thill_2023_%20BiologicalEffectsOf_Eng.pdf
[5] Der Schriftwechsel liegt diagnose:funk vor.
[6] Kundi M, Nersesyan A, Schmid G, Hutter HP, Eibensteiner F, Misik M, Knasmülller S (2024): Mobile phone specific radiation disturbs cytokinesis and causes cell death but not acute chromosomal damage in buccal cells: Results of a controlled human intervention study. Environmental Research 251, 118634; https://doi.org/10.1016/j.envres.2024.118634 ; https://www.emfdata.org/de/studien/detail?id=836
[7] https://doris.bfs.de/jspui/handle/urn:nbn:de:0221-2024092646649
[8] Gulati S et al. (2024): Evaluation of oxidative stress and genetic instability among residents near mobile phone base stations in Germany ; https://www.emfdata.org/de/studien/detail?id=847
[9] https://doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2024091946461/3/SL_Gulati_2024_EvaluationOfOxidative_Eng.pdf
[10] Bozok, S., Karaagac, E., Sener, D., Akakin, D., & Tumkaya, L. (2023). The effects of long-term prenatal exposure to 900, 1800, and 2100 MHz electromagnetic field radiation on myocardial tissue of rats. Toxicology and Industrial Health, 39(1), 1–9. DOI: 10.1177/07482337221139586; https://www.emfdata.org/de/studien/detail?id=798
[11] https://doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2023060938290/5/SL_Bozok_2022_EffectsOfLongterm_Eng.pdf
[12] Singh, K. V., Prakash, C., Nirala, J. P., Nanda, R. K., & Rajamani, P. (2023). Acute radiofrequency electromagnetic radiation exposure impairs neurogenesis and causes neuronal DNA damage in the young rat brain. NeuroToxicology, 94, 46–58. DOI: 10.1016/j.neuro.2022.11.001; https://www.emfdata.org/de/studien/detail?id=800
[13] https://doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2023072638659/5/SL_Singh_2022_AcuteRadiofrequencyElectromagnetic_Eng.pdf
[14] Europäische Umweltagentur (2001): Späte Lehren aus frühen Warnungen, Band I+II, https://www.diagnose-funk.org/1039
[15] David Michaels (2022): Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse mächtige Interessen bedrohen. Über die Taktiken der Industrie: Zweifeln säen, um Schutzvorschriften zu verhindern, https://www.diagnose-funk.org/1882
[16] Mevissen, M, Ducray, A, Ward, JM, Kopp-Schneider, A, McNamee, JP, Wood, AW, Rivero, TM, Straif, K. (2025): Effects of radiofrequency electromagnetic field exposure on cancer in laboratory animal studies: A systematic review. Environment International. 2025; 199:109482. DOI: https://doi.org/10.1016/j.envint.2025.109482, https://www.emf-portal.org/de/article/59609
Artikel zu dieser Studie bei diagnose:funk: https://www.diagnose-funk.org/2220 , https://www.diagnose-funk.org/2229, https://www.diagnose-funk.org/2235
[17] Beweisgrad-Einteilung siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Hierarchy_of_evidence#GRADE
[18] diagnose:funk (2016): NTP-Studie bestätigt Krebsrisiko durch Mobilfunk, https://www.diagnose-funk.org/1082
diagnose:funk (2019): Im SPIEGEL vom 20.07.2019: Bundesamt für Strahlenschutz im Entwarnungsmodus. Wie das BfS versucht, wichtige Studien zu disqualifizieren, https://www.diagnose-funk.org/1431
[19] diagnose:funk (2023): TAB II: Technikfolgenbericht bewertet Studien zu Krebs und Mobilfunk. Analyse der Interpretation der Studienlage, https://www.diagnose-funk.org/aktuelles/artikel-archiv/detail&newsid=1947
[20] BERENIS-Newsletter: https://www.bafu.admin.ch/bafu/de/home/themen/elektrosmog/newsletter.html
ICNIRP Note (2020): Critical evaluation of two radiofrequency electromagnetic fields animal carcinogenicity studies published in 2018, HEALTH PHYS. 118(5):525–532; 2020 https://www.icnirp.org/cms/upload/publications/ICNIRPnote20192020.pdf
[21] diagnose-funk (2029): Video mit Dr. Ron Melnick zur NTP-Studie, Adverse Health Effects. NTP findings and Cancer, https://www.diagnose-funk.org/1358;
Ron Melnick (2019): Commentary on the utility of the National Toxicology Program study on cell phone radiofrequency radiation data for assessing human health risks despite unfounded criticisms aimed at minimizing the findings of adverse health effects, Environmental Research, Volume 168, January 2019, Pages 1-6
[22] Lin JC (2018): Clear Evidence of Cell-Phone RF Radiation Cancer Risk, IEEE Microwave Magazine, September/October 2018, DOI 10.1109/MMM.2018.2844058, https://www.diagnose-funk.org/1508
[23] Carlberg M, Hardell L (2017): Evaluation of Mobile Phone and Cordless Phone Use and Glioma Risk Using the Bradford Hill Viewpoints from 1965 on Association or Causation, Review Article BioMed Research International, Volume 2017, Article ID 9218486, doi.org/10.1155/2017/9218486. In deutscher Übersetzung als diagnose:funk-Brennpunkt erschienen.
