Kommentar der Woche von Kern & Hauser

Juli 2025
Die Kommentare der Woche befassen sich mit aktuellen Themen der Mobilfunkpolitik. Sie werden verfasst von Prof. a.D. Helmuth Kern und dem Journalist Bert Hauser. Beide Autoren sind Vorsitzende der Ortsgruppe "InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung" im Mobilfunk Bürgerforum e.V. Die Kommentare werden monatsweise an dieser Stelle in einem Artikel zusammengefasst. Jede mobilfunkkritische Bürgerinitiative kann sich dieser Kommentare von Kern & Hauser frei bedienen, sie selbst weiter veröffentlichen und damit Infoarbeit leisten. Bitte als Quellenangabe diagnose-funk.org/kommentar angeben.
Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

30.07.2025

Wir informieren: „Es geht um die mentale Gesundheit einer ganzen Generation“ (Elisabeth Koblitz) (Teil1)

Am 15. Juli 2025 erschien von Elisabeth Koblitz: „Aber alle haben ein Smartphone“ im Rowohlt Verlag. Im Untertitel „So begleiten wir unsere Kinder entspannt und sicher im Umgang mit Handy.“ Koblitz ist Mutter von drei Kindern, Start-up Gründerin, Newsfluencerin und Journalistin, lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Zielgruppe ihres Ratgebers sind Eltern und Lehrkräfte.

Zehn Tage nach dem Erscheinen ihres Buchs ist in der Süddeutschen Zeitung (SZ) ein Interview mit ihr zu lesen. Geführt wird es von Marie Gundlach, Volontärin bei der SZ. Gleich zu Beginn wird die Intention der Autorin klar, wenn sie sagt: „Meine zentrale Erkenntnis der letzten Monate war: Wir verlieren unsere Kinder nicht zwangsläufig an den digitalen Dschungel.“ Das bedeute jedoch, dass Eltern, sowie die Gesellschaft viel Präventivarbeit leisten müsse. Wie in der analogen Welt, in der die Kinder ganz selbstverständlich vor Gefahren gewarnt würden, müsse es auch Leitlinien für das Bewegen in der digitalen Welt geben „vor allem, wenn wir auch erklären, warum man zum Beispiel nicht alles von sich auf Instagram teilen sollte.“

Natürlich mache es Koblitz als Mutter betroffen, wenn ihre Tochter, die als Grundschülerin kein Smartphone habe, erzähle, dass sie in der Pause nicht mitreden könne. Sie habe deswegen nach einem Mittelweg gesucht, wenn ihr Kind jetzt auf die weiterführende Schule komme: „Wir haben uns darauf geeinigt, dass sie ein stinknormales Handy bekommt. Mit dem kann sie ihre Freundinnen anrufen und ihnen SMS schreiben, und für uns Eltern ist sie erreichbar. Aber es ist eben kein Smartphone.“ Kritisch frägt Gundlach nach, ob denn der Wunsch nach Zugehörigkeit stärker wiege, als die Bedenken. „Ich will, dass es meinem Kind so gut wie möglich geht, auch im Zusammenleben mit anderen Kindern. Das ist für viele Eltern ein wichtiger Grund, trotz Bauchschmerzen,“ begründet Koblitz ihr Verhalten. Und dann kommt ein Satz, der deutlich macht, dass Koblitz auch die Erwachsenen in die Pflicht nimmt: „Wir Erwachsenen haben es uns – bewusst oder unbewusst – ein bisschen bequem gemacht in unserer Unwissenheit.“ Darauf Gundlach: „Setzen Eltern zu stark auf einfache Antworten?“ Das bejaht Koblitz einerseits und stellt dann klar, dass Richtwerte zum Alterszugang, zur Begrenzung der Bildschirmzeit nicht von der entscheidenden Erziehungsaufgabe unserer Zeit entbänden. „Wir müssen unseren Kindern einerseits Alternativen anbieten, ihnen vermitteln, was echte Freundschaften bedeuten, echte Hobbys und echte Abenteuer – wir müssen aber andererseits auch ihr Interesse am Digitalen ernst nehmen. Kinder sind verschieden. Denken Sie an autistische oder queere Jugendliche. Für die kann der digitale Raum sogar ein wertvoller Zugang zur Welt sein und Teilhabe bedeuten.“

