Koalitionsvertrag (I): Mit der Einordnung des Mobilfunkausbaus als „überragendes öffentliches Interesse“ werden Schutzregelungen unterlaufen

Mit Fiktionsregelungen soll der Mobilfunkausbau beschleunigt werden
Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD ist unterschrieben. Er enthält Leitlinien für einen von staatlicher Regulierung befreiten Ausbau der Mobilfunkinfrastruktur durch die Einordnung des Mobilfunkausbaus als „überragendes öffentliches Interesse“. Dies wird als Bürokratieabbau verkauft und ist in der Konsequenz eine Aushebelung der Gesundheits-, Strahlen- und Naturschutzregelungen.
Friedrich Merz, Bild: Stepro, CC BY-SA 4.0, Wikipedia

„Digitalpolitik ist Machtpolitik“ (S.66), dieser Kernsatz steht im Koalitionsvertrag. Er verwirklicht, wovor Frank Schirrmacher, verstorbener Herausgeber der FAZ, warnte:

  • Der "Staat der Zukunft", so Schirrmacher, werde "ein gigantisches kommerzielles, real existierendes Internet ... Vorherzusagen, was einer tun, kaufen, denken wird, um daraus einen Preis zu machen; diese Absicht verbindet Militär, Polizei, Finanzmärkte und alle Bereiche digitaler Kommunikation."[1]  

Die neue Bundesregierung strebt eine Gesellschaft „rein digital (digital only)“ (S.67) an, in der kein Platz mehr für ein analoges Leben ist. Der Chaos Computer Club kritisiert den Überwachungskatalog im Koalitionsvertrag als "ein Diktaturbesteck, schlüsselfertig und maßgeschneidert". Eine Voraussetzung der Überwachung ist der lückenlose Aufbau von Mobilfunksendemasten. Kernsätze im Koalitionsvertrag: 

  • „Die Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft (MIG) wird mindestens so lange weitergeführt, bis die bewilligten Förderprojekte abgeschlossen sind. Wir prüfen, wie wir die bei der MIG aufgebaute Kompetenz und Expertise langfristig dafür einsetzen, den flächendeckenden Mobilfunkausbau in bisher nicht beziehungsweise unterversorgten ländlichen Gebieten voranzubringen.“ (S. 68)
  • „Wir werden schnellstmöglich ein wirksames Beschleunigungsgesetz einführen, das den Mobilfunk- und Glasfaserausbau als überragendes öffentliches Interesse definiert. Ausbauhindernisse und Bürokratie bauen wir konsequent ab, zum Beispiel durch Fiktionsregelungen.“ (S. 69)[2]

Das Telekommunikationsbeschleunigungsgesetz (TKNabeg) wurde bereits von der Ampel-Regierung auf den Weg gebracht. Alle (!) Parteien stimmten ihm zu. Mit Eingaben hatten Naturschutzverbände und diagnose:funk gegen das TKNabeg protestiert. Es konnte wegen des Bruchs der Ampel-Regierung nicht mehr verabschiedet werden. Die neue Regierung will das nun nachholen.

Bild: diagnose;funk

Fiktionsregelung: „Man muss achtgeben, dass hier nicht eigentlich ein ‚Demokratieabbau‘ forciert wird.“ (Rechtsanwalt Herkner)

Die neue Regierung setzt jetzt mit der Einführung einer Fiktionsregelung noch eins drauf. Fiktionsregelungen im Bau- und Planungsrecht sind gesetzliche Regelungen, bei denen unter bestimmten Voraussetzungen eine Genehmigung oder ein Verwaltungsakt als erteilt oder erfolgt gilt, obwohl dies nicht tatsächlich oder ausdrücklich geschehen ist. Sie dienen der Verfahrensbeschleunigung und sollen verhindern, dass Behörden durch Untätigkeit Vorhaben blockieren. Die Fiktion ersetzt nur die Genehmigung, nicht die Prüfung der Rechtmäßigkeit. Das bedeutet: Ein Mobilfunkmast könnte einfach mal gebaut werden. Rechtsanwalt Dr. Herkner warnte in einem Interview mit diagnose:funk vor einer solchen Regelung: „Man muss achtgeben, dass hier nicht eigentlich ein ‚Demokratieabbau‘ forciert wird.“ Wir sind uns sicher: Das wird den Widerstand in den Kommunen beschleunigen, denn die bisherigen Rechte der Kommunen sind dadurch nicht außer Kraft gesetzt, aber die Mobilfunkbetreiber werden sie unter Berufung auf die Fiktionsregelung zu unterlaufen versuchen.

