Kommentar der Woche von Kern & Hauser

Mai 2025
Die Kommentare der Woche befassen sich mit aktuellen Themen der Mobilfunkpolitik. Sie werden verfasst von Prof. a.D. Helmuth Kern und dem Journalist Bert Hauser. Beide Autoren sind Vorsitzende der Ortsgruppe "InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung" im Mobilfunk Bürgerforum e.V. Die Kommentare werden monatsweise an dieser Stelle in einem Artikel zusammengefasst. Jede mobilfunkkritische Bürgerinitiative kann sich dieser Kommentare von Kern & Hauser frei bedienen, sie selbst weiter veröffentlichen und damit Infoarbeit leisten. Bitte als Quellenangabe diagnose-funk.org/kommentar angeben.
Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

27.05.2025

Wir informieren: Informationsveranstaltung mit Prof. Dr. Edwin Hübner - Bert Hauser berichtet (Teil 2 und Schluss)

Am 15. Mai 2025 fand der Vortrag von Prof. Dr. Edwin Hübner in der Aula der Auwiesenschule in Neckartenzlingen statt. Wieder kamen erfreulicherweise manche Interessierten aus der ferneren Umgebung. Über den ganzheitlich angelegten Vortrag „Realität und Virtualität – Welche Konsequenzen kann die Vermischung von künstlichen 3D-Welten und realem Leben haben?“ verfasste Bert Hauser einen sehr informativen Artikel, den wir der Länge wegen in zwei Teilen veröffentlichen. Heute Teil 2.

 

Medienpädagoge Hübner: „Wichtig ist, was im Herzen geschieht“

Hübner wies darauf hin, dass die Wahrnehmung der Welt stets mit vielen Sinnen zugleich geschieht, auch wenn manches unbewusst abläuft. Das Wahr-nehmen der realen Welt sei so eng mit dem Bewegungsorganismus des Menschen verbunden. Wenn aber das Auge in einen virtuellen Helm blickt, werde seine Wahrnehmung von der übrigen Sinneswahrnehmung des Körpers getrennt. Bildwelten spalten nach Hübner die Sensomotorik. Der „sensomotorische Organismus“ könne dabei deformiert werden. Denn Bilder seien „Mumien“ einer vergangenen Erscheinung, Datenträger seien „der Sarkophag, in dem sie aufbewahrt werden.“ Wer sich von dieser Mumienwelt einfangen lasse, verliere u.a. seine Fähigkeit zur Liebe.

Hübner verwies in diesem Zusammenhang auf die Berichte von Menschen, die in einer Notsituation eine „Nahtod-Erfahrung“ gemacht hatten. Sie seien zu der Erkenntnis gelangt, dass der reale Kontakt zu anderen, dass Dankbarkeit, Fürsorge, Mitgefühl und Liebe das Wichtigste im Leben sind.

Für Kinder, deren sensomotorisches System sich erst noch ausbildet, sei jeder ausgedehnte Medien- konsum schädlich. Kinder müssten die Welt unbedingt mit ihren natürlichen Sinnen erfahren, um kompetent fürs Leben zu werden. Ihre Sinne müssen nach Hübner mit der realen Welt kommuni- zieren. Nur so könnten sie angemessen sehen, hören und denken lernen. Bei mehr als 25 Prozent der 10- bis 17-Jährigen habe eine Studie der DAK-Krankenkasse von 2024 „eine riskante und pathologische Nutzung sozialer Medien“ festgestellt. Die Mediensucht sei in den vergangenen fünf Jahren deutlich angestiegen.

Die virtuelle Realität sei keine echte Realität, auch wenn dies sogar manche Philosophen behaupten. Menschen seien keine Maschinen, deren Bewusstsein und deren innere Funktionen nur einem Algorithmus folgen. Die Vermischung von realer Welt und virtueller Welt sei ein Angriff auf das wahre Menschsein und die menschliche Würde.

In einer Publikums-Debatte nach dem Vortrag ging es um weitere Risiken der KI. Die könnte dazu führen, meinte Prof. Hübner, dass bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze in vielen Ländern verloren gehen, wenn KI großflächig zur Bedienung von Produktionsmaschinen eingesetzt wird. Auch deshalb bräuchten wir ein neues Menschenbild und neue Sozialverträge. Die Erträge aus der KI-Produktion müssten dorthin geleitet werden, wo man sie braucht: in die Schulen, in den Gesundheitsbereich und in den Bereich der Kultur.


