Bayerischer Landtag: Das Projekt IndikuS - eine Mogelpackung!

Die medizinische Versorgung von Menschen mit Elektrohypersensibilität
Im April 2020 forderte der Bayerische Landtag die Erstellung eines Behandlungskonzepts für umweltassoziiert erkrankte Menschen (auch EHS-Betroffene). Der Auftrag ging hauptsächlich an Dr. Caroline Herr, die schon in der Vergangenheit EHS als psychische Störung einsortierte. Folglich wurde der Auftrag fehlerhaft ausgeführt. Das abgelieferte Konzept basiert auf psychologischen Deutungsversuchen und übergeht den Umweltfaktor „elektromagnetische Felder“. Wir dokumentieren anhand der Auseinandersetzung um IndikuS die Grundsatzdebatte in der Umweltmedizin.
Bayer. Landtag, Wikipedia

Die Bayerische Landesregierung beauftragte zur Umsetzung des Behandlungskonzepts das Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) die Amtsleitung im Bereich Gesundheit: Prof. Dr. Caroline Herr. Damit wurde der Auftrag in die Hände einer psycho-pathologisierenden Umweltmedizin gegeben. Das Projekt IndikuS entstand: Interdisziplinäres Konzept zur Behandlung von Menschen, die an umweltassoziierten Symptomkomplexen leiden (IndikuS).

Im Rahmen des Projekts wurden drei Berichte verfasst. Die IndikuS-Autorinnen verknüpfen darin Umwelterkrankungen mit psychischen Lösungswegen, EHS wird zur psychischen Erkrankung. diagnose:funk verfasste eine Stellungnahme zum Projekt IndikuS (s. Downloads). Wir weisen darin strukturiert nachvollziehbar die fehlerhafte Psychopathologisierung und weitere Mängel nach.

Die Spaltung der Umweltmedizin

Die Umweltmedizin ist in Deutschland seit Jahrzehnten gespalten. Die zwei umweltmedizinischen Richtungen erkennen bei Umwelterkrankungen unterschiedliche Auslöser und folglich unterschiedliche Behandlungsansätze:

  • Die „Umweltmedizin mit multisystemischem Ansatz“ versteht EHS als durch künstliche elektromagnetische Felder (kEMF) verursacht (-> umweltbedingt). Gestützt wird diese Richtung von EGKU e.V. (Zusammenschluss von dbu e.V., EUROPAEM e.V.), DGUHT e.V., DEGUZ e.V., IGUMED e.V.(aufgelöst) und KMT e.V..
  • Die „Umweltmedizin mit psycho-pathologisierendem Schwerpunkt“ betrachtet bei EHS den Umweltfaktor kEMF nicht als Verursacher. Gestützt wird diese Richtung von GHUP e.V. und DGAUM e.V.

Die Unterscheidung der umweltmedizinischen Wege wird in der Tabelle dargestellt (s. Ende des Artikels).

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Dr. Caroline Herr, Bild:DGKH

Dr. Caroline Herr prägte die Grundsatzpositionen der psycho-pathologisierenden Umweltmedizin

Dr. Caroline Herr schrieb über die angeblich prinzipielle Unschädlichkeit von EMF:

„Weder zellbiologische, tierexperimentelle noch Untersuchungen am Menschen haben bislang Hinweise darauf erbracht, dass elektromagnetische Felder des Mobilfunks in für Menschen relevanten Expositionsszenarien negative gesundheitliche Auswirkungen haben. Aus biophysikalischen Gründen ist nicht zu erwarten, dass neben thermischen Effekten, die durch Grenzwerte ausgeschlossen werden, weitere, bislang nicht bekannte Wirkmechanismen identifiziert werden.