Eltern müssten sich mit den Themen auseinandersetzen, die Kinder beschäftigten. Ob dann Eltern jeden neuen Tiktok-Trend kennen müssten? Darauf gibt Koblitz eine pädagogisch kluge Antwort: „Nicht jeden einzelnen, aber wenn in der Schule meiner Tochter irgendwelche Tiktok-Tänze herumgehen, dann schauen wir uns die eben gemeinsam an. So lernt sie die digitale Welt nicht allein kennen – und ich lerne etwas über ihre digitale Welt. Die digitale Welt von Kindern sieht nämlich ganz anders aus als die der Erwachsenen. Viele Eltern unterschätzen das extrem.“ Diese digitale Welt sei intensiver, schneller, emotionaler. Kindern fiele das Abschalten noch schwerer als Erwachsenen, weil ihnen die zentrale Fähigkeit für einen gesunden digitalen Konsum fehle: Selbstdisziplin.

Das sei zwar auch bei Erwachsenen ein zentrales Problem. Doch sie verfügten über die Impulskontrolle. Dieser Bereich sei jedoch erst mit Anfang 20 richtig ausgereift. Anders sei es mit dem Bereich, der für Spaß und Spannung da sei. Der sei im Kindesalter schon sehr groß. Dass darauf die Algorithmen der Digitalkonzerne ausgerichtet seien, kritisiert Koblitz sehr und sagt: „Es gibt ja diese Dark Patterns, die Hintergrundstrategien, der endlose Feed, der personalisierte Feed, und die Tatsache, dass sich Videos automatisch abspielen. Dem Nutzer und der Nutzerin wird damit ganz gezielt die Möglichkeit genommen, überlegen zu müssen, was er oder sie als nächstes sehen will – oder ob er oder sie überhaupt weitergucken möchte. Dazu die Inhalte voller Gewalt, Hass und Pornographie.“ Auf dem Papier müssten die Plattformen solche Inhalte löschen. Doch sie seien von der Politik nicht verbindlich dazu verpflichtet für eine gewisse Kindersicherheit zu sorgen. Die Algorithmen seien im Grunde so angelegt, dass sie Kinder in Selbstverletzungen oder Essstörungen treiben könnten. Der Staat wälze diese Verantwortung ins Private ab, deshalb müssten sich Eltern mit jeder Plattform selbst auseinandersetzen. (Quelle: Süddeutsche Zeitung, Freitag, 25.Juli 2025, Feuilleton, S.9)

Ende Teil 1. In Teil 2 informieren wir über Kolbitz' Recherchearbeit in Dänemark und in der irischen Kleinstadt Greystones, sowie ihre Folgerungen für Deutschland.


Quelle: InfoMobilFunk Neckartenzlingen

23.07.2025

Wir informieren: Soziale Medien und die dringende Notwendigkeit einer gesetzlichen Altersgrenze

Dass eine gesetzliche Altersgrenze für Kinder und Jugendliche bei den sozialen Medien dringend notwendig ist, davon handelt der kürzlich erschienene Artikel „Wie Wodka“ in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), verfasst von Karin Janker (39). Die Journalistin ist Redakteurin bei der SZ im Ressort Politik und dort vor allem für Gesellschaftspolitik zuständig. Im Untertitel ihres Artikels schreibt sie: „Soziale Medien sollen ihre Nutzer süchtig machen, genau dafür wurden sie konstruiert. Kinder und Jugendliche sind noch viel anfälliger als Erwachsene. Sie liefern sich Porno-, Gewalt- und Hass-Videos aus. Eine gesetzliche Altersgrenze muss her.“ Damit nennt Janker die beiden tragenden Argumente ihrer Forderung: das Suchtpotenzial und den besonderen Schutz von Kindern und Jugendlichen. 