Prof. Dr. Erwin HübnerPrivat

21.05.2025

Wir informieren: Informationsveranstaltung mit Prof. Dr. Edwin Hübner - Bert Hauser berichtet (Teil 1)

Am 15. Mai 2025 fand der Vortrag von Prof. Dr. Edwin Hübner in der Aula der Auwiesenschule in Neckartenzlingen statt. Wieder kamen erfreulicherweise manche Interessierten aus der ferneren Umgebung. Über den ganzheitlich angelegten Vortrag „Realität und Virtualität – Welche Konsequenzen kann die Vermischung von künstlichen 3D-Welten und realem Leben haben“? verfasste Bert Hauser einen sehr informativen Artikel, den wir der Länge wegen in zwei Teilen veröffentlichen.

Medienpädagoge Hübner: „Wichtig ist, was im Herzen geschieht“

Neckartenzlingen – Die zunehmende Vermischung der digitalen, virtuellen Welt mit der echten, menschlichen Realität war das spannende Thema eines Vortrags, den der Medienpädagoge Prof. Edwin Hübner Ende vergangener Woche in Neckartenzlingen hielt. Hübner schloss seine Rede mit einem eindringlichen Appell zur Schätzung der Menschenwürde jedes anderen „selbst, wenn der andere Mensch eine der meinigen komplett gegensätzliche Auffassung über ein Thema hat“. – „Wichtig ist, was im Herzen geschieht: Fürsorge und Mitgefühl“, betonte er. Heute aber bestehe die Gefahr, dass Menschen sich zu sehr in einer virtuellen Welt bewegen, die Menschlichkeit aus dem Auge verlieren und über kurz oder lang „ein Brett vor dem Kopf“ haben.

Anlass für die Sorgen Hübners ist die Entwicklung einer virtuellen Welt, wie sie derzeit von Software-Konzernen entworfen wird. Apple stellte 2023 sein Projekt „Vision Pro“ vor: Einen neuen Headset, auch „Mixed-Reality-Brille“ genannt, der mit mehreren Mikrofonen und zwölf Kameras ausgerüstet ist, die unter anderem die Bewegung der Augen, der Hände und der Finger verfolgen. Mit ihnen kann das Bildprogramm ohne Tastaturen, ohne Mäuse und ohne Gamecontroller gesteuert werden. Das Gerät lässt sich auch mit einem Laptop koppeln, sodass man dessen Bildschirm im Großformat vor sich im Raum zu sehen meint. Die technologische Entwicklung zielt darauf ab, die digitale mit der physischen Welt zu „verschmelzen“. Mit Hilfe einer im Gehirn implantierten künstlichen Intelligenz (KI) soll man bald nicht mehr auf den Bildschirm schauen, sondern dort selbst mitten drinnen sein und sich dabei wohlfühlen. Mark Zuckerberg nenne das Ziel „Metaverse“ und habe Facebook deshalb „Meta“ genannt. Nach Meinung von Hübner wollen die Softwareriesen Teile des Lebens in einen plattformübergreifenden virtuellen Raum verlegen.

Damit würden Techniken entwickelt, die den Menschen „von der Welt und von sich systematisch entfremden“. Es bestehe die Gefahr, dass Computersysteme mit künstlicher Intelligenz „das Denken des Menschen ersetzen“. Menschen würden zu „Gefangenen der Maschine“. Hübner zitierte den Arzt und Psychotherapeuten Joachim Bauer. „Man hilft uns solange beim Denken, bis wir nicht mehr denken können.“ (Ende Teil 1)


Kern & Hauser, Bild: Ingrid Schaeffer

14.05.2025

Wir informieren: Erschaffen oder konsumieren?
Reale oder virtuelle Erlebnisse

Nadine Mescher hat Germanistik, Sozialwissenschaften und Waldorf-
pädagogik studiert. Sie arbeitet als Klassenlehrerin und Fachlehrerin für Musik und Religion an der Freien Waldorfschule in Hamm in Nordrhein-Westfalen und ist dort auch in der Schulleitung tätig. Zudem ist sie freie Autorin.