Koalitionsvertrag setzt Vorgaben der Bundesnetzagentur um

Mit diesen Regelungen im Koalitionsvertrag sollen die Planungen der Bundesnetzagentur (>>> wir berichteten) reibungslos umgesetzt werden. Bis 2030 sollen 99,5 Prozent der Fläche Deutschlands mit mindestens 50 Mbit/s versorgt sein. Zudem müssen bis 2029 in jedem Bundesland 99 Prozent der Haushalte in dünn besiedelten Gemeinden eine Versorgung von mindestens 100 Mbit/s erhalten. Auch Bundesstraßen, Landes- und Staatsstraßen sowie Binnenwasserstraßen des Kernnetzes des Bundes sind in die Ausbauverpflichtungen einbezogen.

Der Koalitionsvertrag ist eine Kampfansage an Menschen und Natur. Die Risiken der Mobilfunkstrahlung werden nicht thematisiert, Strahlenminimierung, z.B. durch ein generelles Roaming[3], wird nicht einmal angesprochen:

diagnose:funk hat zum Koalitionsvertrag bei den Verhandlern ein ausführliches Positionspapier eingereicht, das keine Beachtung fand. Dabei legten wir u.a. einen Schwerpunkt auf die Forderung nach nationalem Roaming und wiesen darauf hin, dass auch das Umweltbundesamt aus ökologischen und energetischen Gründen ein Netz für alle fordert. Wir werden mit unseren Forderungen v.a. auf Abgeordnete der Oppositionsparteien zugehen und sind uns sicher, dass die Willkür bzw. der Versuch, mit der Fiktionsregelung bestehende Regelungen zu unterlaufen, vor Ort zur Protest und zur Bildung von neuen Bürgerinitiativen führen wird.

Generalleutnant Jörg Vollmer referiert über die digitale Vernetzung der StreitkräfteBild: Mario Bähr - Bundeswehr

"Die Frequenzen sind die Macht der Zukunft!" (Bundeswehrtagung 2019)

Wozu braucht es den lückenlosen Mobilfunkausbau auch in Naturschutzgebieten? Was ist hier das überragende öffentliche Interesse? „Gewinner dürften etwa Wanderer und Mountainbiker sein – auch mitten im Nirgendwo soll es bald relativ guten Mobilfunk geben“, schreibt die Stuttgarter Zeitung (25.03.2025). Wir vermuten einen anderen Grund. Im Zuge der Aufrüstung und Kriegsvorbereitungen hat die lückenlose Kommunikation, sowohl der Streitkräfte und Sicherheitsorgane untereinander als auch zur Vernetzung der Waffensysteme, eine zentrale Bedeutung. Das Militärportal esut.de schreibt:

  • „Privatleute sind nicht die wichtigste Zielgruppe von 5G, denn für die meisten ihrer Anwendungsfälle ist die Technologie schlicht nicht erforderlich.“[4]

Die Nato hat vor kurzem ihre eigene multinationale 5G-Initiative gegründet. Das SpaceX /Starlink-Programm will bis zu 42.000 Satelliten zur 5G-Übertragung in den Weltraum schießen, mit militärischem Auftrag.[5] Im Ukraine-Krieg wird diese Satelliten-Kommunikation genutzt.[6] Er ist auch ein Erprobungsfeld für neue, digital gesteuerte Waffen. Die USA haben auf Grund dieser Entwicklung ein eigenes EMF-Operations Center gegründet.[7]

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5G-Offensive IMI-Analyse 2020/09Quelle: imi-online.de

Schwerpunkt RÜSTUNG DIGITAL. Die Informationsstelle Militarisierung (Tübingen) legte bereits 2020  Analysen vor über die Digitalisierung der Bundeswehr und die Rolle von 5G dabei. "Die Frequenzen sind die Macht der Zukunft", diesen Satz prägte auf einer Bundeswehrtagung der Präsident der BDBOS, Andreas Gegenfurtner, über die Erwartungen an zukünftige 5G-Anwendungen aus der Perspektive der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Denn das digitale Gefechtsfeld ist überall. Die Anforderungen des Militärs sind eine Haupttriebkraft für den lückenlosen Ausbau von 5G. Nicht die vernetzte Milchkanne, mit der die Parteien von Schwarz bis GRÜN diese digitale Militarisierung hoffähig machen. >>> Ausführlicher Artikel zur IMI-Broschüre auf unserer Homepage.

