Bundesamt für Strahlenschutz antwortet dem Stuttgarter Stadtrat Hannes Rockenbauch zur STOA-Studie

Am 1.6.2022 referierte Dr. Julia Ketteler*, Bundesamt für Strahlenschutz, im Mobilfunkunterausschuss des Stuttgarter Gemeinderates. Zu ihren Positionen wandte sich Stadtrat Hannes Rockenbauch (Stuttgart Ökologisch Sozial) an die Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz.
Hannes Rockenbauch, Bild Wikipedia

An

Frau Dr. Inge Paulini, Präsidentin Bundesamt für Strahlenschutz

z.K. Baubürgermeister Peter Pätzold, Mitglieder Mobilfunkunterausschuss Stuttgarter Gemeinderat

Stellungnahme Bundesamt für Strahlenschutz im Stuttgarter Gemeinderat zur STOA-Studie am 1.6.2022

 


Sehr geehrte Frau Dr. Paulini,

am 1. Juni 2022 referierte Frau Dr. Julia Ketteler, Referentin vom Bundesamt für Strahlenschutz, im Mobilfunkunterausschuss des Stuttgarter Gemeinderates über die Arbeit Ihres Amtes und die Studienlage zu Mobilfunkstrahlung und Gesundheit. Die Studienlage, so Frau Dr. Ketteler, gebe keinen Anlass zur Besorgnis.

Ich fragte daraufhin Frau Dr. Ketteler, wie sie die Ergebnisse der Veröffentlichung der STOA (Technikfolgenausschuss des EU-Parlaments) „Health impact of 5G“ beurteilt, die zu einem anderen Ergebnis kommt: Zu Krebs und Fertilität würde es Hinweise und auch Beweise geben, dass die Strahlung gesundheitsschädlich sei.  

Frau Dr. Ketteler antwortete sinngemäß:

  • Diese Übersichtsarbeit sei nicht systematisch, es seien hier zuvor keine Regeln und keine Qualitätskriterien festgelegt worden, welche Arbeiten in diese Übersichtsarbeit mit einfließen könnten, welche begutachtet würden und auch keine Qualitätskriterien, wie gut und wissenschaftlich korrekt diese Arbeiten durchgeführt wurden.
  • Außerdem sei es so, dass die Studie der STOA lediglich Ausdruck der Meinung einer einzelnen Autorin sei und habe nichts mit der STOA zu tun.
  • Die Arbeit sei wissenschaftlich wertlos, weil sie in keiner von Experten begutachteten Zeitschrift veröffentlicht sei und deshalb im wissenschaftlichen Diskurs keine Rolle spiele.

Ich habe mich mit diesen Argumenten beschäftigt und die örtliche Bürgerinitiative kontaktiert. Danach stellt sich für mich die Bedeutung der STOA-Studie anders dar:

  • Der Bericht wurde nach den Qualitätskriterien eines Scoping-Reviews verfasst und erfüllt damit wissenschaftliche Standards.
  • Die STOA-Studie ist keine persönliche Einzelausarbeitung von Dr. Fiora Belpoggi, sondern wurde von einem Expertenteam erarbeitet. Der Bericht wurde von hinzugezogenen Experten begutachtet.
  • Der Bericht ist ein Gutachten zur Entscheidungsgrundlage für die EU-Parlamentarier und kein Artikel für eine Fachzeitschrift. Die Erstellung des Berichts wurde von der STOA an ein Expertengremium vergeben, was die Einhaltung wissenschaftlicher Standards garantiert. Dies entspricht den Praktiken unseres Gemeinderates wie auch der Bundesregierung und der Bundesministerien, die Erstellung von Gutachten an Experten- und Beratungsgremien zu vergeben.

Die Darstellung von Frau Dr. Ketteler stellt für mich eine Desinformation des Stuttgarter Gemeinderates dar mit der Folge, dass einige Kolleginnen und Kollegen Entscheidungen treffen, die mögliche Gesundheitsgefährdungen durch Mobilfunkstrahlung nicht berücksichtigen.

Ich erwarte von Ihnen als Präsidentin des Bundesamtes eine Stellungnahme.

Mit freundlichen Grüßen

Hannes Rockenbauch, Stadtrat

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Anmerkung: Hannes Rockenbauch ist seit 2004 Gemeinderat für SÖS (Stuttgart Ökologisch Sozial). Er war und ist einer der Köpfe des Widerstandes gegen Stuttgart 21. Bei den letzten Gemeinderatswahlen 2019 gehörte er zu den Stimmen“königen“ mit 60 137 Stimmen (kumuliert), 2020 kandidierte er zum Oberbürgermeister und bekam 17,8% der Stimmen.