In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Info3 hat sie einen aufschlussreichen Artikel veröffentlicht, in dem sie über das bevorstehende zweiwöchige Forstpraktikum in ihrer siebten Klasse berichtet. „Erschaffen oder konsumieren?“ ist ihr Beitrag überschrieben und zeigt auf, wie wichtig eigenstän-diges Handeln und Erleben für das Lernen von 13- und 14-Jährigen ist. Sie schreibt: „Wir sind im Mai nämlich im Forstpraktikum und bewohnen ganz für uns ein Jugendwaldheim. Stehen morgens um
6 Uhr auf, frühstücken um 6:30 Uhr und machen uns dann in Gruppen auf den Weg zu den verschiedenen Arbeitsstätten im Jugendwaldeinsatz: Hochsitze bauen, Baumpflege, Forstschutz und mehr. Nach getaner Arbeit erwarten uns Lagerfeuer mit Gesang und Stockbrot, Nachtwanderung mit Fledermausortung, Bogenschießen und überhaupt ein riesiges Gelände inklusive Wildschweingehege, das natürlich ausgiebig erkundet werden will. Ein echtes Abenteuer, Erinnerungen fürs ganze Leben.“ All diese Aktivitäten sprechen die Sinne der Jugendlichen an und fordern sie sowohl körperlich als auch mental.

Mescher reflektiert den Unterschied zwischen realen Erlebnissen, einem Leben mit allen Sinnen und dem virtuellen mit dem Smartphone. Sie berichtet von Gesprächen mit den Jugendlichen, dass nun mit dem Projekt das gewohnte Leben mit dem Smartphone mit Textnachrichten, Sprachnachrichten und Bildern für bald zwei Wochen pausieren würde. Das darüber ein Großteil der Klasse erleichtert und froh zu sein schien, dass wenige jedoch zugegeben hätten, sich ein Leben ohne ihr Handy nicht mehr vorstellen zu können.

Meschers pädagogische Konsequenz: Sie will das Forstpraktikum zu einer unvergesslichen Klassen-fahrt machen „voller echter Momente, gegenseitiger Wahrnehmung, Teamgeist“ in dem die schnelle, jederzeit verfügbare Ablenkung des Smartphones und seiner Botschaften nicht mehr wesentlich erscheint. (Quelle: Nadine Mescher: Erschaffen oder konsumieren? in Info3 Bewusst leben Gesellschaft gestalten, Mai 2025, S. 44)

In Meschers Artikel wird ein grundlegender ganzheitlicher pädagogischer Ansatz sichtbar: Reale Erlebnisse und Ergebnisse sind Voraussetzungen für selbstständiges, kritisches Denken und verantwortliches Handeln. Das ist es, was den digitalen Kurz-Botschaften auf einem Bildschirm fehlt. Und das Forstpraktikum zeigt: Lernen ist mehr als Wissen ansammeln – es ist Erleben und Handeln und trägt zur Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit bei.


Quelle: InfoMobilFunk Neckartenzlingen

06.05.2025

Wir informieren: Thema Handy in der Schule - 
Bewusstsein für die Bedeutung der analogen Welt im Leben der Kinder und Jugendlichen nimmt zu (Teil 2 und Schluss)

Ein großer Erfolg war unser Informationstand von Diagnose- Funk auf dem 39. Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) in Hannover. Viele Kirchentagsbesucher informierten sich zum Thema Mobilfunk, den damit verbundenen gesundheitlichen Risiken für Mensch und Natur, sowie den psycho-sozialen Folgen eines Lebens in der Virtualität des Smartphones. Hohen Aufmerksamkeitswert hatte unser großes Banner, viel wurde es fotografiert: „Starke Kinder haben eigene Ideen – kein Smartphone“ war dort zu lesen, zu sehen: lachende, fröhliche Kinder.

Fast alle Schülerinnen und Schüler, mit denen wir sprachen, waren dafür, das private Smartphone in der Schule zu verbieten. Man könne sich dann besser konzentrieren und sei nicht abgelenkt.

Im Vergleich zum DEKT 2023 hat die kritische Haltung zur Smartphonenutzung sehr zugenommen.

So können wir heute mit Rückenwind den zweiten Teil zu „Handyverbot an Schulen“, der am 17./18. April 2025 in der Süddeutschen Zeitung unter der Rubrik „Thema des Tages“ auf S. 2 zu lesen war, fortsetzen mit den abschließenden „Sieben Tipps“ von Karin Janker:

1. Eltern und ihre Vorbildfunktion

Im Baby- und Kleinkindalter sollten Eltern im Beisein von Kindern möglichst wenig Zeit mit dem Smartphone verbringen, empfehlen Kinderärzte. Auch später ist es wichtig, ein Bildschirmverhalten vorzuleben, durch das Kinder lernen können, wie man mit „Möglichkeiten und Verlockungen der Technik umgeht“.