Epidemiologische Daten weisen nicht darauf hin, dass es zu einer Zunahme von Krankheiten kommt, die mit Mobilfunk in Zusammenhang gebracht werden könnten. Die Besorgnis einzelner Patienten, die ihre Befindlichkeitsbeeinträchtigungen oder Krankheiten auf die Präsenz von Mobilfunkfeldern zurückführen, ist nach Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis unbegründet. In der ärztlichen Praxis ist es angezeigt, die Besorgnisse ernst zu nehmen, aber auf den klaren Stand der wissenschaftlichen Datenlage hinzuweisen, auch um den Patienten alternative diagnostische und therapeutische Optionen zu ermöglichen.“ (Caroline Herr, Hausarzt Online, 2010, Link tot, Screenshot bei df)

Mit dieser Position des thermischen Dogmas hat sich Dr. Klaus Scheler in zwei Artikeln auseinandergesetzt (Artikel 1, Artikel 2). Ärztinnen und Ärzte, die diese Position übernehmen, verschreiben Psychopharmaka bis hin zu Einweisungen in die Psychiatrie. Diese Position und Praxis wurde in der Zeitschrift umwelt-medizin-gesellschaft in einer Sonderbeilage (s. Downloads) heftig kritisiert. Ärztinnen und Ärzte, die als Ursache der Elektrohypersensibiliät elektromagnetische Felder sehen, werden nach dem neuen 11. Mobilfunkbericht der Bundesregierung diskriminierend einem "Verschwörungsglauben" (S. 6) verfallen einsortiert. Schlüsselartikel dieser Debatte haben wir unter Downloads dokumentiert.

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Die falsche psycho-pathologisierende Ausrichtung des Projekt IndikuS

Der politische Auftrag zum Behandlungskonzept ging an die „Umweltmedizin mit psycho-pathologisierendem Schwerpunkt“. Der psycho-pathologisierende Ansatz wird von den Umweltambulanzen der Universitätskliniken umgesetzt. Betroffenen wird zu Psychotherapie geraten. Die IndikuS-Autorinnen behaupten, diese Umweltambulanzen verfügten über die fachliche Kompetenz zur Behandlung von Menschen mit EHS und hätten sich bewährt. Wir widerlegen diese Ansicht und verweisen auf die Behandlungserfolge und Expertise der „Umweltmedizin mit multisystemischem Ansatz“.

Besonders brisant ist, dass die IndikuS-Autorinnen ihre eigens ausgewählten Studien als nicht repräsentativ, verzerrend, auf Betroffene nicht übertragbar und mit hohem Bias-Risiko bewerteten. Trotzdem stützten sie auf diese Studien ihr Ergebnis: „ … eine (...) symptomorientierte Behandlung [ist] anzuraten, um ein selbstbestimmtes Krankheitsmanagement und eine Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen.“

Realistisch bringt diese symptomorientierte Behandlung, bei der die Ursache nicht beachtet werden soll, die geringstmögliche Verbesserung der Lebensqualität. Es ist erschütternd, dass Doktoren der Medizin zu diesem „Krankheitsmanagement“ raten. Das wichtige Erfahrungswissen der Betroffenen zur Vermeidung des Umweltfaktors kEMF wird übersehen. Selbstbestimmung sieht anders aus.

Weitere Mängel beim Projekt IndikuS

Zu den Forderungen des Bayerischen Landtags gehörte:

  • „die Prüfung geeigneter Maßnahmen (...) zur Erleichterung der Meidung der auslösenden Faktoren unter Einbeziehung von Betroffenenvertretern.“. Diese Forderung wurde komplett missachtet.
  • die „… Anwendung der Erkenntnisse und Methoden der praktisch-klinischen Umweltmedizin“.  Durch die Ausgrenzung und Missachtung der „Umweltmedizin mit multisystemischem Ansatz“ wurde diese Forderung ebenso umgangen.