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Bundeswehr plant eigenes Satelliten-System im All

Das Handelsblatt berichtet, dass die Bundeswehr eine Konstellation ähnlich wie Starlink aufbaut:

  • "Dabei handelt es sich um ein Netzwerk von mehreren hundert Satelliten, die gemeinsam eine Aufgabe erfüllen – etwa Kommunikation oder Erdbeobachtung. Eine Konstellation könnte bis zu zehn Milliarden Euro kosten, schätzen Experten ... Satelliten werden immer wichtiger für alle Truppenteile: Mit ihrer Hilfe können Informationen schneller übermittelt oder feindliche Stellungen genauer ausgespäht werden." (Handelsblatt 09.04.2025)

Die Bundeswehr nutzt die zivilen Mobilfunknetze für unkritische oder speziell gesicherte Kommunikation. Für operationskritische, taktische oder vertrauliche Kommunikation hat sie eigene, militärische Kommunikationssysteme. Für alle Blaulichtorganisationen und zur Bewältigung von Krisensituationen sind die zivilen Netze essentiell. Da politisch sowohl mit einem Krieg und weiteren Umweltkrisen gerechnet wird, wird offensichtlich dafür der lückenlose Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur auf der Erde und im Weltraum geplant.

„Digitalpolitik ist Machtpolitik!“ (Koalitionsvertrag)

… dieser Satz zeigt, um was es im Koalitionsvertrag geht, eine Umstrukturierung zur digitalisierten Gesellschaft und den Aufbau einer digitalen militärischen Infrastruktur, die Schirrmacher voraussah. Der "Staat der Zukunft" werde "ein gigantisches kommerzielles, real existierendes Internet ... Vorherzusagen, was einer tun, kaufen, denken wird, um daraus einen Preis zu machen, diese Absicht verbindet Militär, Polizei, Finanzmärkte und alle Bereiche digitaler Kommunikation" (Frank Schirrmacher (2014). Wollen wir so leben?

Quellen

[1] Frank Schirrmacher (2014): Ego, Seite 101 ff.

[2] Weiter heißt es im Koalitionsvertrag: „Um den Ausbau zu beschleunigen, führen wir digitale Antragsstrecken (zum Beispiel Breitbandportal) verbindlich ein. Mindestanforderungen an Breitbandanschlüsse erhöhen wir kontinuierlich. Wir streben ein Konzept für markt- und verbraucherfreundliche Migration von Kupfer- auf Glasfasernetze an. Das Monitoring der Planungs- und Ausbauprozesse vor Ort setzen wir fort. Für den Mobilfunkausbau halten wir an den hohen Versorgungsauflagen bei den Frequenzvergaben fest. Diese müssen anhand des tatsächlichen Nutzererlebnisses überprüft werden können. Wir werden den gesetzlichen Rahmen des Beirats der Bundesnetzagentur weiterentwickeln. Wir werden die Nutzung von Satellitentechnologie zur Mobilfunkversorgung unterstützen. Bei der Vergabe der UHF-Frequenzen setzen wir uns auf  europäischer Ebene für eine Berücksichtigung aller berechtigten Interessen ein.“ (S. 69)

[3] Nur 1&1 wird das Recht auf Einmietung bei Vodafone zugestanden: „Gewährung von National Roaming zugunsten der 1&1 Mobilfunk GmbH durch eine entsprechende Auflage (wird) abgesichert“ (Pressemitteilung 23.03.2025)

[4] https://esut.de/2019/08/fachbeitraege/industrie-fachbeitraege/14824/5g-neuer-mobilfunkstandard-verspricht-der-bundeswehr-grossen-nutzen-it-news-trends-september-2019/

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Starlink

https://www.defensenews.com/battlefield-tech/it-networks/5g/2022/03/22/nato-wants-a-say-in-5g-standardization-talks/

https://www.heise.de/-6647797

[6] https://www.deutschlandfunk.de/starlink-satelliten-ukraine-musk-100.html

[7] https://www.diagnose-funk.org/1996

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