2. Begrenzung der Bildschirmzeit pro Tag

  • Drei- bis Sechsjährige max. 30 Minuten am Bildschirm - stets in Begleitung.
  • Sechs- bis Neunjährige höchstens 45 Minuten
  • Neun- bis Zwölfjährige maximal 60 Minuten
  • Zwölf- bis 16-jährige höchstens 2 Stunden, nur bis 21 Uhr

3. Möglichst spät ein eigenes Smartphone

Kein Smartphone in der Grundschulzeit. Ältere Kinder benutzen ein Familien-Smartphone für den Klassenchat. So haben die Eltern einen Blick auf den Chat und der Zugriff der Kinder aufs Internet ist beschränkt.

4. Standhalten gegenüber dem sozialen Druck

Klaus Zierer, Professor für Pädagogik, rät Eltern, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, die eine frühe Handynutzung ebenfalls skeptisch sehen. Das vermeide den Eindruck, dass das eigene Kind ein Außenseiter sei.

5. Apps kindersicher machen

Einstellungen in Kommunikationsplattformen, z.B. WhatsApp und Videodiensten, z.B. YouTube nutzen. Damit Verringerung der Gefahr, dass Kinder im Internet kriminelle oder verstörende Inhalte sehen würden

6. Kein Handy im Bett

Das eigene Handy der Kinder abends nicht mit ins Bett nehmen lassen: das Risiko von Schlafmangel und Reizüberflutung ist zu groß (Digitaltrainer Daniel Wolf)

7. Reden und begleiten

Notwendigkeit einer gemeinsamen Vertrauensbasis zwischen Eltern und Kindern, damit darüber gesprochen werden kann, was die Kinder online erleben. “Die Psychologin Elisabeth Raffauf rät Eltern, ihre Kinder zu fragen, was sie im Internet machen – und keine Vorwürfe zu äußern, sondern Verständnis und Interesse“. (Quelle: Karin Janker, Süddeutsche Zeitung, 17./18. April 2025, Nr. 90, S.2)

 

Herzliche Einladung: Donnerstag, 15. Mai 2025

Prof. Dr. Edwin Hübner: „Virtualität und Realität -
Welche Konsequenzen kann die Vermischung von künstlichen 3D-Welten und realem Leben haben?“

Aula der Auwiesenschule Neckartenzlingen, Beginn 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen.

 

Über den Referenten:
Prof. Dr. habil. Edwin Hübner, Studium der Mathematik sowie der Physik in Frankfurt/Main und in Stuttgart (Dipl. Math.). Von 1985–2015 Lehrer an der Freien Waldorfschule Frankfurt/Main. Daneben wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Medienpädagogik. Von 2017–2022 Aufbau und Leitung des von-Tessin-Lehrstuhls für Medienpädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart – Seminar für Waldorfpädagogik. Verfasser zahlreicher Publikationen zum Thema Medienpädagogik. Aktuell erscheint am 21. Mai 2025 sein neuestes Buch:

Zwischen künstlicher Intelligenz und virtuellen Räumen. Wie retten wir das Menschsein. 400 Seiten, Freies Geistesleben, Stuttgart. Gebundene Ausgabe, 400 Seiten, 32 Euro.

Zu seinem Vortrag schreibt Hübner:
In der sogenannten künstlichen Intelligenz setzt der Mensch seine Denkfähigkeit als Maschine nach außen. Für seine Wahrnehmungsfähigkeit erfindet er neue künstliche Welten. Damit sind bedeutende technische Fortschritte erreicht. Wahrnehmung und Denken sind jedoch Basisfähigkeiten des Menschseins. Welche gefährlichen Nebenwirkungen können die neuen Technologien für das alltägliche Leben des Menschen haben und was kann man tun, um einen gesunden Ausgleich zu schaffen?"


Wir freuen uns über neue Mitglieder im InfoMobilFunk Neckartenzlingen und Umgebung, Ortsgruppe im Mobilfunk Bürgerforum e. V. www.mobilfunk-buergerforum.de

Die Vorsitzenden: Prof. a. D. Helmuth Kern, Bert Hauser (Telefon: 07127/35655 bzw. 07127/35949)


Alle Kommentare finden Sie hier: diagnose-funk.org/kommentar

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