Die Überschrift „Wie Wodka“ solle deutlich machen, dass Alkohol und manche Apps Suchtmittel seien – und Teil der Realität, in der Kinder und Jugendliche leben. Die suchterzeugenden Abhängigkeiten der sozialen Medien seien für Kinder und Jugendliche besonders gefährlich, da sie zum einen erst die Welt entdeckten und zum anderen ihre Impulskontrolle noch nicht hinreichend entwickelt sei.
Sie hänge mit der Entwicklung ihres Gehirns im präfrontalen Kortex zusammen und sei oft erst mit 20 Jahren hinreichend ausgeprägt.

Fünf Prozent der Inhalte auf Social Media seien laut Medienforschern jugendmedienschutzrechtlich relevant: „Grausamste Tierquälerei, erniedrigende Pornografie, Folter, Hass, Mobbing, Cybergrooming (also Sexualstraftaten) – das Netz hält alle Abgründe des Menschlichen bereit.“ Kinder seien davon nur einen Daumenwisch entfernt. Janker belegt dies mit einem Zitat der niedersächsischen Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Bündnis 90/Die Grünen): „Es gibt kaum ein Kind, das in der fünften oder sechsten Klasse noch nicht mit massiven Gewaltvideos, Pornografie und menschenverachtenden, extremistischen Aussagen in Berührung gekommen ist. Das melden uns die Schulen.“ Für Janker ist klar, dass aufgrund solcher Erfahrungen mit einem Social-Media-Verbot reagiert werden muss. Sie untermauert das mit der DAK-Mediensucht-Studie 2024, nach der mehr als 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche ihren Konsum sozialer Medien schon heute nicht mehr im Griff hätten. Auch unter den 18- bis 24-Jährigen würden 65 Prozent ein Social-Media-Verbot unter 16 Jahren fordern – sie kennten aus eigener Anschauung, was viele Politiker verdrängten.

Eltern seien mit der Entscheidung über ein Social-Media-Verbot überfordert. Auch dürfe der Staat weder sie noch die Kinder mit der Aufgabe allein lassen, sich der Übermacht der Tech-Konzerne entgegenzustellen.

Kritisch äußert sie sich gegenüber dem Erwerb von Medienkompetenz beim Thema Social Media und beruft sich dabei auf die Meinung vieler Medienpädagogen. Denn Medienkompetenz hinsichtlich sozialer Medien setze Lesekompetenz voraus – „und die entwickeln Kinder und Jugendliche deutlich besser, wenn sie die Finger vom Handy lassen und die Nase in Bücher stecken – so altbacken das klingt.“

Eine gesetzliche Altersgrenze sei aus zwei Gründen notwendig: Die Konzerne würden in die Pflicht genommen und Eltern hätten dadurch eine klare Handreichung. Sie sollten ihrem 13-Jährigen keinen TikTok-Zugang erlauben – ebenso wenig, wie sie ihm aus dem Supermarkt eine Flasche Wodka mitbringen dürften. Der Staat habe eine Fürsorgepflicht; diese dürfe nicht so eklatant wie bisher vernachlässigt werden – das gleiche einem Verrat gegenüber der jungen Generation. Auch sollte sich die Bundesregierung in Brüssel an die Seite derer stellen, die für die Altersgrenze kämpften. Günstig seien aktuell dafür die Chancen, denn Dänemark habe soeben (gemeint ist der 1. Juli 2025) die EU-Ratspräsidentschaft übernommen und wolle das Thema voranbringen. (Quelle: Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag, 12./13. Juli 2025, Nr. 158, S. 4, Rubrik Meinung, Printausgabe)


Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

16.07.2025

Wir informieren: Smartphone: „Das ideale Überwachungsgerät“ – alarmierende Informationen zum 20. Jubiläum (Teil 2)

In Teil 2 seiner Pressemitteilung berichtet Hauser weiter über den Verlauf der Jubiläumsveranstaltung am 28. Juni 2025:

Zum Auftakt der Jubiläumsveranstaltung im katholischen Gemeindehaus mit etwa 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat der Stellvertretende Bürgermeister Jürgen Schöllhammer einen Redetext verlesen von Bürgermeisterin Melanie Braun, die unerwartet verhindert war, selbst zu kommen. Sie lobte darin „die wissenschaftliche Genauigkeit“ und die „ausgewogene Darstellung“ in den Artikeln unserer Initiative. Unsere Gruppe sei auch ausschlaggebend am Mobilfunk-Vorsorge-Konzept der Gemeinde beteiligt gewesen. Das verdiene höchste Anerkennung. Bürgermeisterin Braun bedankte sich im Namen der Gemeinde, sie freue sich auf eine weitere gute Zusammenarbeit mit uns und ließ durch Jürgen Schöllhammer der Gruppe einen Scheck über 200 Euro überreichen.