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BfS-Abteilungsleiterin Dr. Michaela Kreuzer antwortet Hannes Rockenbauch

In ihrer Antwort vom 2.8.2022 bekräftigt Frau Dr. Michaela Kreuzer, Abteilungsleiterin im BfS, die von Dr. Ketteler*  vorgetragen Positionen, relativiert sie aber in einem wichtigen Punkt. Die Behauptung von Dr. Ketteler, die STOA-Studie sei ein narrativer Review, zusammengestellt ohne Qualitätskriterien, wird fallengelassen und konzidiert, dass die Kriterien eines Scoping-Reviews angewandt wurden. Dr. Kreuzer verlagert die Kritik auf den Hauptpunkt, in der STOA-Studie seien Studien mit mangelhafter Qualität aufgenommen und als „adäquat - ohne Einschränkung“  bewertet worden. Dieser Vorwurf trifft nicht zu, dazu nehmen wir im diagnose:funk Magazin Kompakt 3/2022 Stellung. Unter Punkt 2 hält Dr. Kreuzer die Kritik aufrecht, dass Dr. Belpoggi alleinige Autorin der Studie sei, mit dem befremdlichen Argument, „dass der Bericht nur an Belpoggi selbst in Auftrag gegeben wurde und nicht an ein Team“. Natürlich wird ein Auftrag an die Institutsleiterin vergeben, die dann ein Team zusammenstellt. Die Zusammensetzung und Arbeitsteilung dieses Teams ist in der Studie genannt, auch welche Experten zur Überprüfung von Einzelkapiteln zugezogen wurden. Die Stellungnahme von Dr. Kreuzer entkräftet nicht die Kritik des Stadtrates Hannes Rockenbauch. Dazuhin lenkt sie mit formalen Nebenfragen von den Hauptergebnissen der Studie ab. Die Antwort von Frau Dr. Kreuzer steht auf unserer Homepage als PDF (s. Downloads).

* Frau Dr. Ketteler ist inzwischen nicht mehr beim Bundesamt für Strahlenschutz beschäftigt.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Hannes Rockenbauch.

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Quelle: Bet_Noire - istockphoto.com

diagnose:funk analysiert im Faktencheck die Versuche des Bundesamtes für Strahlenschutz, die STOA-Studie zu diskreditieren

Das BfS versucht, auf zwei Ebenen die STOA-Studie zu diskreditieren:

  • Mit Kritik an ihrer Methodik. Das haben wir im ersten Faktencheck bereits analysiert und als haltlos aufgedeckt.

 

 

 

  • Mit der Unterstellung, die STOA-Studie habe Studien einbezogen, deren Ergebnisse wissenschaftlich nicht haltbar seien, wie die NTP- und die Ramazzini-Studien. Daher unterzieht diagnose:funk in einem zweiten Faktencheck auch die inhaltlichen Behauptungen des Bundesamtes, die aus einem Brief an Bundestagsabgeordnete stammen, einem ausführlichen Faktencheck. Es sind dieselben Unterstellungen die auch Frau Dr. Kreuzer im Brief an Hannes Rockenbauch formuliert, in der STOA-Studie seien Studien mit mangelhafter Qualität aufgenommen und als „adäquat - ohne Einschränkung“  bewertet worden. Mit dieser Behauptung ist das BfS aber im Kreis der Wissenschaft isoliert. Lesen sie dazu die dokumentierten Stellungnahmen führender Experten in unserem zweiten Faktencheck.

Die Argumentationsmuster durchschauen!

Die Behauptungen des Bundesamt für Strahlenschutz folgen Kommunikationsmustern, die die Industrie bei der Verteidigung von Produkten mit Gesundheitsrisiken anwendet. In dem Standard-Artikel von David Michaels & Celeste Monforton von 2005: Erzeugung von Ungewissheit: Umstrittene Wissenschaft und der Schutz von öffentlicher Gesundheit und Umwelt werden diese Muster aufgedeckt. Wir haben diesen Artikel >>> hier übersetzt und kommentiert. Anlass war uns die Debatte über die STOA-Studie, die Verfälschung der Ergebnisse der MOBI-Kids Studie und der UK Million Woman Studie in der Medienkampagne "Keine Tumorgefahren durch Handys!", die seit einem halben Jahr inszeniert wird und in der die von Werbeagenturen vorgegebenen Kommunikationsmuster, wie sie Michaels/Monforton aufdecken, zugrunde liegen.