Damit wurden mehrere Forderungen bei der Erstellung des Behandlungskonzepts nicht umgesetzt. Zudem klärte die Beauftragte Dr. C. Herr nicht darüber auf, dass sie in einem Interessenkonflikt steht. Es gibt eine deutliche Verbindung zwischen Dr. C. Herr als Präsidentin der GHUP e.V. und der Mobilfunkbranche (siehe www.ghup.de/ueber-uns/vorstand-ghup/ und www.ehs-info.eu). Dr. C. Herr gab in den IndikuS-Berichten keine Interessenkonflikte an, was unzulässig ist!

Die Erarbeitung des Behandlungskonzepts durch die Beauftragten entpuppte sich als eine Verstärkung der Mangelversorgung, unnötige Zeitverzögerung und Geldverschwendung. Dem Staatsauftrag wurde von den IndikuS-Beauftragten nicht entsprochen.

Ausblick

Die IndikuS-Beauftragten an der Seite der „Umweltmedizin mit psycho-pathologisierendem Schwerpunkt“ bewirken die Diskriminierung EHS-Betroffener. Sie behindern Verständnis und Rücksicht im Umfeld der Betroffenen.

Ärztliche Fortbildungen im Bereich der „Umweltmedizin mit multisystemischem Ansatz“ müssen massiv ausgebaut werden. Das Erfahrungswissen der Betroffenen muss ernst genommen, geachtet und integriert werden. Das bemerkenswerte Versorgungskonzept von GENUK e.V. (GEmeinnütziges Netzwerk für UmweltKranke e.V.) „Die aktuelle Situation von Personen mit umweltassoziierten Erkrankungen – Probleme und Lösungsansätze“, 2022, ist wegweisend. Man kann es hier https://www.genuk-ev.de/nachrichten/nachrichtenleser/umweltkrankheiten-uebersicht-2022  nachlesen (s.a. Downloads).

Bedeutung der Abkürzungen: 

EGKU e.V.: Europäische Gesellschaft für Klinische Umweltmedizin e.V.
Im EGKU e.V. haben sich der dbu e.V. (Deutscher Berufsverband Klinischer Umweltmediziner e. V.) und die EUROPAEM e.V. (Europäische Akademie für Umweltmedizin e.V.) zusammengeschlossen.
DGUHT e.V.: Deutsche Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie e.V.
KMT e.V.: Ärztegesellschaft für Klinische Metalltoxikologie e.V.
DEGUZ e.V.: Deutsche Gesellschaft für Umwelt-ZahnMedizin e. V.
IGUMED e.V.(aufgelöst): Interdisziplinäre Gesellschaft für Umweltmedizin e.V.

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Das bundesweite Netzwerk. Mit Klick vergrößern!Grafik:diagnose:funk

Elektrohypersensibilität: Ärztenetzwerk wächst

Die Verbreitung des Buches "Die unerlaubte Krakheit", die Weitergabe an Mediziner, hat auch dazu beigetragen, dass unser Netzwerk auf über 80 Ärztinnen und Ärzte angewachsen ist. Alle sich beteiligenden Ärztinnen und Ärzte haben unterschrieben, dass sie EHS nicht als ursächlich psychisch verstehen und die Erfahrungen der Betroffenen ernst nehmen. Wir freuen uns, dass wir damit bundesweit Ärzte vermitteln können. Das Ärztenetzwerk finden Sie als PDF und als Landkarte auf www.diagnose-ehs.org.

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Tabelle:diagnose:funk

Publikation zum Thema

Buch Titelbild diagnose:funk
Preis: 16,90 EuroFormat: A5Seitenanzahl: 368 Veröffentlicht am: 01.11.2022 Bestellnr.: 905ISBN-13: 978-3982058528Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Die unerlaubte Krankheit.