Ein Grußwort sprach auch der Kreisvorsitzende der Ökologisch-demokratischen Partei (ÖdP) Reutlingen, Matthias Dietrich. Er verwies auf die Gesundheitsprobleme elektrosensibler Menschen und appellierte an alle politischen Parteien, deren Probleme endlich ernst zu nehmen.

Dritter Redner vor der Festrede von Hensinger war unser Vorsitzender Prof. a.D. Helmuth Kern, der unsere Gruppe seit 20 Jahren leitet und auch die Moderation des Abends übernommen hatte. Kern sagte, die Neckartenzlinger Gruppe sei die 33. im Dachverband Mobilfunk-Bürgerforum gewesen, dessen Vorsitz er selbst vor einigen Jahren ebenfalls übernommen hat. Er erinnerte an den verstorbenen Ingenieur Jürgen Groschupp (Großbettlingen), der sich besondere Verdienste bei der Gründung vom Mobilfunk-Bürgerforum und vieler seiner Gruppen erworben habe. Seine Frau war unter den Gästen in Neckartenzlingen. Kern bedankte sich auch bei der Gemeinderätin Walburga Duong, die mit ihm zusammen unsere Ortsgruppe auf den Weg gebracht hat. Gemeinsam mit Mitgliedern aus Altenriet habe man einen Mobilfunk-Sendemast verhindert, der zu nah an den Wohngebieten gestanden hätte. – In Altenriet ist es Gruppenmitgliedern seither noch zwei Mal gelungen, einen Sendemast direkt am Ortsrand zu verhindern, um so das Gesundheitsrisiko und eine Schädigung der Immobilienwerte zu vermeiden.

Kern bedankte sich ausdrücklich auch bei den Gemeinderäten Gerd Lohrmann und Jürgen Schöllhammer, die von Anfang an ein offenes Ohr für die Risiken des Mobilfunks gehabt hätten. Dankbarkeit galt dann in besonderer Weise Peter Hensinger, der mit der Verbraucherschutz-Organisation „Diagnose-Funk“ für die Publikation wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Mobilfunk sorge. Auch bei einer Reihe besonders aktiver Mitglieder seiner Gruppe bedankte er sich. Sie hatten diesen Jubiläumsabend mitorganisiert. Sie trugen auch mit selbstgebackenen Snacks und Getränken sowie mit einem lustigen, musikalischen „Kriminaltango“ zum Gelingen des Festabends bei. Seit Jahren sorgen sie mit unermüdlicher Arbeit für die Erfolge unserer Gruppe. Mit einer gewissen Erleichterung dürfe man zur Kenntnis nehmen, meinte Kern zum Abschluss, dass sich der Zeitgeist nun doch endlich zu wandeln beginne und man über manche Risiken der digitalen Technik endlich auch politisch ernsthaft diskutiere.

Nach dem „Kriminaltango“ wurde noch ein kurzer Film über die negativen Auswirkungen der Digitalen Medien auf die Entwicklung jugendlicher Gehirne gezeigt, die von der Neurologin Prof. Dr. Gertrud Teuchert-Noodt eindeutig wissenschaftlich belegt worden sind. Die Professorin ist eine der vielen namhaften Referentinnen und Referenten, die von unserer Gruppe zu Vorträgen eingeladen wurden. Im Anschluss daran, begann dann der gemütliche Teil des Abends: Die Gäste griffen zu Snacks, alkoholfreiem Sekt und anderen Getränken und tauschten viele Erfahrungen aus. Insgesamt: ein sehr gelungener Abend.

