Der faule Zauber mit den Grenzwerten
30.03.2007
Der faule Zauber mit den Grenzwerten
Von Prof.Beck, Soziologe
„Da Wissenschaftler nie ahnungslos sind, haben sie für ihre Ahnungslosigkeit viele Wörter, viele Methoden, viele Zahlen.
Ein zentrales Wort für
Auchnichtwissen
in der Beschäftigung mit Risiken ist das Wort „Grenzwert“. (...)
Grenzwerte (...) sind symbolische Beruhigungspillen (...). Sie signalisieren, daß sich da jemand Mühe gibt und aufpaßt. Faktisch haben sie die Wirkung, die Schwellen für die Versuche am Menschen etwas höher zu setzen. (...) Erst wenn das Zeug in Umlauf gesetzt wird, kann man herausfinden, wie es wirkt.
Und genau hier liegt der (...) Fehlschluß, der nun eigentlich gar kein richtiger Fehlschluß, sondern ein Skandal ist: Die Wirkung für den Menschen läßt sich letztlich zuverlässig nur am Menschen studieren. (...) Der Versuch am Menschen findet zwar statt, aber eben unsichtbar, ohne systematische wissenschaftliche Kontrolle, ohne Erhebung, ohne Statistik, ohne Korrelationsanalyse, unter den Bedingungen des Nichtwissens der Betroffenen – und mit umgekehrter Beweislast, wenn sie doch etwas bemerken sollten. (...) Es wird sozusagen eine Art Dauerexperiment veranstaltet, in dem das Versuchstier Mensch in einer Selbsthilfebewegung die Daten über seine eigenen Vergiftungssymptome gegen das kritische Stirnrunzeln der Experten sammeln und zur Geltung bringen muß. (...) Es handelt sich also um ein Dauergroßexperiment mit Meldepflicht der unfreiwilligen Versuchsmenschheit über die sich bei ihr sammelnden Vergiftungssymptome mit umgekehrter und nach oben geschraubter Beweislast, deren Argumente man schon deswegen nicht zur Kenntnis nehmen muß, weil es ja die Grenzwerte gibt, die eingehalten werden! Die Grenzwerte, die man eigentlich erst an den Reaktionen der Menschen bilden könnte, werden hochgehalten, um die Ängste und Krankheiten der betroffenen Versuchsmenschen
abzuwehren! Und dies alles im Namen der „wissenschaftlichen Rationalität“! Nicht daß die Grenzwert-Akrobaten es nicht wissen, ist das Problem. Das Eingeständnis des Auchnichtwissens wäre wohltuend. Daß sie es nicht wissen, aber so tun als wüßten sie es, ist das Ärgerliche und Gefährliche, und daß sie auf ihrem nichtwissenkönnenden „Wissen“ auch dort noch dogmatisch bestehen, wo sie es längst besser wissen könnten.“
Aus: „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ von Ulrich Beck, Professor für Soziologie,
Edition Suhrkamp, 1986