[24] Klaus Scheler (2019): Behauptungen & Scheinargumente Teil I: "Mobilfunkstrahlung hat zu wenig Energie, um Zellen zu schädigen. Oxidativer Stress ist unplausibel.", https://www.diagnose-funk.org/1441
[25] Butler, Tom (2020): Wireless Technologies and the Risk of Adverse Health Effects in Society: A Retrospective Ethical Risk Analysis of Health and Safety Guidelines, Online Working Paper, auf Deutsch als diagnose:funk Brennpunkt erschienen, https://www.diagnose-funk.org/1683
[26] ICBE-EMF (2022): Scientific evidence invalidates health assumptions underlying the FCC and ICNIRP exposure limit determinations for radiofrequency radiation: implications for 5G, Environmental Health (2022) 21:92, https://doi.org/10.1186/s12940-022-00900-9 , erschienen als diagnose:funk Brennpunkt, https://diagnose-funk.org/1937
[27] diagnose:funk (2022): Das Hanseatische Oberlandesgericht Bremen verurteilt Professor Alexander Lerchl zur Rücknahme seiner Fälschungsbehauptung gegenüber der REFLEX-Studie. In der Schlammschlacht gegen die REFLEX-Studie übernahm das Bundesamt für Strahlenschutz die Argumente der Industrie: https://www.diagnose-funk.org/1662
[28] https://www.bfs.de/DE/themen/emf/kompetenzzentrum/runder-tisch/runder-tisch.html
[29] diagnose:funk (2020): 15 Jahre Leitlinien Strahlenschutz: Vom Anspruch zur Anpassung. Über ein verschwundenes Papier des BfS, https://www.diagnose-funk.org/1507
[30] Bundestagsdrucksache 21/13 (2025): „Elfter Bericht der Bundesregierung über die Forschungsergebnisse in Bezug auf die Emissionsminderungsmöglichkeiten der gesamten Mobilfunktechnologie und in Bezug auf gesundheitliche Auswirkungen.“
https://dserver.bundestag.de/btd/21/000/2100013.pdf
In diesem Bericht sind die geplanten Studien zum Akzeptanzmanagement aufgeführt.
Siehe dazu auch die Kritiken:
Jörn Gutbier / Peter Hensinger (2021): Dialogbüro 5G der Bundesregierung: Störfall Bürgerengagement. Der Absturz vom Dialog- zum Monologbüro; https://www.diagnose-funk.org/1772
Jörn Gutbier / Peter Hensinger (2020): Mit Akzeptanz-Managern gegen 5G-Proteste. Im Argumentationsnotstand: Regierungen rekrutieren Risikokommunikatoren; https://www.diagnose-funk.org/1602
[31] https://dserver.bundestag.de/btd/20/056/2005646.pdf. Auf diese Dokumentation beziehen sich auch alle Seitenzahlen im Text.
[32] Diagnose:funk (2022): EWSA fordert Umsteuern in Mobilfunkpolitik, https://diagnose-funk.org/1828
[33] Artikelserie zum TA-Bericht: https://diagnose-funk.org/1954 , https://www.kumu.io/Investigate-Europe/das-experten-netzwerk
Selbstreferentielles System: "In der politischen Wissenschaft und Verfassungslehre nennt man selbstreferenziell ein politisches System, das die Bedingungen seiner Fortexistenz ständig aus sich selbst reproduziert. Eine offene Gesellschaft ist nicht möglich, wenn Machteliten nur noch ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchen." (Wikipedia)
[34] Grunwald A (2022): Technikfolgenabschätzung, 3. Auflage, S. 56/57
[35] https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/uns-beunruhigt-die-faktenfreie-diskussion-uber-5g-7343332.html