 

Und noch ein Rückblick: Unser Informationsstand beim 41. Neckartenzlinger Dorffest am 13. Juli 2025: Was ist denn das? – Tasten und Fühlen, statt Scrollen und Wischen -

In diesen12 Schachteln war je ein Gegenstand. Was das für einer war, musste mit den Fingern einer Hand ertastet werden. Eine Herausforderung, die viele Kinder reizte. In einen Fragebogen wurde das Ergebnis eingetragen, das machen die meisten Kinder selbst. Und wenn sie noch nicht schreiben konnten, dann trugen die Eltern das Ergebnis ein. Wer dann das meiste richtig hatte, konnte sich am Stand aus einer großen Kiste ein Päckchen auswählen. So bekam jeder der 44 Gewinner ein kleines Mini-Kugel-Geduldspiel – eine spannende Alternative zu Mobiltelefonen und Bildschirmen. Viele vertieften sich auch gleich in das neue Spiel.

Und solange die Kinder mit dem Tasten beschäftigt waren, entspann sich manches interessante Gespräch mit den Eltern zum Thema Smartphone und Social Media.


Quelle: InfoMobilFunk Neckartenzlingen

09.07.

Wir informieren: Smartphone: „Das ideale Überwachungs-
gerät“ – alarmierende Informationen zum 20. Jubiläum (Teil 1)

Pressemitteilung von Bert Hauser, 2. Vorsitzender von InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung:

Neckartenzlingen: „Das Smartphone ist das ideale Datensammel-, Überwachungs- und Manipulationsgerät“... „Grundgesetzlich verbriefte Werte wie das Brief-, das Bank, das Postgeheimnis, die Unverletzlichkeit der Wohnung stehen nur noch auf dem Papier.“ – Diese alarmierenden Aussagen äußerte der Experte für Soziale Medien, Peter Hensinger (Stuttgart) bei der Jubiläumsfeier zum 20jährigen Bestehen unserer Ortsgruppe „InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung“ am 28. Juni 2025.

Nach Hensinger steht im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung, dass „jeder Bürger und jede Bürgerin verpflichtend ein Bürgerkonto und eine digitale Identität erhält“. Mit der „5G- Strategie für Deutschland“ und der „Smart City Charta“ sei von der Regierung geplant, unsere Städte und Landkreise zu „Smart Cities“ umzugestalten, in denen der digitale Datenfluss künftig die Grundlage der Organisationsstruktur und der politischen Steuerung sein soll. Die Daten für dieses „Big-Data-System“ sollen die Bürger selbst liefern: über die digitale Verwaltung, über eine Vielzahl vernetzter Geräte im Smart Home, etwa Alexa, über Abos im öffentlichen Nahverkehr, über mobile Fahrzeugdaten, über die Smartphones, smarte Armbanduhren, aber auch mit ihren Aktivitäten bei der Nutzung der großen Plattformen wie Google, Twitter oder WhatsApp.

Grundlage der Organisation der geplanten „Smart Cities“ und „Smart Countries“ sei es, von jedem Bürger in Echtzeit immer zu wissen, wo er sich befindet und was er tut. Die kommunale Demokratie werde „zur überwachten Zone umgebaut“, wenn der Koalitionsvertrag Realität wird. Das Ende werde der „Gläserne Bürger“ sein, sagte Hensinger. Alle Erwachsenen und alle Jugendlichen sollen eine digitale „Bürger-ID“ oder eine digitale „Schüler-ID“ erhalten. Jeder Schüler müsse deshalb ein eigenes Tablet besitzen. Bedürftige Jugendliche bekommen es nach dem Koalitionsvertrag von der Bundesregierung als Geschenk. Die Digitalisierung liefere nicht nur in China und in den USA, sondern in allen Staaten „ideale Bedingungen für eine totale Diktatur“, meinte der Referent. „Wenn bei uns die Feinde der Demokratie an die Macht kommen, können sie auf die Vorarbeit der Bundesregierung zurückgreifen.“