Wenn Funk das Leben beeinträchtigt.
Autor:
Renate Haidlauf
Inhalt:
Mindestens zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind elektrohypersensibel – durch Funk erkrankt. Das entspricht über 1,2 Millionen Erwachsenen. In diesem Buch berichten 50 Betroffene, wie sie auf Funk reagieren und welche Konsequenzen das hat für ihre Familien, ihr Wohnumfeld, den Beruf und ihr ganzes Leben. „Unerlaubte Krankheiten“ ziehen sich durch die Geschichte des Industriezeitalters. Menschen erkrankten durch Asbest, fast hundert Jahre lang verschloss man die Augen davor. Es durfte nicht sein, weil es ein lukratives Produkt infrage stellen würde. So ging es im Bergbau mit PCB-verseuchten Ölen, mit giftigen Stäuben und Dämpfen im Druckgewerbe, mit der Strahlung von militärischen Radaranlagen, die bei Soldaten Krebs verursachte. Man erkannte die Zusammenhänge mit den gefährlichen Stoffen nicht an, in jahrzehntelangen Gerichtsverfahren wurden die Betroffenen zermürbt, in den wenigsten Fällen erhielten sie eine Abfindung. In den letzten Jahren hat sich der Anteil der Menschen mit Kopfschmerzen und Schlafschwierigkeiten enorm erhöht. Sie suchen ärztlichen Rat, doch man findet keine Ursachen. Parallel dazu stieg auch die Funkbelastung durch WLAN, Sendemasten, Bluetooth etc. Solange Schmerzgeplagte und Schlaflose noch keinen Zusammenhang mit Funk erkennen, ist ihr Kranksein „erlaubt“. Stellen sie jedoch fest, dass ihre Beschwerden nachlassen, wenn sie WLAN und Co. vermeiden, dann wird ihr Urteilsvermögen schnell angezweifelt.
diagnose:funk
Oktober 2023Format: DIN LangSeitenanzahl: 8 Veröffentlicht am: 06.11.2023 Bestellnr.: 320Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Diagnose Elektrohypersensibilität


Inhalt:
Dieser Flyer weist Menschen darauf hin, dass man durch die Belastung durch elektromagnetische Felder (EMF) erkranken kann. Es ist davon auszugehen, dass viele Menschen durch EMF erkrankt sind, ohne es zu wissen. Unser neuer Flyer ermöglicht es Menschen, die z.B. von Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Erschöpfung geplagt sind, einen möglichen Zusammenhang mit Mobilfunk zu erkennen und zu überprüfen. Der Flyer erklärt leicht verständlich das Entstehen von Elektrohypersensibilität. Damit gibt der Flyer erste Hilfestellung zum Umgang mit EHS und verweist auf Infos, in denen zusätzliche Informationen erhältlich sind. Mit dem Flyer wird aber nicht nur auf ein Problem hingewiesen, sondern es werden auch Lösungswege aufgezeigt.
diagnose:funk
Stand: 08.10.2024Format: A4Seitenanzahl: 23 Veröffentlicht am: 14.06.2024 Sprache: DeutschHerausgeber: diagnose:funk

Überblick Nr. 5: Gibt es Elektrohypersensibilität?


Autor:
diagnose:funk
Inhalt:
Überblick Nr. 5 nimmt zu der Debatte, ob die Strahlung zur Krankheit Elektrohypersensibilität (EHS) führen kann, Stellung und dokumentiert die medizinischen Erkenntnisse. Warum die Mobilfunkindustrie diese Krankheit zur Einbildung erklärt, ist nachvollziehbar. Für sie ist es geschäftsschädigend, wenn ihre Produkte mit Krankheitsfolgen in Verbindung gebracht werden. Doch auch die für den Gesundheits- und Strahlenschutz zuständigen Behörden verbreiten, EHS sei eine psychische, angstbesetzte Reaktion. Sie bestreiten Zusammenhänge mit der Strahlenbelastung und behaupten, es gäbe keinen kausalen Ursache-Wirkungsmechanismus. Mit vorliegenden Beweisen für diesen Zusammenhang und mit der Forderung nach der Kausalität als Voraussetzung für die Anerkennung einer Krankheit setzt sich dieser Artikel auseinander und auch damit, warum Menschen mit Elektrohypersensibilität diskriminiert werden.
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