Hensinger beklagte, die Risiken der Digitalisierung würden nur als Nebensache behandelt. Untersuchungen belegten, dass Angststörungen und das Gefühl der Einsamkeit und Verrohung zwischen 2010 und 2020 bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsene deutlich zugenommen hätten, die Empathie-Fähigkeit dagegen deutlich abgenommen habe. Grund dafür sei die zeitlich immer umfangreichere Nutzung Sozialer Medien. Als Folge davon hätten sich Depressionen und die Suizidrate junger Erwachsener mehr als verdoppelt. Auch Gesundheitsrisiken für Erwachsene seien heute eindeutig belegt. Zur Zeit der Gründung von „InfoMobilFunk Neckartenzlingen“ 2005 sei es noch stark umstritten gewesen, ob eine zu starke Mobilfunkstrahlung zur Bildung von Krebs, zur Schädigung von Spermien und von Embryonen beitrage. Heute werde dies von der WHO und von offiziellen Gremien der EU und des Bundestags klar bestätigt.

Ganz eindeutig sei auch die Tatsache, dass die zunehmende Digitalisierung zu Umweltschäden führe. Sie beschleunige den weltweiten Verbrauch von Energie und von Ressourcen. So habe auch der von der Bundesregierung geschaffene Wissenschaftliche Beirat „Gobale Umweltveränderungen“ (WBGU) darauf hingewiesen, dass eine ungeregelte Digitalisierung zu einem „Brandbeschleuniger“ bei der Schädigung der Umwelt werden könnte. Besonders kritisch sieht Hensinger auch den kommerziellen Handel mit den Daten des „gläsernen Konsumenten“. Mit den durch „Big Data“ schon heute vorhandenen digitalen Profilen der Bürger werde ein konsumorientiertes Wirtschaftswachstum angeheizt. Bei diesem diskreten Milliardengeschäft handle z. B. die Firma Bertelsmann mit den Daten von 30 Millionen Bürgern.

Zum Schluss seines Vortrags betonte Hensinger: „Die Menschen wollen keine smarte Diktatur“. Dennoch herrsche eine große Hilflosigkeit und man verdränge einfach die Probleme. Ein Lichtblick sei immerhin, dass heute in über 70 Ländern über Verbote für Smartphones und Social Media bei Kindern und Jugendlichen diskutiert werde und eine Reihe von Ländern auch schon Verbote festgeschrieben habe. Man müsse einfach aufklären und sowohl Kritik wie auch Widerstand in den Kommunen organisieren.

Damit hatte er aufgegriffen, was in Neckartenzlingen seit langem ehrenamtlich praktiziert und in der Gemeindeverwaltung sogar hoch geschätzt wird: Mit zahlreichen öffentlichen Vorträgen von hohem Niveau und mit über 860 informativen Artikeln im Amtsblatt sowie mit Artikeln in der Presse von Nürtingen, Metzingen und Reutlingen hat unsere Bürgerinitiative in den vergangenen 20 Jahren eine beachtliche Arbeit geleistet.

(Ende Teil 1. In Teil 2 berichtet Hauser über Weiteres der Jubiläumsveranstaltung)

 

Herzliche Einladung an unseren Informationsstand auf dem Neckartenzlinger Dorffest am Sonntag, 13. Juli 2025, 13-18 Uhr

Wir sind am Sonntagnachmittag mit unserem Informationsstand auf dem Neckartenzlinger Dorffest draußen im Schulzentrum. Für  Kinder ab 3 Jahren haben wir 10 Tastkästen vorbereitet. Dort können sie ihre Tastfähigkeiten erproben. Wer alle 10 Gegenstände in den Kästen errät, erhält als Preis einen kleinen Challenge Cube.

Und wie immer gibt es aktuelles Informationsmaterial rund um das Thema Mobilfunk zu erwerben.  


Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

02.07.2025

Wir informieren: Das Analoge kehrt in den Unterricht zurück
(Teil 3 und Schluss)

„Der Anteil an digitalem Unterricht wird kleiner, das Analoge kehrt zurück.“ So ist der letzte Abschnitt im Artikel von Ulf Schönert „Schreibe wie ein 15-Jähriger“ überschrieben. Darin wird deutlich: Projektorientiertes Lernen, die handelnde Auseinandersetzung mit Problemstellungen, sowie das selbstständige Entdecken von Problemlösungen sind mit großer innerer Motivation verbunden — und deshalb auch nachhaltig. Das sind pädagogische Konzepte der 1970er, 1980er und 1990er Jahre, deren Ursprung in der reformpädagogischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts liegt.

Der Autor zeigt am Beispiel des Physiklehrers Bronner - eines echten Digital-Enthusiasten -, dass dieser aufgrund seiner negativen Erfahrungen mit KI-generierten Aufgabenlösungen seiner Schüler nun im Physikunterricht auf Aufgaben aus der vordigitalen Zeit zurückgreife. Bronner lasse seine Schüler ganz analog Schaltungen löten und Elektromotoren bauen. Die Dokumentation und Erklärung der dabei auftretenden Phänomene erfolge jedoch nicht schriftlich, sondern digital – in Form von Erklärvideos mit selbst erstellten Bildern und Video-Clips aus dem Entstehungsprozess. Das könne keine KI, sage Brunner. 

Er plädiere weiterhin dafür, KI im Unterricht kokreativ als Arbeitsmittel zuzulassen, gleichzeitig jedoch ein Gegengewicht mit Handlungsorientierung, motivierenden, individuellen und regionalen Bezügen zu schaffen. Laut einer bayerischen Studie gehe der Anteil des Unterrichts, in dem digitale Medien eingesetzt werden, bereits zurück. Seien 2017 noch 42% des Unterrichts mit Digitalmedien bestritten worden, waren es zuletzt nur noch 30%. 

Zum Schluss lässt der Autor nochmals den 34-jährigen Manuel Flick eines Berliner Oberstufenzentrums zu Wort kommen. Flick setze sonst stark auf digitale Medien und technologiegestützte Lernansätze im Unterricht. Doch nach den negativen Erfahrungen mit KI-generierten Aufgabenlösungen seiner Schüler, habe er sich wieder auf das Analoge besonnen. Nun musste die Aufgabe unter anderen Bedingungen gelöst werden: kein Laptop, Tablet, Smartphone, keine KI. Zur Lösung der Aufgabe, die in ausgedruckter Form vorlag, waren nur Stift und Papier zugelassen. Und: das Ganze fand in der Schule statt.

Und nun konnte Flick etwas Spannendes beobachten. „Alle arbeiteten konzentriert, tauschten sich plötzlich miteinander aus, fragten einander um Hilfe und diskutierten. Es entstand eine echte Lernatmosphäre und ein Miteinander, das ich in dieser Form schon lange nicht mehr so intensiv erlebt hatte.“

Flick ist davon überzeugt, dass für den Unterricht in Zukunft technikfreie Zeiten und Unterrichtsphasen mit KI notwendig sind.

Quelle: Print Ausgabe DIE ZEIT,12. Juni 2025 Nr. 25, Rubrik  Wissen, S.26

Bei diesem pädagogischen Ansatz wird KI zu einem Arbeitsmittel, dessen Gebrauch beherrscht wird und dessen Grenzen und Möglichkeiten beurteilt werden können. Und: Das analoge Lernen wird wieder seinen notwendigen Raum im Unterricht in der Schule einnehmen.

Ein gelungener Festabend 20-Jahre InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung liegt hinter uns

Wir danken allen, die gekommen waren, um mit uns zu feiern. Unter www.diagnose-funk.org/2246 finden Sie dazu Näheres, auch den aufklärenden Festvortrag von Peter Hensinger: "Auf dem Weg zur Digital-Only Gesellschaft" zum Herunterladen.


Wir freuen uns über neue Mitglieder im InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung, Ortsgruppe im Mobilfunk Bürgerforum e. V. www.mobilfunk-buergerforum.de

Die Vorsitzenden: Prof. a. D. Helmuth Kern, Bert Hauser (Telefon: 07127/35655 bzw. 07127/35949)


Alle Kommentare finden Sie hier: diagnose-funk.org/kommentar

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